Von Christian Wüst
Leise rieselt er nicht, dieser Schnee. In rhythmischen Schüben kommt er aus der schmalen Öffnung eines sonst fensterlosen Gebäudes und patscht zu Boden wie Schüttgut.
Nahezu tausend Kubikmeter Kunstschnee am Tag können die Betreiber des Gletscher-Skigebiets im Tiroler Pitztal neuerdings selbst herstellen, unabhängig von Temperatur und natürlichem Niederschlag. Die Anlage stammt aus Israel, heißt "All Weather Snowmaker" und soll den Skitourismus in der Gegend "nachhaltig sichern", erklärt Martina Dobler, Sprecherin des örtlichen Tourismusverbands.
Im Ohr des wohltemperierten Umweltfreunds mag die Wortwahl einen frostigen Missklang erzeugen. Von Nachhaltigkeit ist gemeinhin die Rede, wenn es gilt, den Planeten über die Runden zu retten. Im Klimawandel schmelzende Skipisten mit künstlicher Kühlware zu unterfüttern, ist sicher nicht im Sinne dieser Mission.
Für die Pitztaler Lokalökonomie hingegen ist nichts so segensreich wie der All Weather Snowmaker. Er verhindert schlicht den Ruin.
Das höchstgelegene Gletscher-Skigebiet Österreichs - die Seilbahn erreicht 3440 Meter - war früher ganzjährig für den Wintersport nutzbar. Zwischen Mai und September macht der Betrieb inzwischen Pause. In den vergangenen Jahren startete die Saison Mitte September, und das mit zunehmenden Schwierigkeiten. Der Grund: Die Fahrbahn läuft davon.
Schneekanonen sind nicht die Lösung
An der Talstation der Pitz-Panoramabahn auf 2840 Meter Höhe zeigt Marketingleiter Willi Krüger auf einen im Boden steckenden Holzpfahl: "Bis hier reichte früher der Gletscher." Die Einfahrt zur Gondelbahn war ganzjährig befahrbar. Heute endet die Eismasse etwa 200 Meter weiter oben. Darunter kommt Geröll, und das macht es besonders schwierig.
Schnee auf einer Bergwiese bildet schnell eine gute Skipiste. Gletschergebiete jedoch sind steinige Mondlandschaften. Fehlt der Eispanzer, schafft Neuschnee so bald keine befahrbare Grundlage. Auch Schneekanonen helfen da nicht viel; zum einen sind sie nur bei Frost einsetzbar, weil das Land Tirol den Zusatz von Bakterien und Chemikalien verbietet, mit denen andernorts auch bei Plusgraden beschneit werden kann; zudem kommen mit der Kälte im Herbst oft starke Winde, die eine gezielte Beschneiung vereiteln: "Das Zeug fliegt Ihnen dann sonst wohin, aber nicht dahin, wo Sie's brauchen", klagt Krüger.
Es gab also ein echtes Problem. Die Randsaison ist der große Trumpf der Gletscher-Skigebiete. Profis und Nachwuchsteams aus verschiedenen Ländern beginnen hier im Spätsommer mit dem Training. Wenn prominente Alpin-Akrobaten in Harnischen aus Hartplastik die Liftgondeln füllen, dann verleiht dies dem Hochland des Wintersports ein Exotenflair, das wiederum andere Touristen anzieht.
Doch das alles funktioniert nur, solange der Lift am unteren Ende noch erreichbar ist. Fehlen 200 Meter, wird die Sache mühsam. Die Piste brauchte eine Prothese.
Und die Freude war nicht gering, als sich herausstellte, dass es so etwas gibt.
Zu den größten Kunstschneeproduzenten der Erde zählt die israelische IDE Technologies Ltd. Das in der Nähe von Tel Aviv ansässige Unternehmen arbeitet seit über 15 Jahren mit einer Vakuum-Eis-Technologie, anfangs zur Meerwasserentsalzung und heute vorwiegend, um Schnee als Kühlmittel für Goldminen zu produzieren, und zwar in enormen Mengen.
Großanlagen, etwa in Südafrika, stellen täglich bis zu 2000 Kubikmeter Schnee her, der in den kilometertiefen Schächten die Temperaturen von teils über 60 Grad auf ein überlebbares Niveau senken soll. Aus Jux modellierten die Ingenieure zuweilen an der Oberfläche kleine Skipisten, erklärt Projektmanager Moshe Tessel: "Doch keiner dachte an ein neues Geschäftsfeld."
Vom einsamen Tal zum Freizeitpark
Die Idee keimte, als im Extremsommer 2003 die schwitzende Bergwelt zunehmende Medienpräsenz erlangte. Das Bangen ums Weltklima erreichte einen Höhepunkt von bitterer Komik: Bergbahnbetreiber hüllten ihre Pisten in Isolierdecken ein, wie es sonst bei Unfallopfern geschieht. Tessel sah die Bilder und wusste: "Wir haben was, das hilft."
Kunstschnee, wie er im Bergbau eingesetzt wird, ist ein ideales Gletscher-Flickzeug, in seiner extrem kompakten Konsistenz die perfekte Modelliermasse zur Glazialinstandsetzung.
In diesem September setzten die Pitztaler die Anlage erstmals ein, schafften den Kunstschnee mit Radladern und Pistenraupen an den abtropfenden Rand der Gletscherzunge und bauten sich ihre Piste selbst. Nach wenigen Tagen reichte der weiße Untergrund wieder bis zu den Liftstationen. "Mit dieser Anlage können wir den pünktlichen Saisonstart wieder garantieren", sagt Krüger.
Der aus Lübeck stammende Volkswirt kam in den Siebzigern als Student nach Innsbruck. Er spricht eine kabarettreife Mischung aus Holsteiner und Tiroler Mundart, zählt zu den Gründervätern der Pitztaler Gletscherbahn und dient derselben im Rang eines Prokuristen.
