Von Janko Tietz
Dabei ist leicht zu erklären, warum Aldi ein Interesse daran hat, möglichst wenig Arbeitszeit zu registrieren und zu bezahlen. Der Discounter misst die "Leistung" einer Filiale anhand einer schlichten Kennziffer, sie errechnet sich aus dem Monatsumsatz einer Filiale geteilt durch die angefallenen Mitarbeiterstunden. Große Märkte mit viel Laufkundschaft erzielen bis zu tausend Euro pro Mitarbeiterstunde. In kleineren Filialen lässt sich die "Leistung" aber oft nur optimieren, wenn noch schneller gearbeitet oder die Arbeit gar nicht mehr abgerechnet wird.
Als Büssow sich beschwerte, hätten Schikanen begonnen, klagt sie. Schließlich erhielt sie eine Abmahnung. Inhalt: Sie habe gegen 16 Uhr die Verkaufsstelle verlassen, ohne "gegen die Müllverschmutzung des Einkaufswagensammelplatzes und des Eingangsbereiches vorzugehen". Zudem bemängelten Bezirks- und Verkaufsleiter, die "Darbietung der Schauvitrine" sei nicht "anweisungsgemäß", um schließlich akribisch jede Tomate und Paprika aufzuführen, die im nicht mehr verkaufsfähigen Zustand vorgefunden wurde.
Am 7. Februar, sagt Büssow, habe sie bizarren Besuch bekommen. Drei ihrer Vorgesetzten hätten ihr auf einem mitgebrachten Notizblock eine Eigenkündigung diktiert. Erst tags darauf sei ihr klargeworden, was sie getan hatte. Sie widerrief und unterrichtete den Betriebsrat. Doch der reagierte nicht und sandte ihr stattdessen das obligatorische Anhörungsformular der Geschäftsführung, die den Vorgang inzwischen in eine ordentliche Kündigung umgewandelt hatte.
Geschäftsführer Buttkus sagt dazu: "Frau Büssow wurde angeboten, zur Vermeidung einer arbeitgeberseitigen Kündigung einen Aufhebungsvertrag abzuschließen. Für alle überraschend hat Frau Büssow jedoch ihre Eigenkündigung geschrieben."
"Aldi-Leute arbeiten unter hohem psychischem Druck"
Der Nortorfer Betriebsrat ließ eine Anfrage des SPIEGEL unbeantwortet. Generell haben Betriebsräte bei Aldi einen schweren Stand. Wenn es überhaupt welche gibt, gehören sie häufig der Pseudogewerkschaft Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) an, die damit bekannt geworden ist, dass ihr Gründer Wilhelm Schelsky Unternehmen anbot, die AUB als eine arbeitgeberfreundliche Mitarbeiterorganisation zu installieren.
Andreas Hamann kennt etliche solcher Fälle. Der Autor des "Schwarzbuch Lidl"will demnächst zusammen mit einem langjährigen Berliner Aldi-Betriebsrat ein "Schwarzbuch Aldi" veröffentlichen. "Aldi-Leute arbeiten unter hohem psychischem Druck, teilweise sogar unter dem Druck der Kollegen", so Hamann. "Dieser Druck wird von den Vorgesetzten erzeugt."
Romy Büssow hat das hautnah erfahren. Geschäftsführer Buttkus und sein Bezirksleiter wiesen Mitarbeiter ihrer Filiale an, sich schriftlich über sie zu äußern. Da heißt es, sie habe "keine Führungsqualität", sei "labil und weinerlich". Sie habe "immer sehr pünktlich Feierabend gemacht", während "wir gerne auch mal länger blieben". Buttkus sagt dazu, man habe lediglich "wissen wollen, wie sich die Mitarbeiter zu Behauptungen von Frau Büssow stellen".
Das Arbeitsgericht in Neumünster war für Büssows Klage nicht empfänglich. Dass Druck auf sie ausgeübt worden ist, konnte sie nicht belegen. Sie hatte keine Zeugen, Aldi dagegen drei. Sie verlor.
Nach Darstellung von Aldi Nord herrsche bei dem Unternehmen ein Klima der Einvernehmlichkeit zwischen Führungskräften und einfachen Beschäftigten. Die "Druck-Behauptung" sei das übliche anwaltliche Instrument, um abgeschlossene Aufhebungsverträge nachträglich in Zweifel zu ziehen. Auch halte man sich an das Arbeitszeitgesetz und verlange "von unseren Führungskräften eine diesbezügliche Kontrolle und Durchsetzung". Die Aldi-Nord-Unternehmensgruppe tauge nicht "für das schiefe Bild, das von Einzelnen gezeichnet wird".
Ver.di dagegen registriert eine steigende Nachfrage nach gewerkschaftlichem Rechtsschutz bei Arbeitsprozessen gegen Aldi. Und Autor Hamann berichtet, dass in großen Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg "nahezu täglich" Prozesse geführt würden, an denen Aldi beteiligt sei. In Internetforen tauschen sich Beschäftigte über die schlechten Arbeitsbedingungen aus, viele der Betroffenen treffen sich regelmäßig, um sich über Vorkommnisse zu informieren.
Büssow selbst glaubt nicht mehr daran, dass ihre Kündigung zurückgezogen und sie je wieder bei Aldi arbeiten wird. Immerhin hat sie inzwischen einen neuen Job gefunden: bei der Billigkette Netto.
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Gruezi! Mit Verlaub, kenne keinen einzigen Lebensmitteldiscounter in D, der anständige Löhne bezahlt, von denen man leben könnte. Ausgenommen die Filialleiter, die schon. Die Malaise kennen die Gewerkschaften aus dem Eff-Eff, [...] mehr...
Wo ist das heute anders? mehr...
Also bei der Filiale bei uns wurden Lehrlinge übernommen, natürlich bleiben die selten am Ausbildungsort kleben, sondern müssen dahin wo Platz ist oder Neueröffnungen. Ansonsten haben hier einige schon fast das Rentenalter [...] mehr...
..... Lehrlinge werden grundsätzlich nicht übernommen, es finden sich keine älteren Mitarbeiter und die Anforderungen an die Filialleiter und ihre Stellvertreter sind bemerkenswert, um es mal freundlich auszudrücken. Dazu [...] mehr...
Aldi zahlt anständig, da kann sich manch einer, der einen 400€-Job zu vergeben hat, eine Scheibe abschneiden. mehr...
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