Von Wolfgang Höbel und Andreas Lorenz
Vielleicht ist das Land zu groß, um es völlig kontrollieren zu können. Vielleicht ist es Zufall, dass Yu Hua heute reich ist und berühmt und Chinas Literatur in Frankfurt vertritt, während andere im Gefängnis sitzen oder Bücher schreiben, die nie veröffentlicht werden in China. Schwer zu kapieren ist, wo die Grenze verläuft zwischen normaler Aufmüpfigkeit und Dissidenz.
Auch der Schriftsteller Yan Lianke ist eigentlich kein Dissident, trotzdem hat er ein ziemliches offenes, mutiges Buch geschrieben. Es heißt "Der Traum meines Großvaters", es ist ein Buch über einen realen Skandal, bei dem vor Jahren Zigtausende Menschen durch verschmutzte Spritzen und verseuchte Blutkonserven mit HIV infiziert wurden, verantwortlich waren Bluthändler, deren Taten von korrupten Parteifunktionären gedeckt wurden. Natürlich ist es in China verboten worden.
Yan Lianke war bis Mitte der Neunziger beim Militär, als Berufssoldat, er wohnte im Rang eines schreibenden Offiziers in einer Armeesiedlung. Bis er wegen unliebsamer Texte und Interview-Auftritte seine Uniform ausziehen musste. Seit kurzem ist er Literaturprofessor an der Pekinger Volksuniversität und lehrt klassische Literatur des 20. Jahrhunderts.
"Der Traum meines Großvaters" ist nicht das erste Buch von Yan Lianke, das verboten wurde. In einem früheren, das er 2005 schrieb, treibt es die Frau eines hohen Offiziers mit dem Untergebenen ihres Mannes so heftig, dass Mao-Büsten zu Bruch gehen: nicht lustig, fanden die Zensoren.
Buchzensur oft erst nach Veröffentlichung
Jede Diskussion oder gar ein Einspruch sind in der Regel ausgeschlossen. Das Verbot eines Buchs kann teuer werden. Anders als im Filmgeschäft, wo bereits die Drehbücher zur Genehmigung vorgelegt werden müssen, findet die Buchzensur oft erst nach der Veröffentlichung statt. Yan Liankes "Der Traum meines Großvaters" zum Beispiel lag drei Tage lang in den Buchläden. Dann mussten die Verleger die gedruckten Exemplare einsammeln. Wegen des Verlusts stritten sie mit dem Autor um das Honorar. Es ist dieses finanzielle Risiko, oft verschärft durch von der Behörde verhängte Strafen, das die chinesische Zensur so effektiv macht. "Die Selbstzensur ist viel schlimmer als alle Eingriffe der Kontrolleure", sagt Yan Lianke. "Auch ich habe jahrelang Kompromisse gemacht! Und was hat es genützt? Nichts! Chinas Autoren haben die Zensur in ihrem Blut."
Dann verkündet Yan Lianke mit einem sarkastischen Lächeln, dass sich die Situation der chinesischen Autoren in Wahrheit dennoch enorm gebessert habe. "Vor 30 Jahren hat man unliebsame Schriftsteller gefoltert und umgebracht. Als man vor 15 Jahren zum ersten Mal einen Roman von mir verboten hat, musste ich ein halbes Jahr lang regelmäßig aufs Amt kommen und Selbstkritik schreiben. Heute lässt man mich privat in Ruhe."
Yan Lianke wurde verwehrt, als Teil der offiziellen Delegation nach Deutschland zu kommen; als Ullstein-Autor hätte er trotzdem reisen dürfen, aber er will nicht: "Es ist besser, nicht zu fahren und still zu bleiben." In Frankfurt veranstalte man "einen Tempel-Rummel" wie beim chinesischen Frühlingsfest, er würde dort nur den anreisenden chinesischen Politikern und Funktionären widersprechen, das sei gefährlich. "Ich muss in China leben. Ich bin nicht sehr stark, manchmal sogar feige. Ich muss an meine Mutter, meine Frau, meine Tochter denken. Ich will sie nicht in Schwierigkeiten bringen."
Der gute Mensch Bertolt Brecht sagte: "Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema Volksrepublik China | RSS |
© DER SPIEGEL 42/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH