ThemaMichael MooreRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.11.2009
 

Kino

"Die Bestie muss sterben"

Von Wolfgang Höbel und Daniel Sander

Michael-Moore-Doku: "Die Banker hören nicht auf!"
Fotos
AP

Der amerikanische Regisseur Michael Moore über seinen Film "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte", das schlechte Beispiel der USA und seine Botschaft an Präsident Barack Obama.

SPIEGEL: Mr. Moore, haben Sie selbst das Unheil der Finanzkrise kommen sehen?

Moore: Ja. Ich habe schon im Mai 2008 angefangen, an meinem Film zu arbeiten, Monate vor dem Crash. Schon damals wurden Menschen auf die Straße gesetzt, stiegen die Immobilienzinsen bedrohlich, kletterte die Zahl der Bankrotte in den USA ebenso auf ein Allzeithoch wie der Schuldenstand der Kreditkartennutzer. Ich sage: Jeder hätte es sehen können. Ich habe nur eine Highschool-Bildung, ich bin ein Typ, der mit einer Baseball-Kappe auf dem Kopf herumrennt, aber ich sah es kommen.

SPIEGEL: Warum waren Ihrer Meinung nach so viele Fachleute trotzdem überrascht?

Moore: Weil sie Lügner und zynische Schauspieler sind. Und wo waren unsere Medien? Am 15. September 2008 und an den Tagen darauf, als erst Lehman Brothers kollabierte und dann der Versicherungskonzern AIG, da redeten alle Fernseh-Anchormen und alle Zeitungskommentatoren von einem Schock. Ich dachte nur: Wollt ihr mich alle verscheißern? So strohdoof könnt ihr gar nicht sein! Die Medienleute haben sich dumm gestellt, weil sie von den großen Konzernen und von der Wall Street finanziert werden.

SPIEGEL: Das ist doch Unsinn. Es gab genug Warnungen in den Medien der USA und Europas, nur haben die wenig gefruchtet.

Moore: Dann ist doch auch das die Schuld der Journalisten! Ich will mir kein Urteil über Ihre Arbeit anmaßen, aber ihr Medienleute seid dafür verantwortlich, solche Warnungen eben nicht zu verstecken.

SPIEGEL: Die wohl größte Überraschung in Ihrem neuen Film sind mehrere Geistliche und sogar ein katholischer Bischof, die dort den Kapitalismus verdammen und behaupten, er passe nicht mit dem Christentum zusammen. Gilt nicht gerade im Protestantismus amerikanischer Prägung irdischer Reichtum als Lohn für ein gerechtes Leben, als Beleg für Gottes Gnade?

Moore: Sie haben recht. Aber als mich einige meiner Mitarbeiter nach den ersten Testvorführungen baten, die Szenen herauszunehmen, in denen es heißt, der moderne Kapitalismus sei das Gegenteil von dem, was Jesus wollte, da beharrte ich darauf, dass diese Stellen drinbleiben. Denn ich bin genau dieser Überzeugung, seit ich als Teenager selbst Priester werden wollte.

SPIEGEL: Sie erwarten das antikapitalistische Heil von der Religion?

Moore: Ich will niemandem in privaten, religiösen Dingen hineinreden. Aber ich bin Dokumentarfilmer, und ich stehe ehrlich zu dem, was ich empfinde angesichts eines Systems, das zutiefst unfair ist und unmoralisch und undemokratisch. Es ist eine Schande, dass wir den Kapitalismus in seiner vorliegenden Form mit allen Auswüchsen tolerieren, obwohl die meisten Menschen genauso wie ich finden, dass er gegen die wichtigsten ethischen Grundregeln verstößt.

SPIEGEL: Sind Sie selbst nicht auch Kapitalist? Sie haben doch mit Ihren Filmen viel Geld verdient.

Moore: Ich habe nie Aktien gekauft oder besessen, wenn Sie das meinen, ich habe nie an das System der Wall Street geglaubt.

SPIEGEL: Aber gegen Privatbesitz und Kleinunternehmertum haben Sie nichts?

