Von Janko Tietz
Als Romy Büssow von ihrer Heimat Sassnitz auf Rügen nach Norderstedt bei Hamburg zog, freute sie sich, endlich einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz gefunden zu haben. Sie sollte in einer Filiale als "Verkaufsstellenverwalteranwärterin" eingearbeitet werden, um sie später ganz zu übernehmen. 2300 Euro brutto bot ihr Aldi - mehr als sie in ihrer alten Heimat Mecklenburg-Vorpommern hätte verdienen können.
Die gelernte Einzelhandelskauffrau hatte keine Vorbehalte gegen den Discounter, als Arbeitgeber bekam Aldi bislang vergleichsweise gute Noten. Im Mai vergangenen Jahres fing sie an. Mittlerweile hat sie ihre Illusionen verloren. "Das Unternehmen geht genauso miserabel mit seinen Mitarbeitern um wie andere Discounter auch", bilanziert die 37-Jährige. "Es kann die Defizite nur besser kaschieren."
Büssow klagte gegen ihren früheren Arbeitgeber. Vordergründig geht es bei ihrem Prozess, den sie nun vor dem Landesarbeitsgericht in Kiel führt, um die Rücknahme ihrer Kündigung. Tatsächlich werden dabei vor allem die rauer werdenden Methoden des einst so erfolgsverwöhnten Discounters beleuchtet, der neuerdings spürbare Umsatzeinbußen hinnehmen muss.
Im Fall Büssow geht es um Vorwürfe wegen unbezahlter Überstunden und firmengelenkter Betriebsräte, schikanösen Drucks und sogar Denunziation durch Kollegen. Ihre Geschichte ähnelt anderen Fällen. "Aldi missachtet systematisch grundlegende Arbeitnehmerrechte", behauptet der Kieler Arbeitsrechtler und Büssows Anwalt Eckhard Harbs. "Es herrscht ein System aus Angst und Schrecken."
"Das Verhalten der Geschäftsleitung erfüllt den Tatbestand der Nötigung"
Die Aldi-Beschäftigte Tina Engel wollte sich mit den Methoden nicht abfinden. "Sobald man den Mund aufmacht und seine Rechte in Anspruch nehmen will, wird man unbequem, und es wird sich etwas ausgedacht, um einen loszuwerden", sagt Engel. Nach juristischen Auseinandersetzungen einigte man sich auf einen Aufhebungsvertrag.
In Berlin wurde im April eine Kommissionskontrolleurin zu einem Aufhebungsvertrag gedrängt, andernfalls werde "die Sache durch mehrere Abmahnungen geregelt", so schildert die Frau Gespräche mit ihren Vorgesetzten. Aldi warf ihr vor, häusliche Probleme mit ihrem Lebensgefährten seien für ihre angebliche Konzentrationsschwäche und daraus folgende Fehler verantwortlich. Sie selbst bestreitet diese Version vehement. Der Lebensgefährte ist ebenfalls bei Aldi im Lager beschäftigt. Laut der 47-Jährigen wurde sie von ihren Chefs mehrfach aufgefordert, sich von ihm zu trennen. Wissen wollte man auch, ob ihr Partner bei den nächsten Betriebsratswahlen kandidieren wolle.
Ebenfalls in Berlin wurde ein stellvertretender Filialleiter nach Geschäftsschluss nach eigenen Angaben in seinem Markt eingeschlossen: Seine Vorgesetzten hätten erklärt, ihn nicht eher gehen zu lassen, bis er einen Aufhebungsvertrag unterschrieben habe. Der Betriebsrat der Aldi-Niederlassung Großbeeren protestierte. In einem Rundschreiben heißt es: "Dieses Verhalten der Vertreter der Geschäftsleitung erfüllt den Tatbestand der Freiheitsberaubung und Nötigung."
Aldi bestreitet das. Auch an den " Mobbing-Vorwürfen" sei nichts dran, heißt es in einer Stellungnahme der Aldi-Nord-Zentrale in Essen. "In unserem Unternehmen wird nämlich nicht gemobbt." Romy Büssow sieht das anders. Ihre Probleme hätten damit begonnen, sagt sie, dass sie statt der tariflich festgelegten 37,5-Stunden-Woche regelmäßig 50 bis 55 Stunden arbeiten musste - ohne zusätzliche Bezahlung.
