Samstag, 21. November 2009

Wissenschaft



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19.10.2009
 

Energie

Größer als Schwarzenegger

Von Clemens Höges

Clemens Höges

Die dänische Insel Samsö ist ein Mekka für Klimaschützer, denn die Insulaner erzeugen mehr Energie, als sie brauchen - mit Windrädern, Solaranlagen, Strohbrennern und Kuhmilch-Wärmetauschern. Das kleine Ökotopia soll auf dem Klimagipfel in Kopenhagen als Vorbild dienen.

Vor sechs Jahren dachte sich Paul Erik Wedelgaard, es sei höchste Zeit für eine ganz andere Zukunft, obwohl er da schon 70 Jahre alt war. Sonne, Kälte und das Meer haben scharfe Furchen in sein Gesicht gegraben. Sein hölzerner Fischkutter "Kyholm" pflügt durch die Ostsee Kurs Süd, dorthin, wo vor Samsö die Symbole dieser Zukunft stehen: die Windräder.

Noch heute turnt Wedelgaard über die Decksplanken, fast wie damals mit 14, als er anfing zu fischen. Doch seit Jahren schon gehen kaum noch Dorsche in die Netze, und auch die kleine Lachsfarm, die er mit einem Kollegen betrieb, warf nicht genug ab. Aber dann gab es da diese jungen Männer, die so etwas wie eine Revolution wollten, ausgerechnet auf Samsö. Sie hatten Ideen, ein dickes Konzept.

Es ging ihnen um die Welt und um das Klima. Vor allem aber ging es um Samsö und um gutes Geld, das sich verdienen lasse. Leute wie er, Wedelgaard, mussten nur eine ziemlich sichere Wette eingehen.

Direkt auf die Paludan-Untiefe wollten sie zum Beispiel zehn riesige Windräder stellen, jedes für 24 Millionen Kronen, über 3 Millionen Euro. Und die Maschinen sollten den Samsingern gehören, so nennen sich die Menschen der Insel.

Die Paludan-Untiefe liegt in einer windigen Ecke, das wusste Wedelgaard natürlich. Es könnte also funktionieren, dachte er sich. Er verkaufte seine Hälfte der Lachsfarm, borgte sich Geld von der Bank dazu, dann investierte er 3,5 Millionen Kronen in eine der Anlagen, die Nummer 6. In vier Jahren wird Wedelgaard sein Geld wieder raushaben. "Wir müssen doch etwas für die Kinder tun", sagt er. Für seine vier und die anderen auf der Insel.

Samsö ist ein Labor, in dem die dänische Regierung vor zwölf Jahren ein soziales und technisches Experiment anschob. Bis dahin brachten Schiffe Heizöl auf die Insel, Strom, überwiegend aus Kohlekraftwerken, kam per Kabel, für jeden Samsinger wurden so pro Jahr elf Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Der Auftrag war, diese elf Tonnen auf null zu reduzieren, innerhalb von zehn Jahren, ohne besondere Hilfen.

Acht Jahre später schon produzierten sie mehr Energie, als sie verbrauchten

Die Samsinger schlossen sich zusammen, sie stellten die Windräder auf und schraubten Solarzellen auf ihre Dächer, sie bauten zentrale Strohbrenner, sie installierten Maschinen, die mit der Wärme der Erde und der von Kuhmilch Häuser heizen, und andere, die aus dem Raps der Insel Öl pressen für die Tanks der Trecker.

Acht Jahre später schon produzierten sie mehr Energie, als sie verbrauchten, klimaneutral, inzwischen sind es 40 Prozent mehr. Nun bleiben zwei Fragen: Können die Rezepte der Insel - 22 Dörfer, 4000 Einwohner, eine kleine Konservenfabrik - anderswo wirken? Und will der Rest der Welt den Samsingern überhaupt folgen?

Darum wird es ab dem 7. Dezember gehen, wenn sich Politiker aus der ganzen Welt in Kopenhagen zum internationalen Klimagipfel treffen. Sie müssten dafür sorgen, dass die Temperatur weltweit um nicht mehr als zwei Grad steigt. Das ist nur möglich, wenn der Ausstoß von Kohlendioxid, der Verbrauch von Kohle, Öl und Gas, drastisch reduziert wird - wie drastisch, darum wird schon jetzt gestritten.

