Von Dirk Kurbjuweit
Von "mutig" oder gar "sehr mutig" kann allerdings keine Rede sein. In der Großen Koalition war Merkel folgsam gegenüber den Wählerwünschen, wie sie sich in Umfragen ausdrückten, und folgsam gegenüber dem sozialdemokratischen Koalitionspartner. Nie hat sie ihr Amt riskiert, um eigene Vorstellungen durchzusetzen. Ein Vorbild kann auch ein Schlaglicht auf die eigenen Defizite werfen.
Die tiefere Bedeutung eines Vorbilds wie Katharina der Großen liegt im Motiv der Geschichte. Angela Merkel selbst ist gerade in die Geschichte eingetreten. Zwar war ihre erste Wahl zur Bundeskanzlerin schon ein historisches Ereignis: die erste Frau, die erste Ostdeutsche. Doch für die Bundeskanzler selbst ist die Wiederwahl das entscheidende Ereignis, die Bestätigung, die Möglichkeit der Dauer.
Ein Kanzler, der die Wiederwahl nicht schafft, wird von den Historikern mehr oder weniger als Irrtum abgefertigt. Kurt Georg Kiesinger, Kanzler der ersten Großen Koalition, landete in der Vergessenheit. Ludwig Erhard wird nur als Wirtschaftsminister erinnert. Merkel hat die beiden nun an Amtsjahren übertroffen, und wenn sie diese Legislaturperiode durchsteht, wird sie auch vor Willy Brandt und Gerhard Schröder liegen.
Merkel hat durchaus ein Bewusstsein für das Historische. Als sie am Mittwoch im Bundestag saß und das nicht allzu berauschende Ergebnis der Kanzlerwahl hörte, dachte sie angeblich nicht an die neun Abgeordneten der Koalition, die ihr die Stimme verweigert hatten. Sie dachte daran, dass sie, die Ostdeutsche, 20 Jahre nach dem Mauerfall als Bundeskanzlerin bestätigt wird. Sie sah sich als historisches Ereignis, als Bewohnerin der Sphäre, in der sich auch Katharina die Große aufhält. Vielleicht war sie deshalb so aufgeregt. Erst riss sie die Schutzkappe von dem Mikrofon, über das sie die Wahl annahm. Dann vergaß sie, beim Amtseid die Hand zu heben. Es wirkte, als hielte sie sich in Gedanken nicht im Bundestag auf, sondern in einer noch schöneren Zukunft.
Für Merkel hat nun jene süße Zweizeitigkeit begonnen, die nur den historischen Figuren vergönnt ist. Sie leben im Jetzt und im Morgen. Das Jetzt, das ist der nicht allzu heroische Alltag des Politikers. Es ist das ewige Ringen um die Schnipsel der Macht, das sind die schwammigen Koalitionsverträge, die missgünstigen Ministerpräsidenten, die schlechten Kompromisse, die Journalisten mit ihrem scharfen Blick für das Unzulängliche.
Merkels Jetzt drückt sich aus in einem Wort wie Mutti. In ihrem Spitznamen steckt die ganze banale Gegenwärtigkeit, das Generve, das Klein-Klein, das tägliche Aufräumen der Kinderzimmer, bei dem die Kinder nur widerwillig mitmachen. Als Mutti kann man sich nicht historisch vorkommen.
Das eigene Vorbild hingegen ist ein Vorgriff auf die gewünschte Rolle in der Zukunft. Merkel ist nicht so vermessen, sich den künftigen Ruhm einer Katharina III. zu erträumen. Die Zeiten sind nicht danach, die Bundesrepublik muss nicht mehr neu erfunden werden. Aber ein wenig heimelig wird ihr wahrscheinlich doch, wenn sie in Gedanken schon mal in den Geschichtsbüchern ihrer Nachwelt blättert. Das liest sich anders als in den Zeitungen und Zeitschriften von heute. Für Politiker ist die Zukunft ein Trostraum.
Journalisten sind meist die Historiker des abgelaufenen Tages oder der abgelaufenen Woche, und die sind angefüllt mit Generve, mit Klein-Klein, mit dem Aufräumen der Kinderzimmer. Die Historiker, die später die Geschichtsbücher schreiben, haben diesen Alltag kaum noch im Blick. Sie befassen sich mit den großen Linien, mit den langfristigen Wirkungen von Politik.
Auch Katharinas Alltag war nicht heroisch. Sie wurde von ihren Liebhabern enttäuscht und verlassen, sie erlitt Rückschläge bei den Reformen, und an ihrem Hof sirrten die Intrigen und das böse Geschwätz. In der gerafften Erinnerung spielt das kaum eine Rolle. Da ist Katharina die männerverschlingende Großreformerin.
Es fällt mittlerweile auf, wie gern Merkels Vertraute mit einem gewaltigen Satz in die Zukunft springen und von dort zurückschauen, mit dem Blick des künftigen Historikers. Dann verschwindet die Mutti-Welt von heute, und es erscheint ein katharinenhafter Katalog mit Großtaten bei den Themen Klima, Integration, Familie, Gesundheit und, man denke, Haushalt. Letzteres ist auch ein Beispiel für Zweizeitigkeit. Jetzt wird geaast, der Haushalt platzt bald aus allen Nähten, aber von 2016 an gibt es ja die Schuldenbremse. Die beruhigt und gilt als Kandidat für die schöne Erinnerung, also für das Geschichtsbuch.
Dieser vorgreifende Blick zurück macht den Dialog der Zeitgenossen mit ihren dauerhaften Bundeskanzlern manchmal schwierig. Die genießen sich schon als historische Figur, während die Bürger den Dürftigkeiten der aktuellen Politik ausgesetzt sind. Und so leicht sind die Historiker auch nicht zu beeindrucken. Ein paar mutige Taten müssen es schon sein für einen komfortablen Platz im Geschichtsbuch.
Zudem ist denkbar, dass die Hoffnung der Bundeskanzlerin auf den milden Blick der Historiker von morgen auch aus einem anderen Grund trügt. Wenn die zur Kasse gebeten werden, um Merkels Kredite zurückzuzahlen, könnten sie sich als ungnädig erweisen.
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