Von Wolfgang Höbel
Yoko Ono spricht von einer perfekten Maschinerie und davon, dass da kein Mythos ausgeschlachtet werde, sondern große Kunst produziert worden sei. "Ein Werk, ganz auf der Höhe der Zeit", sagt sie.
Yoko Ono trägt wie immer eine Brille. Sie ist für ihre Brillen so berühmt wie Imelda Marcos für ihre Schuhsammlung und Königin Elizabeth für ihre Hüte. Onos heutige Brille besteht aus einem schwarzen Panzerknackergestell mit gelben Gläsern. Das Modell sieht aus, als könnte man auch im Fall von überraschend anfallenden Schweißarbeiten darauf vertrauen. Umgekehrt schirmt es die Zornesfunken ab. Ono beherrscht es lässig, über das Erbe der Beatles zu reden und über die virtuelle Wiedergeburt einer Band, die nun, rund 40 Jahre nach der Auflösung, so erfolgreich ist, als gäbe es sie immer noch. Aber allein die Frage, welchen Umsatz sie eigentlich in diesem Jahr erwartet aus den Beatles-Rechten, scheint sie an alte Zeiten zu erinnern, als sie noch die große Ungeliebte war.
"Ich habe nicht die geringste Ahnung", Yoko Onos Stimme hat nun einen scharfen Ton. "Warum sind Sie so am Geld interessiert? Das ist schlecht. Geld bedeutet nicht viel. Es sorgt für eine gewisse Bequemlichkeit. Mehr nicht. Und warum fragen Sie, was ich mit all dem Geld mache? Fragen Sie das die Banker, die ihre Millionen-Boni einsacken, ohne sich zu schämen. Mir ist es wichtig, dass Sie mich verstehen. Meine Leidenschaft, meinen Ehrgeiz als Künstlerin. Ich bemühe mich sehr, meine Gesprächspartner nicht zu belehren. Aber ich sage Ihnen: Geld ist nicht wichtig."
In den sechziger Jahren gehörte Ono zu den New Yorker Pionieren der Kunstbewegung Fluxus, die im Wesentlichen auf zwei Prinzipien basiert: Erstens kann alles Kunst sein. Und zweitens ist Kunst dann geglückt, wenn die Hälfte des Publikums innerhalb kürzester Zeit aus dem Raum flieht, wenn also der Künstler sich unbeliebt macht.
Insofern war Yoko Ono eine sehr erfolgreiche Künstlerin. Über Jahre hat man sie als humorlose Zicke beschimpft, zur Domina stilisiert, die John Lennon die proletarischen Stacheln auszupfte, zur Nichtskönnerin verzwergt und zur Dämonin aufgepustet. Er wolle sie keineswegs als Hexe diffamieren, ätzte zu kriegerischen Zeiten Ringo Starr, "aber ich bin überzeugt, dass sie zumindest Gedanken lesen kann".
Vier Jahrzehnte lang, seit dem Ende der Beatles, lautete der böseste Satz über Yoko Ono: Nicht für die Kunst, die sie vollbracht habe, werde die Welt sie in Erinnerung behalten, sondern wegen der Kunst, die ihretwegen nicht geschaffen wurde.
Nun, mit 76, bekommt Yoko Ono endlich Frieden. "Ich selber war nie wütend auf die Menschen, auch in den schlimmsten Zeiten nicht", sagt sie, "ich habe die negative Energie nie an mich herangelassen. Das hätte mich krank gemacht."
Mit John Lennon hat sie sich für den Frieden einst in Hotelbetten gewälzt, nun schüttelt sie Hände, weiht Denkmäler ein und jubelt über den Friedensnobelpreis für Barack Obama. Das sei ein "großes Zeichen", sagt Ono, dafür, dass die Welt besser werde. "Ich gratuliere ihm zu dieser Ermutigung. Der Preis zeigt, dass die Revolution in unserem Denken begonnen hat."
Für ihr neues Album hat sie gemeinsam mit ihrem Sohn Sean Lennon eine neue Plastic Ono Band formiert; und damit den Namen eines Projekts wiederbelebt, das ihr und Lennon vor 40 Jahren besonders viel Schimpf und Häme einbrachte.
Sie erinnere sich noch gut an den ersten Auftritt der Plastic Ono Band in Toronto 1969, sagt Ono. Nicht an die Pfiffe, das Buhgeschrei, das später zur Legende verklärte Chaos im Stadion, sondern an ihr Glücksgefühl. "Ich war absolut high damals", sagt sie. "Ich hab niemals zuvor einen Menschen kennengelernt, der mit einer solchen Wucht und Kraft Gefühle aus dem Bauch herausschleudern konnte", hat der Musiker Klaus Voormann, der damals mitspielte, über Yoko Ono berichtet.
Erst am Tag nach dem Konzert habe sie begriffen, wie sehr sich die Leute über sie aufregten, sagt sie. "Aber sie wussten nicht, was sie tun. Ich vergebe ihnen. Sie waren die Verlierer, weil sie nichts verstanden haben." Yoko Ono lächelt. "Fluxus lebt und wird niemals sterben."
Für jüngere Musikerinnen wie Courtney Love und Peaches ist Yoko Ono ein kämpferisches Vorbild, Paul McCartney kommt wieder mit ihr aus, Ringo Starr auch, es lässt sich gut Geld verdienen mit Yoko Ono, und auf der Bühne spielt sie mit coolen Szene-Idolen wie Antony Hegarty von Antony and the Johnsons. Der Autor Dietmar Dath nennt sie eine "Kunstfigur ihrer selbst" und schwärmt: "Wo sie als Künstlerin gut war, war sie hervorragend, soweit sie aber schlecht war, war sie wahrlich scheußlich."
Aus der bösen Yoko Ono wurde die gute Yoko Ono. In nicht einmal vier Jahren wird sie achtzig. "Vielleicht sollte ich mir dringend etwas einfallen lassen, um die Leute wieder zu verschrecken."
Es folgt ein schrilles Kichern.
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