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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2009
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26.10.2009
 

Psychologie

"Wow, was für ein Gefühl!"

Von Jörg Blech, Ulrike Demmer, Udo Ludwig und Christoph Scheuermann

Mühelos lernen, alles erinnern, immer fit sein - eine neue Generation von Medikamenten verspricht geistige Höhenflüge für jedermann. Segen oder Teufelszeug? Die Möglichkeit des IQ-Dopings ist umstritten, doch schon versuchen Hunderttausende, heimlich ihre Hirnleistung hochzujagen.

Es hat lange gedauert, bis Maria Westermann* so weit war. Jahre vergingen, Jahre des Vorwärtsdrangs, dann Jahre der Überforderung, bis sie begann, in der kleinen Pille ihre Erlösung zu sehen.

Als Jugendliche kam Westermann, eine zierliche Person mit glattem schwarzem Haar, aus Südamerika nach Deutschland. Sie studierte Pharmazie, alles lief gut; eifrig setzte sie noch eine Promotion obendrauf. An der Uni lernte sie ihren Ehemann kennen und eröffnete mit ihm eine Apotheke in einer mittelgroßen Stadt im Westen Deutschlands. Das Paar bekam zwei Kinder. Westermanns Leben wurde anstrengend: die Söhne, das Geschäft, dazu die ehrenamtliche Arbeit in der Kirche.

"Aber den Satz: ,Ich schaff das nicht', gab's nicht für mich", sagt sie. Westermann war eine Getriebene, ihr Ziel: nichts weniger als das perfekte Leben. So wie im Fernsehen, in der Werbung. "Es sollte das Beste herausspringen, überall, das beste Haus, das beste Auto, die besten Kinder."

Aus Mühsal wurde Zermürbung. Gesundheitsreformen gefährdeten den Umsatz der Apotheke, das Geschäft verschlang immer mehr Energie. Die Kinder waren schwierig, es stellte sich heraus, dass sie unter ADHS litten, einer Aufmerksamkeitsstörung. Maria Westermann half ihnen intensiv bei den Hausaufgaben, "es war ein unmenschlicher Druck", sagt sie.


Und dann, sie war inzwischen 44, wurde die Apothekerin selbst krank: Krebs. Ärzte entfernten Eileiter und Gebärmutter, der Gynäkologe verabschiedete sie mit den Worten: "Sie werden nicht mehr die Frau sein, die Sie vorher waren." Nicht mehr so leistungsfähig etwa? Undenkbar. "Ich war fix und fertig."

Nun war sie reif fürs Hirndoping.

Maria Westermann schluckte ihre erste Dosis Ritalin - probeweise. Ihre hyperaktiven Kinder hatten das Mittel verschrieben bekommen, um sich besser konzentrieren zu können. Doch als Pharmazeutin wusste sie von der zweiten, der verdeckten Nutzung dieser Arznei: Viele amerikanische Studenten machen sich damit für Prüfungen fit.

Schon wenige Minuten nach der Einnahme spürte Westermann die Wirkung. "Wow, was für ein wunderbares Gefühl! Ich war sofort hellwach, konnte wahnsinnig schnell lesen. Der Akku war wieder voll."

Hunderttausende greifen regelmäßig zur Pille

Welch eine Verlockung: Pille einwerfen, Überflieger sein. Mühelos lernen, alles behalten, den Intellekt anschalten können wie einen Motor - wer wünschte sich das nicht? Derart gewappnet, ließen sich Prüfungen, Vorträge oder Konferenzen lässig bewältigen; feinst eingestellte Hirnchemie machte es kinderleicht, die Konkurrenz auszustechen, seinen Traumberuf zu ergreifen und eine glänzende Karriere hinzulegen.

Es ist ein Menschheitstraum: eine Technik zu erfinden, mit der der Homo sapiens sich selbst perfektionieren kann. Ob Zen-Meditation, Anti-Aging oder Genmanipulation, alles ist recht. Pillen, die scheinbar ohne nennenswerte Nebenwirkungen die Neuronen im Hirn auf Zack bringen, ihnen einen höheren IQ abringen, kommen da wie gerufen.

Und die Wissenschaft ist so weit. Es gibt die ersten Mittel, die das Gehirn auf Vordermann bringen. Noch sind es Blindschüsse, unverhoffte Nebeneffekte von Präparaten, die entwickelt wurden, um unkonzentrierten Kindern, Menschen mit Schlafstörungen oder Demenzkranken zu helfen. Aber sie wirken auch bei Gesunden. Sie lassen auch deren Hirn schneller oder konzentrierter arbeiten. Das ist den Ehrgeizigen und Überforderten nicht verborgen geblieben.

