Von Philip Bethge
Es hängt viel davon ab, ob "Ares I-X" am Dienstag dieser Woche wie geplant in den Himmel über Florida startet. Schon nach 39 Sekunden soll die 800-Tonnen-Rakete die Schallmauer durchbrechen, zwei Minuten später dann bereits in 40 Kilometer Höhe fliegen.
Kleiner und kleiner wird der Feuerschweif des schlanken Flugkörpers über dem Atlantik östlich von Cape Canaveral werden. Und Jon Cowart wird aufatmen und sich dem Ziel seiner Träume einen gewaltigen Schritt näher wähnen.
Werden in absehbarer Zeit wieder Astronauten auf dem Mond stehen? Und welche weiteren ihrer Visionen wird sie künftig noch verwirklichen dürfen, die US-amerikanische National Aeronautics and Space Administration (Nasa)?
Derlei Fragen werden Cowart, dem "Deputy Mission Manager" für das "Ares I-X"-Projekt, durch den Kopf schießen. Und er wird hoffen, dass der gewaltige Vrooom der Rakete seine Wirkung nicht verfehlt.
"Ich glaube, dass ein gelungener Start die Diskussion um die Zukunft der Nasa positiv beeinflussen wird", sagt der Ingenieur und blickt hinüber zur Startrampe 39B des Kennedy Space Center. "Wenn die Politiker dieses Ding abheben und nach Osten rasen sehen, dann werden sie sagen: ,Ja, das funktioniert, und ja, dies ist der Weg, den wir gehen sollten.'"
Die Nasa hat die derzeit größte Rakete der Welt in Anschlag gebracht. Sie ist ein Triumph phallischer Ingenieurskunst, hundert Meter hoch und geformt wie eine überdimensionale Wunderkerze. Sie ist Hoffnung und Rettungsanker der Nasa.
40 Jahre nach der ersten Mondlandung steht die größte Raumfahrtorganisation der Erde am Scheideweg. Die Spaceshuttles fliegen im kommenden Jahr zum letzten Mal. Sie gelten als zu teuer und - nach den Challenger- und Columbia-Katastrophen - auch als nicht sicher genug.
Mit einer neuen Flotte von Raumfahrtvehikeln soll nun eine neue Ära der Exploration anbrechen. "Ares I-X" ist die erste Testrakete des sogenannten Constellation-Programms, das Menschen ab 2020 wieder zum Mond und darüber hinaus tragen soll.
Doch mit einem Billionendefizit im US-Haushalt ist das Geld knapper denn je. Und die Politik zweifelt zunehmend am Sinn des Weltraumzaubers. Alles scheint derzeit in Frage zu stehen: die Raketen, das Budget, der Zeitplan, die Flugziele - und damit möglicherweise die Zukunft der bemannten US-Raumfahrt überhaupt.
Das Constellation-Programm sei ohne weitere Finanzspritzen "nicht durchführbar". So steht es in einem von US-Präsident Barack Obama in Auftrag gegebenen Bericht, dessen Schlussfassung vergangene Woche bekannt wurde. "Mit dem derzeitigen Budget lässt sich kaum etwas Inspirierendes unternehmen", klagt Norman Augustine, Chefautor des nach ihm benannten Reports. Bill Nelson, Senator aus Florida, ergänzt: "Wenn der Präsident nicht bereit ist, einen ähnlich kühnen Schritt zu gehen, wie ihn Präsident Kennedy einst ging, wird die bemannte Raumfahrt den Bach runtergehen."
Am 25. Mai 1961 gab Präsident John F. Kennedy den Startschuss für den amerikanisch-sowjetischen Wettlauf zum Mond: "Vor dem Ende der Dekade" sollte es gelingen, "einen Mann auf dem Mond zu landen und sicher zurück zur Erde zu bringen". Acht Jahre später war es so weit: Neil Armstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Erdtrabanten.
Doch zu welchem Preis: An die 400.000 Menschen beschäftigte das "Apollo"-Programm zu seinen besten Zeiten. Rund 130 Milliarden Dollar kostete das Wagnis in heutigen Preisen. Nie wieder steckten die Amerikaner einen so großen Teil ihres Haushalts in die Raumfahrt.
An diese glorreiche Ära wollen die Nasa-Strategen anknüpfen. Diesmal gehe es um noch mehr: Astronauten sollen für Monate auf dem Mond leben und dort einen dauerhaften Außenposten aufbauen. Vor allem aber sollen sie sich auf die Erkundung des Mars und des weiteren Sonnensystems vorbereiten. Amerika trage die Eroberung ferner Welten "im Erbgut", sagt Charles Bolden, Ex-Astronaut und seit kurzem Nasa-Chef. Die Gründe für neue Missionen seien so alt wie die Idee von Amerika selbst: Entdeckung, Wissenschaft, Innovation. "Großartige Expeditionen liegen noch vor uns", sagt Bolden.
Ende September am Kennedy Space Center in Florida: Die Konstruktion von "Ares I-X" ist noch in vollem Gang. Hoch wie ein 50-stöckiges Haus ist die riesige Nasa-Montagehalle, und wer hineintritt, fühlt sich wie in einer hoffnungslos überheizten Kathedrale. Der Blick schweift augenblicklich nach oben und verliert sich im Gewirr der Lüftungsrohre und Kabelstränge. Etwa auf halber Höhe der "High Bay 4" hängt eine gut 15 Meter hohe US-Flagge, dahinter, eingekeilt zwischen Montageplattformen, die weiß schimmernde Außenhaut von "Ares I-X".
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© DER SPIEGEL 44/2009
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