Von Barbara Schmid
Der Regenwald im Salonga-Nationalpark ist derart hoch und dicht, dass man den Himmel nur ahnen kann. Über den weichen Boden kriechen meterlange Riesenschlangen, im Dickicht leben giftige Spinnen, die Luft ist stickig und feucht. Acht Tage lang irrte Esther Carlitz allein durch den kongolesischen Dschungel, ohne Nahrung, ohne Schutz vor den Fährnissen dieser fremden Welt.
Carlitz, eine angehende Biologin, wollte im Urwald das Verhalten von Affen studieren - und hatte sich im Mai 2008 als Praktikantin einer Forschergruppe der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) angeschlossen. Doch schon bei der zweiten Exkursion fand sie nicht ins Camp zurück. Einheimische Wilderer stießen per Zufall am achten Tag auf die entkräftete Leipzigerin - und retteten ihr das Leben.
Gut ein Jahr danach hat die Pfarrerstochter Post bekommen. Es ist eine Rechnung von der MPG, die Forderung beläuft sich auf 66 121,55 Euro. Als größter Posten schlägt der Einsatz der Johanniter-Auslandshilfe zu Buche: Fünf Hunde und sieben Führer waren in den Kongo geflogen, dort freilich nicht zum Einsatz gekommen.
"Ich bin nur noch wütend"
Zwar hat Esther Carlitz, 24, ihr Biologiestudium inzwischen mit einem Einser-Examen abgeschlossen, wie sie die Rechnung jedoch begleichen soll, ist ihr ein Rätsel - zumal fraglich scheint, ob sie für die Kosten wirklich die Verantwortung trägt. Noch während die Studentin vermisst wurde, waren Zweifel am Krisenmanagement der MPG aufgekommen. Angesichts der Klageandrohung sagt sie nun: "Am Anfang war ich völlig fassungslos, jetzt bin ich nur noch wütend."
Inzwischen hat Carlitz eine Schmerzensgeldklage gegen die MPG angekündigt. Sie will vor Gericht "Ehrverletzungen" durch "unwahre Berichterstattung der MPG" korrigieren, wie ihre Rechtsanwältin sagte.
Dabei schien Carlitz bei der Ankunft im Camp Lui Kotal am Ziel ihrer Träume: Die Affenforscher der MPG haben hier, mitten im Regenwald, ein paar Hütten aufgeschlagen. Weit und breit keine Siedlung, aber in der Nachbarschaft eine Großfamilie von vielleicht 30 Affen, sogenannte Bonobos. Sie sind die Hippies unter den Primaten, pflegen sie doch eine besondere Art der Konfliktbewältigung, die man mit "make love, not war" beschreiben kann.
Carlitz ist eine zierliche blonde Frau, eine gute Kletterin. Ihr erster Job in Afrika sollte sein, 15 bis 20 Meter hoch in die Schlafnester der Bonobos zu steigen, um Haarproben zu entnehmen. Ein Forschungsassistent wurde vom Campleiter beauftragt, sich um die Praktikantin zu kümmern.
Anfängerglück
Die Studentin hatte Anfängerglück: Gemeinsam mit dem Assistenten stieß sie schon am dritten Tag auf die Bonobos, die ein anderes Team zuvor aus den Augen verloren hatte. Sie verließen den Weg, folgten den Affen querfeldein. Carlitz hatte kein Essen mitgenommen, wollte schon mittags wieder im Camp sein. Sie war erschöpft, bestand darauf, zurückzugehen. Ihr Begleiter wollte aber bei den Bonobos bleiben, mit dem GPS-Gerät, um die Bewegungen der Tiere zu dokumentieren.
Als sie sich trennten, war die Praktikantin gut fünf Kilometer vom Camp entfernt. Sie hatte einen Kompass und eine schlechte Karte dabei, eigentlich nur eine grobe Luftbildaufnahme. "Ich war noch ganz high von den Affen", erzählte sie später.
Sie marschierte los - und fand den Weg nicht. Es wurde Nacht, sie zog ihren Regenmantel an und kauerte sich auf ihren Rucksack. Am nächsten Morgen lief sie weiter, geriet immer tiefer in den Urwald. Wasser fand sie noch in den ersten Tagen, aber nichts zu essen. In einer der folgenden Nächte wurde sie von Ameisen gepeinigt, die Insekten krochen unter ihre Kleidung, versetzten ihr schmerzhafte Bisse.
Im Camp der Max-Planck-Forscher mischte sich Sorge mit Hilflosigkeit. Suchtrupps fanden keine Spur der Praktikantin. Die Nachricht erreichte Deutschland, ganz Sachsen schien fortan das Schicksal von Esther Carlitz zu verfolgen.
Massen von Treiberameisen
Ein Rettungsteam der Johanniter machte sich auf den Weg. Über die kongolesische Hauptstadt Kinshasa flog es nach Ipope. Von da marschierten die Helfer einen Tag ins Camp, wo es zu einer ungewöhnlichen Begegnung kam: Sieben Johanniter rückten in ihren rot-weißen Uniformen an, begleitet von Border Collies, Golden Retrievern und Dalmatinern, gefolgt von Dutzenden Einheimischen, die das umfangreiche Gepäck heranbrachten.
