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Ausgabe 46/2009
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09.11.2009
 

Medizin

Die Seuche der Jungen

Von Philip Bethge, Andrea Brandt, Michael Fröhlingsdorf und Veronika Hackenbroch

Schweinegrippe: Die Seuche der Jungen
Fotos
DPA

2. Teil: So herrscht derzeit große Verwirrung

Vorvorigen Freitag etwa erlag im Bonner Uni-Klinikum eine zuvor weitgehend gesunde 48-jährige vierfache Mutter der Schweinegrippe. Vielen Menschen hat gerade dieser Todesfall einen Schock versetzt.

Für Christian Putensen, den Leiter der operativen Intensivmedizin des Uni-Klinikums Bonn, ist ein solcher dramatischer Krankheitsverlauf allerdings überhaupt nichts Neues. "Zuvor völlig gesunde junge Leute mit einer Lungenentzündung und plötzlichem Lungenversagen sehen wir hier immer wieder", sagt er. "Das passiert auch ganz ohne Schweinegrippe."

Und Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen "arznei-telegramm" beklagt: "Das Problem ist, dass wir die Schweinegrippe nicht in Relation setzen zu anderen Infektionskrankheiten. Würden wir die normale Wintergrippe so aufmerksam verfolgen wie jetzt die Schweinegrippe, dann müsste man jeden Tag in den Medien Dutzende Tote beklagen. Die Leute werden weichgekocht, entscheiden dann nicht mehr rational."

Zur allgemeinen Verunsicherung trägt das Chaos um die Impfung bei. In den Gesundheitsämtern klappt die Massenabfertigung von Impfwilligen meist noch recht gut. Doch in vielen Städten wird gar nicht in den Gesundheitsämtern geimpft, sondern bei niedergelassenen Ärzten. Viele Patienten wissen dann nicht, von wem sie eine Spritze bekommen können. In Schleswig-Holstein etwa hat das Gesundheitsministerium zwar eine Liste impfwilliger Ärzte veröffentlicht. Das Problem nur: Nicht alle der dort genannten Doktoren machen bei der Impfaktion auch tatsächlich mit.

Halb so viel Impfstoff ausgeliefert wie erwartet

Noch unübersichtlicher ist die Situation in Niedersachsen. Patienten müssen erst einmal bei einer der elf Bezirksvertretungen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen anrufen, um zu erfahren, welcher Arzt impft. Einfach eine Liste ins Internet zu stellen geht angeblich aus "Wettbewerbsgründen" nicht. Verschleiert wird so aber auch, dass in manchen Landstrichen fast alle Ärzte ablehnen zu impfen. Etliche Hausärzte scheuen Aufwand und Risiko. Andere wie der Braunschweiger Allgemeinmediziner Wolfgang Schneider-Rathert verweigern ihre Mithilfe aus grundsätzlichen Erwägungen: "Im Falle einer echten Katastrophe wäre es sicher vertretbar, den Impfstoff einzusetzen - aber davon kann derzeit nicht die Rede sein."

Auf der anderen Seite haben impfwillige Mediziner vielerorts Schwierigkeiten, überhaupt an das Vakzin zu gelangen. "Statt der bestellten 1000 Dosen sind am Montag gerade einmal 160 gekommen", berichtet Thorsten Ottlewski, Allgemeinmediziner aus Burgwedel bei Hannover. Ihm blieb nur, Hunderte Termine vor allem mit Polizisten und Feuerwehrleuten abzusagen: "Ich hätte nie gedacht, dass das alles so schlecht organisiert ist."

Hinzu kommt, dass der Pharmakonzern GlaxoSmithKline derzeit nur etwa halb so viel Impfstoff ausliefert wie erwartet - und der ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen auch noch höchst umstritten.