Mit einer Grundinvestition von 320 Millionen Schilling, damals knapp 50 Millionen Mark, wurde in den frühen Achtzigern aus der fast unbewohnten Gegend ein Freizeitpark. 7400 Menschen leben heute in dem Tal und halten 8300 Gästebetten bereit. Die Dörfer sind weder schön noch schrecklich, es gibt wenig Alpenromantik, dafür Pizza mit Riesengarnelen und Sauvignon Blanc.
Eine Standseilbahn führt knapp vier Kilometer durch den Fels in ein Profi-Skigebiet ohne Schnickschnack. An der Bahnstation liegt ein Selbstbedienungsrestaurant mit dem Charme einer Großkantine.
Das unweit davon errichtete Gebäude der Eisfabrik fügt sich perfekt in den vorherrschenden Baustil; es beschreibt die Form eines Quaders und besteht im Wesentlichen aus Beton. Innen befinden sich zwei zylindrische Behälter, verbunden mit allerlei Rohrwerk.
In den größeren der Bottiche wird Wasser mit einer Temperatur von fünf Grad gepumpt und einer Vakuumreaktion unterzogen. Dabei wechselt es munter den Aggregatzustand und setzt sich schließlich als eine Art Suppe mit Schneematsch am Boden ab.
Der Matsch gelangt in den kleineren Bottich, wird dort verdichtet und wie manches Speiseeis aus seiner Plastikhülle langsam hinaufgeschoben. Oben rotiert ein Schaber und kehrt den klumpigen Schnee über eine Rutsche zum Fenster hinaus.
Tauwasser für den Allwetter-Schneemacher
Dass die industrielle Schneebäckerei ökologisch delikat ist, wissen die Betreiber durchaus. So halten sie auch einige Argumente bereit, um ihren Zauberkessel gegen erwartbare Attacken umweltbewegter Kritiker zu wappnen.
Als heikler Punkt an der Kunstschneeproduktion gilt die Wasserverschwendung. Schneekanonen aus Gebirgsbächen zu speisen, ist ein schweres Öko-Vergehen.
Gletschergebiete haben hingegen den Vorteil, dass sie einen Kreislauf nutzen können: Der tauende Eispanzer liefert Wasser. Am Pitztaler Gletscher läuft dieses in zwei Speicherseen zusammen. Und der Allwetter-Schneemacher, versichern die Betreiber, werde ausschließlich mit diesem Tauwasser befüllt.
Bleibt noch der Stromverbrauch. Der ist natürlich nicht zu leugnen, lässt sich aber nach Belieben kleinrechnen, wenn man ihn mit dem sonstigen Energiehunger der alpinen Freizeitmaschinerie vergleicht. Mit 235 Kilowatt Maximalleistung fällt der Snowmaker unter den Stromkonsumenten eines Skigebiets kaum ins Gewicht. Ein großer Sessellift leistet das Doppelte.
Der organisierte Wintersport moderner Prägung ist ein veritabler Energiefresser, mit oder ohne Kunstschnee, und die strombetriebene Eisfabrik nur insofern das schlimmste Gerät, als sie mit der Herstellung des weißen Pistengolds die Grundlage sichert, auf der die ganze Gaudi in Gang bleibt - und das wohl noch sehr lange.
Nach den ersten Erfahrungen dürfte der Snowmaker den Wettlauf gegen die Klimaerwärmung auf absehbare Zeit spielend für sich entscheiden. Das abgeschmolzene Stück Firn zu ersetzen, war in diesem September ein Klacks. Der Apparat aus dem Gelobten Land kann offenbar weit mehr Gefriergut nachliefern, als der Sommer weglutscht.
So darf aus der betrüblichen Erfahrung des Gletscherschwunds wiederum die Zuversicht wachsen, dass alles nur eine Frage der Technik ist. Würde der Snowmaker ununterbrochen betrieben, könnte er die Eismasse womöglich zunehmen lassen - und damit einen Prozess umkehren, den die Einwohner des Pitztals einst dringend von ihrem Herrgott erbaten.
"Um 1900", erzählt Krüger, "haben die Leute hier gebetet, der Gletscher möge zurückgehen und ihre Häuser verschonen."
Die Menschen waren sehr fromm.
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Darin liegt der Kern dieses Artikels: es gibt tatsächlich Menschen, die an wachsenden Gletschern keine Freude haben, weil sie in der Natur leben, die andere aus der Entfernung schützen wollen. Dieses Jahr haben Skigebiete in [...] mehr...
Es gibt dieses Gerät bisher nur noch in Zermatt. Es wird auch keine Selbstverständlichkeit werden, davor schützt die unternehmerische Vernunft der meisten Skigebietsbetreiber. M.E. wird sich die IDE-Technik aus Kostengründen [...] mehr...
Bleibt doch einfach zuhause dann wird der Stau erträglicher! Für die Schneefans gilt: Wenn der kommende Winter ähnlich gail wird wie die vergangenen stehen 30 Skitagen nichts mehr im Weg! Achso - und zum Thema Gletscher: Die [...] mehr...
Sie vergessen, dass nach Absterben der klassischen Wirtschaftszweige (insb. Landwirtschaft) ein Überleben am Berg ohne den Ski-Tourismus vielerorts nicht mehr möglich wäre. Also nach Ihrer Logik, das ganze asoziale Pack raus aus [...] mehr...
Hallo Herr Wüst! In guter "Spiegel"-Tradition haben Sie hier wieder mal Ihrer Zielgruppe der modernen, urbanen Gutmenschen ins Gewissen geschrieben (oder für`s gute Gewissen (?). Alles nicht ganz falsch, aber halt [...] mehr...
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