"Die Läden werden auf Biegen und Brechen offen gehalten"
Zwar warnt ihr Arbeitsvertrag, die "tarifliche Wochenarbeitszeit reicht für eine erfolgreiche Einarbeitung bzw. Tätigkeitsausübung als verantwortungsbewusste Verkaufsstellenverwalteranwärterin nicht aus. Deswegen erwarten wir von Ihnen die jederzeitige Bereitschaft, die erforderliche Mehrarbeit zu leisten". Doch diese Gratis-Mehrarbeit ist auf maximal 7,5 Stunden pro Woche begrenzt - auf dem Papier.
Tatsächlich beginnt der Frühdienst für viele angehende und ausgebildete Führungskräfte häufig gegen sechs Uhr, um rechtzeitig zur Ladenöffnung um acht Uhr mit dem Einsortieren der Ware fertig zu sein. Ähnlich sieht es abends aus: Dann gestehe der Konzern, so Büssow, seinen Beschäftigten zum Reinigen und Abrechnen zehn Minuten zu. "Das kann niemand schaffen", sagt sie. "Vor neun Uhr abends habe ich so gut wie nie den Laden verlassen."
Auch andere Kollegen beklagen sich über diese Praxis. "In unseren Läden wird krass gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen", sagt der Aldi-Mitarbeiter Bernd Westermann in einer NDR-Dokumentation. "Da werden 13, 14 Stunden durchgearbeitet, weil Personal fehlt und wir die Läden auf Biegen und Brechen offen halten."
Die Arbeitszeiten werden überdies auf Handzetteln vom Filialleiter notiert und nicht durch übliche Zeiterfassungssysteme. Was das bedeutet, bekam Büssow zu spüren, als sie wegen einer Handverletzung längere Zeit krankgeschrieben wurde.
Es war im September vergangenen Jahres, ihr Arzt wollte ihr wegen eines Karpaltunnelsyndroms - einer Krankheit, bei der ein Nerv an der Handwurzel eingeklemmt wird - eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen und seine Patientin zu einem Handchirurgen überweisen. Wegen massiven Drucks aus der Firmenspitze habe sie zunächst darauf verzichtet, sagt Büssow. Mitte November wurden die Schmerzen unerträglich, der Arzt riet dringend zur Operation, da Daumen und Zeigefinger bereits taub waren. Der Termin wurde auf den 1. Dezember festgesetzt. Als Büssows Bezirksleiter davon erfuhr, sei er am Telefon "sehr laut geworden" und habe "kein Verständnis für meine Erkrankung und die Schmerzen" gezeigt, erinnert sie sich. Als Verkaufsstellenleiterin könne sie sich so einen Ausfall nicht erlauben.
Obwohl sie bis Jahresende krankgeschrieben war, habe sie zeitweise nahezu Vollzeit mitgearbeitet, so Büssow. Erfasst wurde ihre Arbeitszeit allerdings nicht. Falls jemand frage, sollte sie erklären, sie sei nur zufällig im Laden, habe ihr Bezirksleiter gesagt.
Stefan Buttkus, Geschäftsführer von Aldi Nord in Nortorf, erklärt dagegen, sie sei gar nicht krankgeschrieben gewesen: "Frau Büssow wurde aufgrund entsprechender Rücksichtnahme auf ihren Zustand von ihrem Vorgesetzten nur insgesamt knapp zehn Stunden eingesetzt" und lediglich mit "leichten Dispositionsarbeiten betraut". Warum dieses "arbeitgeberseitige Entgegenkommen eine kritisierende Fragestellung durch den SPIEGEL auslöst", sei Aldi Nord "unverständlich".
Auf anderen Social Networks posten:
Gruezi! Mit Verlaub, kenne keinen einzigen Lebensmitteldiscounter in D, der anständige Löhne bezahlt, von denen man leben könnte. Ausgenommen die Filialleiter, die schon. Die Malaise kennen die Gewerkschaften aus dem Eff-Eff, [...] mehr...
Wo ist das heute anders? mehr...
Also bei der Filiale bei uns wurden Lehrlinge übernommen, natürlich bleiben die selten am Ausbildungsort kleben, sondern müssen dahin wo Platz ist oder Neueröffnungen. Ansonsten haben hier einige schon fast das Rentenalter [...] mehr...
..... Lehrlinge werden grundsätzlich nicht übernommen, es finden sich keine älteren Mitarbeiter und die Anforderungen an die Filialleiter und ihre Stellvertreter sind bemerkenswert, um es mal freundlich auszudrücken. Dazu [...] mehr...
Aldi zahlt anständig, da kann sich manch einer, der einen 400€-Job zu vergeben hat, eine Scheibe abschneiden. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Aldi | RSS |
© DER SPIEGEL 44/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH