Sonntag, 22. November 2009

Politik



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02.11.2009
 

Essay

Tristes Heute, schönes Morgen

Von Dirk Kurbjuweit

AP

Angela Merkel im Spiegel von Vorbild und Spitznamen.

Als Angela Merkel am Tag ihrer Wiederwahl zur Bundeskanzlerin den Reichstag verließ, traf sie an der Tür ihren ehemaligen Wirtschaftsminister Michael Glos. Er trug keinen Mantel, und sie ermahnte ihn, achtzugeben wegen der Kälte. Sie sagte das durchaus ernst, eine Spur streng sogar, und es gab einen kleinen Wortwechsel, bei dem Glos anmerkte, dass es Merkel ja immer gut mit ihm meine. Merkel stieg in ihren Dienstwagen, und Glos schickte ihr ein faunisches Grinsen hinterher. Glos war im Frühjahr zurückgetreten, weil er sich schlecht behandelt fühlte von der Bundeskanzlerin, und Glos ist der Mann, dem nachgesagt wird, er habe Merkels Spitznamen "Mutti" in die Welt gesetzt. Durch das kleine Treffen am Mittwoch vergangener Woche durfte er sich bestätigt fühlen. Merkel bedachte ihn mit einer schneidigen Mütterlichkeit, in der sowohl Fürsorge steckte als auch Hierarchisierung. Glos, fast zehn Jahre älter als Merkel, war in dieser Szene das Jüngelchen, das in seinem Leichtsinn die Gefahren des grippalen Infekts übersieht.

Mutti war denn auch das Wort der vergangenen Woche, in der Angela Merkels zweite Kanzlerschaft begann. Es tauchte häufig in den Zeitungen auf, und im Berliner Regierungsviertel gibt es unter Männern kaum noch ein Gespräch über Merkel, in dem sie nicht Mutti genannt wird.

Merkel weiß das, und für sie muss es etwas merkwürdig sein, wenn sie in ihrem Büro die Zeitungen liest und zwischendurch den Blick hebt. Dann sieht sie einen Silberrahmen, in dem ein Bild der russischen Herrscherin Katharina II., genannt "die Große", steckt. Dieses Bild steht dort, weil Merkel in jener Katharina ein Vorbild sieht, und das ist eine eigenartige Spannung, die sich dort zeigt, die Spannung zwischen Vorbild und Spitznamen, zwischen Katharina der Großen und Mutti. Während im Vorbild stets der Wunsch nach einem heroischen Sein steckt, beleuchtet der Spitzname die krude Realität. Im Idealfall, im Fall eines gelungenen Lebens oder, was Merkel angeht, einer gelungenen Kanzlerschaft, liegt beides nicht weit auseinander. Das aber kann Merkel nicht für sich beanspruchen. Katharina die Große und die sehr deutsche Figur der Mutti verbindet nicht viel.

Auf den ersten Blick hat sich Merkel ein passendes Vorbild ausgesucht. Katharina II. wurde am 2. Mai 1729 in Stettin als Sophie Friederike Auguste geboren und wuchs als Prinzessin von Anhalt-Zerbst auf. Als 14-Jährige reiste sie nach Russland, weil sie als Braut für Thronfolger Peter ausgesucht war. Von da an gibt es verblüffende Parallelen zu Merkels Leben. Beide mussten sich in einer fremden Welt etablieren, die deutsche Prinzessin im wenig europäischen Russland, die gelernte DDR-Bürgerin Merkel in der Bundesrepublik. Beide nahmen den Machtkampf mit den herrschenden Männern auf und siegten. Katharina stieß ihren Gatten vom Thron, er verlor dabei sein Leben, Merkel schob Helmut Kohl und andere aus dem Weg, sie kamen glimpflicher davon. Beide Frauen waren bereit, Identitäten für Macht einzutauschen. Sophie änderte ihren Namen in Katharina, weil der für Russland passender war, und konvertierte vom Protestantismus zum orthodoxen Glauben, Merkel vom Neoliberalismus zur Sozialdemokratie.

Der Spitzname Mutti dagegen scheint so gar nicht zu passen. Merkel ist kinderlos und entspricht nicht dem Bild der warmherzigen Matrone, die sich mit biederem Sinn und geistig etwas beschränkt dem Wohl der Lieben verschreibt. Mit dem Wort Mutti ist ja eher eine Figur der fünfziger, sechziger Jahre gemeint, moderne Mütter verbitten sich dieses Wort.

Auf den zweiten Blick allerdings steckt im Vorbild eine Anmaßung und im Spitznamen eine Richtigkeit. Katharina die Große war eine Reformerin. Sie hat das rückständige Russland näher an Europa herangeführt. Sie hat die Verwaltung und die Justiz erneuert, sie hat den Staatshaushalt saniert. Katharina II. hat ein großes Werk hingelegt, über Merkel würden das allenfalls glühende Fans sagen.

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