Moore: Nein, ich respektiere Menschen, die Geld verdienen wollen, hart arbeiten und das gut machen. Ich habe nur etwas gegen Burschen, die Geld verdienen mit der Ausbeutung anderer. Wenn zehn Leute an einem Tisch sitzen und einer von ihnen sichert sich neun Stücke der Torte und die anderen kriegen nicht mal eins, dann ist das falsch und sollte nicht erlaubt sein. Leider ist genau das aus dem Kapitalismus geworden. Ich habe nichts gegen den Mann, der in seinem Laden Schuhe verkauft. Aber ich bin dagegen, dass er alle Schuhgeschäfte in der Stadt besitzen will, so dass wir nur noch bei ihm Schuhe kaufen können. Sein Recht, Geld zu verdienen und alles aufzukaufen, wird durch unser Recht, eine Wahl zu haben, beschränkt. Ich glaube, so eine Moral brauchen wir.

SPIEGEL: Das ist aber nicht der Geist, auf dem der Reichtum Ihrer Nation fußt, der Pioniergeist, in dem vor 150 Jahren Amerikas Westen erobert wurde.

Moore: In der Zeit seither hat sich alles komplett verändert. Natürlich ist Gier ein Teil der menschlichen Natur. Deshalb brauchen wir Regeln in unserer Gesellschaft, deshalb sollten wir unsere niedrigsten Instinkte zähmen. Der Kapitalismus stachelt diese niedrigen Instinkte nur immer weiter an: Schlag deinen Nächsten, zeig ihm, dass du überlegen bist! Deshalb halte ich den Kapitalismus für nicht reformierbar. Er muss eliminiert werden. Es ist verrückt, etwas reformieren zu wollen, das von Grund auf falsch ist.

SPIEGEL: Wie sieht Ihre Alternative zum Kapitalismus denn aus? Die real existierenden Alternativen in der Geschichte haben alle versagt.

Moore: Ich möchte Demokratie.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 150 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.03.2010 von han-han: Und wie schaut es Heute aus hier?

Und genau das ist Heute, jetzt passiert! Schöne neue Welt! mehr...

16.11.2009 von Dion: Durch den Tod der Bestie Kapitalismus wird nichts besser

Sie verlangen Unmögliches: Wer an der Börse in Sekundenschnelle entscheiden muss, in was er die Millionen, die nicht die seinen sind, investieren soll, der entscheidet sich für das in seinen Augen attraktivste Angebot, d.h. für [...] mehr...

13.11.2009 von Fackus: sehr einig

Wir sind uns da sogar sehr einig und ich stimme Ihnen voll zu. In einem anderen Beitrag hier hatte ich genau dies gesagt: Die Gier der Kreditgeber und der -nehmer! Und ein anderer Forist hatte angemerkt, daß Mord und Totschlag [...] mehr...

13.11.2009 von amtegi123: Wer ist denn hier die Bestie?

Ich glaube wir sind uns in vielem einig, das System zu hinterfragen ist immer gut und Alternativen zum jetzigen wären absolut wünschenswert. Allerdings weiss ich nicht, woher Sie ihren Optimismus über die Natur des Menschen [...] mehr...

13.11.2009 von adesat: Alternative Ideen...

... gibt es durchaus. Ideal wäre es wenn jemand Geld verleiht um an den Gewinnen der Investition zu partizipieren. Dann würde auch die maximale Intelligenz investiert werden, gemeinsam mit dem Geld. Und nicht die maximale Gier. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Michael Moore

© DER SPIEGEL 46/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



DER SPIEGEL

Heft 46/2009 Gymnasium Warum sich ein deutscher Bildungsmythos neu erfinden muss

Zur Person

AP

Michael Moore wurde vor 20 Jahren als Guerilla-Dokumentarfilmer bekannt, als er in "Roger & Me" vom Niedergang der amerikanischen Autoindustrie erzählte. In seinem jüngsten Werk "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" zeigt er weinende US-Bürger, die ihr Haus an die Bank verloren haben, und kombiniert diese Aufnahmen mit Szenen aus einem Film über das dekadente alte Rom.

Er lässt das Börsengebäude an der New Yorker Wall Street mit jenem gelb-schwarzen Plastikband umspannen, das Amerikas Polizei zur Absperrung von Tatorten gebraucht, und interviewt christliche Geistliche, die beherzt die Habsucht verdammen.

Moore, 55, zeigt sich also erneut als Motive und Ideen verquirlender Gerechtigkeitsfundamentalist, nur dass er diesmal den Kapitalismus als großen Menschheitsirrtum attackiert. Differenzierte Argumentation sieht anders aus - aber als Krisendokument hat diese Lovestory durchaus ihren Charme. Mehr über Michael Moore auf der Themenseite…






TOP



TOP