Die Forscher sahen den Aufmarsch mit gemischten Gefühlen, hatten Angst, dass die ungewohnte Menschenmenge und die Hundemeute die scheuen Affen endgültig vertreiben. Auch die Johanniter hatten ihre Sorgen: Massen von Treiberameisen bevölkerten den Boden. Um die Hunde vor deren Bissen zu schützen, mussten die Helfer ihre Tiere stellenweise tragen.
Schätzungsweise 80 Kilometer entfernt war Esther Carlitz auf einen Weg gestoßen - und kurz darauf auf Menschen. Vier Kongolesen kamen ihr entgegen, Wilderer mit Macheten und blutigen Tierkörpern auf den Schultern. "Bonjour, je suis Esther", stellte sie sich den Männern vor. Die Einheimischen starrten sie an wie eine Erscheinung. Sie begleiteten die Deutsche vier Tage lang nach Lui Kotal.
Keine Chance
Die Johanniter-Hunde waren mithin nicht mehr vonnöten. Ob Cira, Cedric und die anderen Vierbeiner allerdings fündig geworden wären, wird von Experten bezweifelt. "Unter günstigen Umständen können Hunde noch nach zwei Tagen eine Spur aufnehmen", sagt Thomas Baumann, der bei der sächsischen Polizei und bei Interpol mit den Spezialhunden gearbeitet hat. Im afrikanischen Regenwald mit all seinen neuen Gerüchen, gequält von Bienen und Ameisen, hatten die Tiere nach Baumanns Erfahrung keine Chance.
Kritik am Verhalten der Max-Planck-Wissenschaftler kam offenbar auch vom deutschen Botschafter und von der kongolesischen Regierung. "Die waren verärgert, weil sich die Affenforscher nicht helfen lassen wollten", berichtet Hartwig Fischer, Afrika-Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der Abgeordnete war von der Familie Carlitz eingeschaltet worden und hat ein Protokoll geführt in den Tagen der Suche. Danach stellten die Leute im Camp die eigens herbeigeschafften Satellitentelefone einfach ab, angeblich wegen Strommangels. Nach der Rettung wollte die Botschaft die Praktikantin mit Hilfe von Uno-Soldaten nach Kinshasa fliegen lassen. "Das Max-Planck-Institut lehnte dies ab", notierte Fischer.
Stattdessen musste Esther Carlitz, einen Tag nach ihrer Rückkehr ins Camp, 25 Kilometer zu Fuß zum nächsten Flughafen laufen. 300 Dollar hat die Max-Planck-Gesellschaft für einen Offizier in Rechnung gestellt, der sie angeblich auf dem Flug in die Hauptstadt Kinshasa beschützen sollte. "Wir sind haushaltsrechtlich verpflichtet, die für die Rettungsaktion verauslagten Kosten geltend zu machen", erklärt eine Sprecherin der MPG. Man habe die Johanniter beauftragt, weil diese eine "Chance" auf Erfolg gesehen hatten. Außerdem habe die Praktikantin die Situation selbst verschlimmert: "Wäre sie schnell stehen geblieben, dann hätten wir sie spätestens am Tag danach gefunden."
Carlitz will nicht zahlen und geht jetzt, wo eine Klage angedroht ist, in die Offensive. "Die Max-Planck-Gesellschaft beruft sich auf eine Erklärung, die meine Mandantin unterschreiben musste, keine Stunde nachdem sie ins Camp gekommen war", erklärt Rechtsanwältin Nuria Schaub. So ein Vorgehen sei unanständig, Carlitz zum Zeitpunkt der Unterschrift nicht geschäftsfähig gewesen. Sie fragt auch nach der Fürsorgepflicht des Camp-Leiters: "Sein Assistent hat fahrlässig gehandelt, als er bei den Affen blieb und die Studentin nicht einmal bis zum sicheren Weg begleitet hat."
Die Max-Planck-Gesellschaft hat den Praktikantenvertrag mit Carlitz fristlos gekündigt. Die Biologin promoviert jetzt an der Universität Zürich und bereitet sich auf ihren nächsten Dschungelaufenthalt vor: diesmal in Asien.
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@waldschrat Klar, jede(r) bekommt einen Survialtrainer a la Nehberg. Trotzdem sollte sie nicht zahlen müssen, weil die Suchaktion von vornherein zum scheitern verurteilt war. Gruß R.[/QUOTE] Leider hast du nur den [...] mehr...
Jaja, Sie haben ja Recht, ich bin die Erste, die nach Eigenverantwortung ruft - wäre da nicht die Tatsache, dass es halt einfach Menschen gibt, die - sagen wir mal, das nicht so gut können. Vielleicht etwas verschroben sind, [...] mehr...
Wieso??? Der war in diesem Fall mehr als gegeben! Schließlich ist die junge Frau (blond und Pastorentochter) seeeeehr weit fortgeschritten! scnr @waldschrat Klar, jede(r) bekommt einen Survialtrainer a la Nehberg. [...] mehr...
Von Bekannten habe ich gehört, dass im Camp Lui Kotale auch schon vorher einmal jemand verloren gegangen ist. Die Person hatte Glück und konnte nach einigen Tagen zurück ins Camp gelangen... Ich frage mich nur, warum die Standards [...] mehr...
Warum spenden sie das Geld nicht einfach, wenn es so ein Klacks ist? mehr...
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