Von Wolfgang Höbel und Andreas Lorenz
Bertolt Brecht, zeitlebens ein großer Verehrer Chinas, sagte es so: "Das Schlimmste ist nicht: Fehler haben, nicht einmal sie nicht bekämpfen ist schlimm. Schlimm ist, sie zu verstecken."
In einem klobigen Lobby-Sessel des Pekinger Kempinski Hotels sitzt eine aparte Frau in einer eleganten schwarzen Bluse. Sie heißt Tie Ning und ist die Chefin des chinesischen Schriftstellerverbands, Gebieterin über 8920 vom Staat unterstützte Autorinnen und Autoren. "Zensur? Welche Zensur?", fragt sie. "Künstler genießen große Freiheiten in China." Und: "Wir freuen uns enthusiastisch auf den offenen Meinungsaustausch, der in Frankfurt stattfinden wird."
Das kann eine heitere Buchparty werden. Mit einer offiziellen Delegation mit exakt 100 Autoren und dazu über 1000 Funktionären und Verlagsmanagern treten die Chinesen diese Woche auf der größten Buchmesse der Welt als Ehrengast an. Es soll ein "kritischer Dialog" werden, versprechen die Frankfurter Organisatoren.
In Peking sagt die strenge Frau Tie, die offenbar nie davon gehört hat, dass in China Jahr für Jahr rund 600 Bücher verboten werden: "Man muss sich an Gesetze und Regeln halten und darf zum Beispiel keine nationalen Minderheiten beleidigen. Das ist alles." Dann drückt Tie Ning den Rücken durch, rückt die große silberne Brosche auf ihrer Bluse zurecht und zeigt ein Lächeln aus Beton.
Tie Ning ist 52 Jahre alt. Früher hat sie durchaus geachtete Romane geschrieben, einer heißt "Rosentor" und erzählt von den Schrecken der Kulturrevolution, von Zeiten, in denen, wie sie selbst sagt, "alle Menschlichkeit zerstört war".
"Du zeigtest mir eine Träne, und ich sah die Ozeane in Deinem Herzen"
Auf der globalen Meinungs- und Pressefreiheit-Rangliste von "Reporter ohne Grenzen" steht die Volksrepublik China derzeit auf Platz 167 von 173. Mindestens 40 Journalisten und Schriftsteller sitzen im Gefängnis. Folter und Misshandlung seien "weit verbreitet", sagt Amnesty International. Umweltschützer werden von Staatssicherheitsleuten beschattet. Schon ein Protestbanner für die Rechte der Tibeter und Uiguren kann den, der es entrollt, auf Jahre hinter Gitter bringen. Auf den Millionen Computern des Wirtschaftswunderlands kann an vielen Tagen nicht einmal Facebook aufgerufen werden, weil die Seite mal wieder blockiert ist. Das alles ist bekannt und traurig genug.
Und doch stößt man im Land auf eine oft erstaunliche Aufmüpfigkeit. Viele Chinesen empfinden die Repressionen des Staats keineswegs so schlimm wie der Westen.
In einer schnieken Agentur an Pekings dritter Ringstraße kann man einen schmalen, jungen Burschen treffen, den sie hier als hippen Erfolgsdichter bejubeln, als Popstar der jungen chinesischen Literatur, und er macht keinesfalls den Eindruck, als ob ihn irgendetwas bedrückt an dem, wie es sich leben lässt im modernen China.
Guo Jingming ist 26 Jahre alt, aber dünn wie ein Zehnjähriger. Die Haare sind nach vorn gekämmt und toupiert, er trägt Rouge auf den Wangen und einen Ringelpulli sowie weiße Tennisschuhe. Er schreibt, seit er 18 ist, und ausschließlich über das, was ihn wirklich bewege, sagt er, sein Leben und seine Liebe. Das klingt zum Beispiel so: "Du zeigtest mir eine Träne, und ich sah die Ozeane in Deinem Herzen." Sein aktuelles Buch heißt "Tiny Times".
Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Guo Jingming besitzt Appartements in Peking und Shanghai. Er fährt in der Hauptstadt einen Cadillac und in Shanghai einen Mercedes der S-Klasse, genauer: Er lässt sich fahren. Er verdient mehr als die meisten Autoren Chinas. "Geld ist prima", sagt er. Joanne K. Rowling, die Erfinderin von Harry Potter, sei sein Vorbild.
Guo tritt in Spielshows im Fernsehen auf, er hat einen Blog und gibt eine Zeitschrift heraus, er denkt über einen Einstieg ins Filmgeschäft nach und lässt die 500 E-Mails, die er jeden Tag bekommt, von Lohnschreibern beantworten. Es gibt Leute, die sagen, dass er sich für seine Bücher von fremden Ideen inspirieren lässt, etwa von Filmen wie "Der Teufel trägt Prada". Für ihn ist China ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Land, das ihm den Reichtum beschert hat, den er nun auslebt.
Politik?
"Politik", sagt er, "interessiert mich nicht."
150.000 Bücher erscheinen jedes Jahr in China. Der eindrucksvollste Buchshop im Zentrum der Stadt hat eine mit Goldbuchstaben verzierte Betonfassade, nennt sich Beijing Books Building und gehört zu dem Staatsunternehmen, das auch die offizielle Nachrichtenagentur betreibt. Xinhua heißt "Neues China". Auf vier Etagen drängen sich unfassbar viele Kunden in muffigen Bücherschluchten, die den Charme einer deutschen Leihbücherei ausstrahlen. Die Bestseller bei Xinhua sind Bücher mit Tipps zum gesunden Lebenswandel und zum fixen Reichwerden, darunter die "Sales Bible" und gesammelte Weisheiten des großen Kaptalismusvorsitzenden Warren Buffett.
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Es gibt nicht wenig Leute - ich gehöre dazu – die die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller, als einen Wink mit dem Zaunpfahl an China auffassen. Aber ich verstehe schon : Die machen sich dann auch alle [...] mehr...
[QUOTE=IB_31;4444684]Aus: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1233878/Pekings-Propaganda-und-der-Zorn-von-Herta-Mueller.html.. Naja, Springerpresse. Der Herr Wittstock wundert sich, dass ein chinesischer Politiker seine [...] mehr...
Aus: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1233878/Pekings-Propaganda-und-der-Zorn-von-Herta-Mueller.html Der Chef der chinesischen Zensurbehörde persönlich werde, nachdem die offiziellen Vertreter Chinas in den Tagen [...] mehr...
Was, Sie wagen es, jemandem zu widersprechen, der schon 6700+ Beitrage in SPON-Foren geleistet hat, also nachgewiesenermassen Senf fuer alle Wuerstchen bereit haelt? Sie Schelm ... Nun mal im Ernst: vielen Dank fuer Ihre [...] mehr...
Vielleicht ist es ja falsch wie sich der Westen im "kalten Krieg" verhalten hat. Aber mein Eindruck das die Wirtschaft und auch große Teile der Politik in Chinas Allerwertesten kriechen hinterläßt (wohl nicht nur) bei [...] mehr...
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