Noch schweigen die Hirndoper, niemand mag offen darüber sprechen. Auch Maria Westermann fürchtet die Reaktionen ihrer Umwelt und möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Aber es sind viele, jetzt schon: Laut einer anonymen Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse haben hochgerechnet zwei Millionen Deutsche schon mindestens einmal versucht, ihren Kopf chemisch aufzurüsten. Etwa 800.000 tun dies sogar regelmäßig.

Pharmafirmen haben Marktpotential erkannt

Und wer wissen will, was kommen wird, muss nur in die USA schauen. Dort ist das sogenannte Neuro-Enhancement bereits weit verbreitet unter Studenten, Wissenschaftlern, Börsenmaklern. Bei den Schülern fängt es an: Laut einer Studie amerikanischer Kinderärzte vom August ist die Zweckentfremdung von Mitteln wie Ritalin bei 13- bis 19-Jährigen innerhalb von acht Jahren um 75 Prozent gestiegen.

Der internationale Siegeszug der Hirnschmiermittel scheint unaufhaltsam: Als das renommierte Wissenschaftsmagazin "Nature" im vorigen Jahr 1400 Menschen aus 60 Ländern befragte, gab jeder Fünfte an, Medikamente zu nehmen, die die Aufmerksamkeit, die Konzentration oder das Gedächtnis verbessern.

Die Pharmafirmen haben das Marktpotential längst erkannt und investieren weltweit Milliarden ins IQ-Doping. Überall forschen Wissenschaftler an verbesserten oder neuen Wirkstoffen. Wenn sich schon mit kranken Menschen ordentlich Kasse machen lässt - wie viel mehr ist erst aus der Masse der Gesunden herauszuholen?

Eine Forschergruppe, gefördert von der Bundesregierung, hat jetzt das Phänomen Neuro-Enhancement auch in Deutschland auf die Tagesordnung gesetzt. Am vorvergangenen Montag stellten die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer dreijährigen Arbeit vor. Sie hatten die zu erwartenden Folgen des Präparatekonsums untersucht. Sie verdammen die Mittel nicht, warnen aber vor einem sorglosen Umgang und geben Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Handhabung der Psychopharmaka.

Ihre Kollegen in den USA wünschen sich längst einen unverkrampften Umgang mit den Mitteln. Sie fordern einen freien Zugang zu den Pillen für jedermann. Was soll denn schlecht daran sein, so fragen sie, wenn der Pilot nach Einnahme eines Hirnpotenzpräparats besser fliegen, der Chirurg exakter operieren und der Wissenschaftler gründlicher forschen könne?

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insgesamt 198 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.09.2011 von pcpero: Neuro enhancement

Unter diesem begriff verbergen sich medizinische Methoden, um bei Autismus, Demenz und sonstigen Hirnorganischen Veränderungen Hilfe zu leisten. Abgewandelt davon diejenigen Präparate, die als Hirndoping genutzt werden/sollen. [...] mehr...

21.08.2011 von BuenaBanana: .

Ich denke früher oder später wird es sowieso darauf hinaus laufen dass sich die Mehrheit doped (schreibt man das so?). Es fängt damit an das Einige sich mit den Drogen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Der große Rest wird wohl [...] mehr...

20.08.2011 von fantalupi:

Freigeben auf keinen Fall: Das Zeug ist zu gefährlich. Wer meint er müsse es probieren, sollte es unbedingt unter Aufsicht tun. Mit Ansage, bewußt und so, dass das Umfeld Bescheid weiß und über Persönlichkeitsveränderungen [...] mehr...

19.08.2011 von Internetnutzer: Doping

Warum freigeben, kriegt man ja auch so. mehr...

15.08.2011 von ich_möchtegern:

Der Vergleich mit Cola und bspw. einer Ritalin TAblette hinkt. Selbst Coca Cola ist jedoch bei der Dosierung des Koffeins eingeschränkt. mehr...

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Heft 44/2009 Vorsicht, Schwarz-Gelb Der abenteuerliche Fehlstart der neuen Koalition

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Gehirndoping - erlauben oder verbieten?

Hunderttausende steigern ihr geistiges Leistungsvermögen regelmäßig mit Medikamenten. Was halten Sie davon?

  • Es sollte nur zu medizinischen Zwecken erlaubt sein. Ansonsten gehört es verboten.
  • Man sollte das grundsätzlich erlauben - es geschieht ohnehin, ein Abdrängen in die Illegalität wäre kontraproduktiv.
  • Man sollte es gezielt fördern - damit Menschen mit wenig Einkommen keinen Nachteil haben und die gesamte Gesellschaft profitiert.

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Gehirndoping - tun Sie es auch?

Medikamente können das Erinnerungs- und Konzentrationsvermögen enorm steigern. Benutzen Sie solche Mittel?

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  • Im Moment nicht - würde es aber in Erwägung ziehen, falls andere es täten und ich dadurch Nachteile hätte.
  • Ich benutze diese Mittel gelegentlich - etwa vor Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen.
  • Ich nehme solche Mittel regelmäßig.

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