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Ausgabe 46/2009
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09.11.2009
 

Medizin

Die Seuche der Jungen

Von Philip Bethge, Andrea Brandt, Michael Fröhlingsdorf und Veronika Hackenbroch

Schweinegrippe: Die Seuche der Jungen
Fotos
DPA

In Deutschland greift die Angst vor der Schweinegrippe um sich. In den Impfpraxen herrscht Chaos. Unklar ist, wie viele sich schon angesteckt haben und wie gefährlich der Erreger wirklich ist.

Der Tod kommt unerwartet. So war es bei der sechsjährigen Kharra Sky Davis aus Hot Springs, US-Bundesstaat Arkansas, die 20 Stunden um ihr Leben kämpfte. So war es auch bei Kyree James Gamble, 5, aus Littlestown, Pennsylvania - beides gesunde Kinder, beide aus dem Leben gerissen, bevor es richtig begonnen hatte.

Atemversagen: So lautete die Todesursache bei Kharra, die im September starb. Das Mädchen hatte eine Geburtstagsparty besucht. Am Abend kam das Fieber, 40,5 Grad. Dann entzündete sich die Lunge. Einen Tag später war Kharra tot.

Bei Kyree kämpften die Ärzte 22 Tage lang gegen das Virus. Der kleine Körper wollte nicht aufgeben. Doch am Ende konnten die Lungen des Jungen eine plötzlich auftretende Staphylokokken-Infektion nicht mehr abwehren. Mutter Marci wich bis zuletzt nicht von Kyrees Seite.

Die Schweinegrippe schlägt in den USA mit einer Härte zu, die hierzulande und auch in den meisten anderen Ländern Europas - noch - unbekannt ist (siehe Grafik). In 48 der 50 US-Bundesstaaten ist die Krankheit inzwischen weit verbreitet, vermelden die Seuchenexperten von den "Centers for Disease Control and Prevention" (CDC). US-Präsident Obama hat die Schweinegrippe-Epidemie zum nationalen Notfall erklärt, um die Patientenversorgung zu vereinfachen.

Sorgenvolle Eltern und ihre hüstelnden Kinder verstopfen die Notaufnahme vieler Krankenhäuser. In manchen Städten warten Hunderte Menschen über Stunden darauf, den bislang noch raren Impfstoff gespritzt zu bekommen. Schulen schließen, weil entweder nicht mehr genug Lehrer oder nicht mehr genug Schüler da sind, um den Unterricht fortzuführen.

Die Verunsicherung ist beträchtlich

Bis zu 5,7 Millionen Amerikaner, so eine CDC-Schätzung, könnte das Virus allein zwischen April und Juli befallen haben. Und mehr als tausend Amerikaner sind bislang an der Krankheit oder ihren Folgen gestorben, unter ihnen mindestens 129 Kinder.

Damit ist die H1N1-Sterblichkeit in der Bevölkerung in den USA mindestens 30mal so hoch wie in Deutschland. Doch wird das auch so bleiben? Oder sind uns die USA in der Entwicklung nur ein paar Wochen voraus?

Fest steht: Auch in Deutschland gibt es immer mehr Infizierte - und damit auch die ersten Toten. In Augsburg, Berlin, Essen, Bonn, Heidelberg, Stuttgart, München, Mannheim und im Saarland starben bis Ende voriger Woche zwei Kinder, ein Jugendlicher und sechs Erwachsene. So greift die Angst um sich. Wollte sich anfangs nur eine Minderheit impfen lassen, hat jetzt ein Ansturm auf die Praxen eingesetzt - doch dort herrscht Chaos.

Die Verunsicherung ist beträchtlich: Wie hoch ist das Risiko wirklich, sich anzustecken? Und wie ernst verläuft die Krankheit? Auch die Epidemiologen wissen kaum mehr, als dass sich das Virus auf der gesamten Nordhalbkugel derzeit stark ausbreitet. Wie viele sich aber wirklich angesteckt haben, weiß niemand. Die 30.000 beim Robert Koch-Institut (RKI) registrierten Schweinegrippe-Infizierten sind eine Zahl ohne große Aussagekraft. Denn in der Datenbank des RKI werden fast nur jene Fälle erfasst, bei denen eine aufwendige und selten durchgeführte Laboruntersuchung die Diagnose bestätigt hat.