"Man muss verhandeln, aber dann muss man nach Hause gehen und etwas tun", sagt der Mann, der das kleine Wunder von Samsö organisiert hat. "Wir wachen doch nicht jeden Morgen auf und überlegen, wie wir den Eisbären retten können. Nein, Menschen denken an sich selbst." Und Sören Hermansen hält das weniger für ein Problem als vielmehr für die Lösung.

Hermansen spielt die Rolle des Captain Kirk

Hermansen ist eine Art Guru für Klimaexperten und Politiker geworden. Im Herbst vergangenen Jahres setzte das US-Nachrichtenmagazin "Time" seinen Namen auf die Titelseite, zusammen mit den Namen anderer "Helden der Umwelt". Unterschiedlich große Kreise sollten ihre Bedeutung zeigen. Hermansens Kreis war ungefähr viermal so groß wie der von Arnold Schwarzenegger, dem Gouverneur Kaliforniens.

Es ist ziemlich schwer, Hermansen auf seiner Insel zu treffen. Er fliegt viel um die Welt. Gerade war er in Kopenhagen vor dem Parlament, zuvor in Japan, in Korea, Italien und in Brüssel: José Barroso war da, Chef der EU-Kommission, am Rande stritt sich der russische Energieminister mit einem ukrainischen Gegenpart. Und Hermansen, ehemaliger Bauer aus dem Dorf Kolby Kaas auf Samsö, größer als Schwarzenegger, polterte, dass sie nicht ernsthaft genug versuchten, was seine Insulaner schaffen.

Hermansen, 50, leichtes Grau im kurzen Haar, hat ein trainiertes Sportlerkreuz und gern ein breites Lachen im Gesicht. Nun sitzt er in einem Haus, das mit seiner blanken Metallhaut ein wenig so wirkt, als wäre das Raumschiff "Enterprise" in Bullerbü gelandet. Und Hermansen spielt die Rolle des Captain Kirk, als Direktor dieser "Energie-Akademie" im alten Fischerdorf Ballen. Hier zeigen sie Besuchern aus aller Welt, welche Apparate sie einsetzen, welche Infrastruktur sie aufgebaut haben. Und natürlich ist auch das Haus selbst ein Vorführobjekt, mit Solarzellen und einem Computer, der ab und zu Lüftungsklappen im Dach ausfährt.

Samsö wurde "Ökoenergie-Insel", ein Titel wie ein Messingorden

Hermansen erzählt, wie die Idee von Samsö funktioniert: 1997 schrieb das dänische Energieministerium einen Wettbewerb aus. Eine Region sollte ausgewählt werden, um zu testen, wie viel regenerative Energie in der Praxis bringen kann. Die Ausschreibung war clever: Die Siegerregion müsse die Null erreichen mit frei verfügbarer Technik und ohne Sonderhilfen aus Kopenhagen. So wären die Ergebnisse gut übertragbar, und das Ganze würde den Staat kaum eine Öre extra kosten.

Gegenüber von Samsö liegt auf dem Festland die Stadt Aarhus, und ein Ingenieur kam dort auf die Idee, ein Konzept für Samsö zu schreiben. Er analysierte, wie viel Strom die Samsinger brauchen und wie viel Öl, wie viel Biomasse dort pro Jahr wächst, wie stark der Wind bläst und wie lange die Sonne scheint. Dann schrieb er einen Plan - und gewann den Wettbewerb.

Samsö wurde "Ökoenergie-Insel", ein Titel wie ein Messingorden, nett gemeint, aber fast wertlos. Er half bei der Genehmigung der Anlagen, aber die Samsinger konnten zunächst wenig damit anfangen. Als Fernsehreporter kamen und den Bürgermeister interviewten, musste der erst mal blättern im Konzept.

Der Ingenieur riet ein paar Leuten auf Samsö, einen Verein zu gründen, sonst würde aus dem Plan nichts. Zur ersten Versammlung in Tranebjerg kamen 50 Samsinger. Die anderen 3950 kamen nicht. Sie sahen einfach nicht, wo da das Geschäft sein sollte.

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