"In den USA kann sich jeder bedenkenlos impfen lassen"

Neidvoll blicken viele deutsche Mediziner deshalb über den Atlantik. In den USA werden ausschließlich Impfpräparate ohne die umstrittenen Wirkverstärker, die sogenannten Adjuvanzien, verwendet. Sie werden exakt so hergestellt wie die langjährig erprobten saisonalen Grippeimpfstoffe. Deutschland hingegen legte sich schon 2007 vertraglich fest, im Fall einer Influenza-Pandemie den neuartigen Impfstoff Pandemrix mit dem zuvor noch nie außerhalb von Studien eingesetzten Wirkverstärker AS03 zu kaufen. Wäre es zu einer tödlichen Vogelgrippe- und nicht zu einer bislang noch immer eher milden Schweinegrippe-Pandemie gekommen, wäre das durchaus sinnvoll gewesen. So jedoch sehen viele Ärzte in Pandemrix ein unnötiges Risiko. Ausgerechnet an chronisch Kranken etwa, die jetzt als Erstes geimpft werden sollen, ist der Impfstoff, der nachweislich schlechter verträglich ist, nie umfangreich erprobt worden.

Und selbst für Gesunde birgt Pandemrix vielleicht unbekannte Risiken. Begünstigt der Impfstoff das Risiko, Autoimmunerkrankungen wie etwa das Guillain-Barré- Syndrom zu erleiden? "Das werden wir erst in Monaten wissen, wenn niemand mehr an diese Schweinegrippe-Saison denkt", sagt Becker-Brüser. Eine ausführliche Studie dazu, die das Paul-Ehrlich-Institut durchführt, endet erst Ende September 2010.

Besonders verunsichert sind die Schwangeren

"In den USA kann sich jeder bedenkenlos impfen lassen", sagt Becker-Brüser. In Deutschland hingegen empfiehlt, wegen der Unsicherheiten um den Impfstoff, jeder Fachmann etwas anderes: Virologen und Internisten waren stets für die Massenimpfung. Die anfangs kritischen Kinderärzte und die Bundesärztekammer sind jetzt angesichts der steigenden Erkrankungszahlen umgeschwenkt. Der oberste Allgemeinarzt, Michael Kochen, jedoch bleibt - zumindest vorerst - ebenso skeptisch wie Becker-Brüser. "Ich würde nur zur Impfung mit dem Adjuvanz-Impfstoff raten, wenn sich die schweren Fälle rasant ausbreiten", sagt dieser.

Besonders verunsichert sind die Schwangeren. An ihnen wurde Pandemrix nie erprobt. "In der Vorbereitung für eine Pandemie haben die Schwangeren nicht im Fokus gestanden", gab Johannes Löwer zu, der scheidende Leiter des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts.

So herrscht derzeit große Verwirrung: Während die Europäische Arzneimittelagentur Pandemrix für Schwangere zugelassen hat, rät in Deutschland die Ständige Impfkommission davon ab und empfiehlt, Schwangere sollten ohne Wirkverstärker geimpft werden; doch genau ein solches Präparat steht noch gar nicht zur Verfügung.

Frühestens Ende November könnte ein für Schwangere geeigneter Impfstoff kommen - wahrscheinlich aus Australien.

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Acht Fragen zur Schweinegrippe

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Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?

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Wer sich in den kommenden Wochen gegen die Schweinegrippe impfen lässt, sollte seinen Arzt oder Apotheker über aufgetretene Nebenwirkungen informieren, insbesondere im Fall von Kleinkindern und Schwangeren. Das teilte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Start der bundesweiten Impfaktion mit.

Der Vorsitzende des Gremiums, Martin Schulz, erklärte: "Soweit wir derzeit wissen, ist die Impfung gut verträglich. Um seltene Nebenwirkungen zu entdecken, bitten wir alle Patienten, ihren Arzt oder Apotheker über beobachtete Nebenwirkungen zu informieren."

Auch bereits bekannte unerwünschte Wirkungen sollten gemeldet werden, damit deren Häufigkeit oder Schweregrad künftig besser eingeschätzt werden könnten. Apotheken würden dann die Verdachtsfälle an die Geschäftsstelle der AMK melden.

Nebenwirkungen wie Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle sowie mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen sind bei jeder Grippeimpfung möglich. Adjuvantien können die Nebenwirkungen verstärken.

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