Man kann sich die Schweinegrippe überall einfangen

"Eine genaue Abschätzung ist derzeit nicht möglich", bestätigt Gérard Krause, Abteilungsleiter Infektionsepidemiologie am RKI. Längst kann man sich die Schweinegrippe überall einfangen. Viele gehen gar nicht zum Arzt; ein nicht unerheblicher Teil der Infizierten zeigt nicht einmal Symptome. Forscher sind überrascht, wie viele Menschen bereits Antikörper gegen H1N1 im Blut haben, ohne zu wissen, dass sie an der Schweinegrippe erkrankt waren.

Andererseits hat längst nicht jeder die Schweinegrippe, der derzeit fiebernd und hustend im Bett liegt. Über 200 verschiedene Viren können grippeähnliche Symptome hervorrufen. Von den mit Verdacht auf Schweinegrippe beim Nationalen Referenzzentrum des RKI eingesandten Rachenabstrichproben wurden zuletzt nur 40 Prozent tatsächlich positiv auf H1N1 getestet - drei von fünf vermeintlich Infizierten waren in Wahrheit also gar nicht an Schweinegrippe erkrankt.

Weil die Zahlen ungenau sind, weiß aber auch niemand sicher, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Die Schweinegrippe verläuft "in den meisten Fällen mild", betont das RKI. Aber stirbt am Ende einer von 250 Infizierten, wie es die ersten Daten aus Mexiko nahelegten? Oder liegt die Größenordnung eher bei einem von 10.000, wie spätere Berechnungen ergaben? Oder ist die H1N1-Todesrate sogar noch viel geringer, da die Zahl der insgesamt Infizierten viel höher liegt als bekannt?

Die Schweinegrippe ist eine Junge-Leute-Grippe

Die Erfahrungen der Amerikaner zeigen indes, dass sich auffällig oft junge Menschen infizieren. "Dies ist eine Junge-Leute-Grippe", sagt Thomas Frieden, Chef der Seuchenpolizei CDC. Schon hat die Behörde vorsorglich die letzten Bestände an Tamiflu-Pulver für Kinder aus nationalen Beständen freigegeben und neue Packungen des Grippemedikaments geordert.

Und es sind vor allem auch die Jüngeren, die an der Schweinegrippe sterben - während die saisonale Grippe vor allem die Alten dahinrafft. Besonders gefährdet sind Schwangere, stark Fettleibige und Menschen mit einer anderen Vorerkrankung. Auch sieben der neun deutschen Opfer waren mit Sicherheit chronisch krank: Sie hatten eine Einschränkung der Lungenfunktion, waren schwerbehindert oder stark übergewichtig, und ein Mann, der in Heidelberg an der Schweinegrippe starb, hatte auf eine Organtransplantation gewartet.

Doch in den USA starben auch schon etliche Menschen ohne Vorerkrankungen. Das ist für viele das wirklich Beängstigende an der Schweinegrippe: Offenbar kann sie dazu führen, dass bei jungen, völlig gesunden Menschen plötzlich akut die Lunge versagt. Innerhalb von Stunden müssen sie dann auf die Intensivstation. Aber selbst die Beatmung mit einer künstlichen Lunge kann nicht jeden retten.

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Acht Fragen zur Schweinegrippe

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Wie kann man sich schützen?

Wie verbreitet sich das H1N1-Virus?

Welche Symptome treten auf?

Was tun bei Verdacht auf Schweinegrippe?

Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?

Ist ein Mundschutz sinnvoll?

Wie weist man das Virus nach?

Kann sich der H1N1-Erreger verändern?


Wer sich in den kommenden Wochen gegen die Schweinegrippe impfen lässt, sollte seinen Arzt oder Apotheker über aufgetretene Nebenwirkungen informieren, insbesondere im Fall von Kleinkindern und Schwangeren. Das teilte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Start der bundesweiten Impfaktion mit.

Der Vorsitzende des Gremiums, Martin Schulz, erklärte: "Soweit wir derzeit wissen, ist die Impfung gut verträglich. Um seltene Nebenwirkungen zu entdecken, bitten wir alle Patienten, ihren Arzt oder Apotheker über beobachtete Nebenwirkungen zu informieren."

Auch bereits bekannte unerwünschte Wirkungen sollten gemeldet werden, damit deren Häufigkeit oder Schweregrad künftig besser eingeschätzt werden könnten. Apotheken würden dann die Verdachtsfälle an die Geschäftsstelle der AMK melden.

Nebenwirkungen wie Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle sowie mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen sind bei jeder Grippeimpfung möglich. Adjuvantien können die Nebenwirkungen verstärken.

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Unter 0800-44 00 55 0 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die kostenlose Ministeriums-Hotline ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 12 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen von 10 bis 16 Uhr zu erreichen.


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