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Ausgabe 46/2009
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09.11.2009
 

TV-Sender

Im nahen Osten - so fern

Von Thomas Tuma

Intendant Reiter: Zocker, Macher, Söldner, ProvokateurZur Großansicht
DDP

Intendant Reiter: Zocker, Macher, Söldner, Provokateur

20 Jahre nach dem Mauerfall geriert sich der MDR als mächtigste TV-Stimme der neuen Bundesländer. Manches an dem Sender wäre noch immer schwer erträglich, wenn der nicht so einen vielschichtigen Intendanten hätte.

Vielleicht ist Udo Reiter ein bisschen irre. Vielleicht muss er das sogar sein, weil er sonst nie so weit gekommen wäre als Gründer und aktueller Chef des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) sowie dienstältester Intendant der ARD.

Er ist König der dritten Programme geworden, obwohl oder weil manche Beilagen seiner öffentlich-rechtlichen TV-Soljanka aus Ostalgie, Volksmusik und Ratgeberei für westdeutsche Geschmäcker nur schwer zu verdauen sind. Angesichts solcher Kritik lobt er dann gern die "integrative Bedeutung" seines Programms. Was machte er am 3. Oktober? Via Internet twitterte er die "fernöstliche Weisheit": "Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum."

Jetzt sitzt er in seinem Büro-Mausoleum, das früher die Börse des Leipziger Schlachthofs war. Ein sonniger Herbstmittag taucht die Stadt in mildes Licht. Reiter lächelt, er findet den Spruch lustig: "Das war mein Beitrag zur deutschen Einheit." Andere regten sich furchtbar auf.

Reiter kann das nicht mehr aus der Fassung bringen. Nicht einen wie ihn, der an der Spitze des MDR jede Affäre überlebt hat. Nicht einen, der wie er nach einem Autounfall seit über 40 Jahren im Rollstuhl sitzt und sich damals die Smith & Wesson schon besorgt hatte, um sich das Leben zu nehmen. Seine Promotion wollte er noch erlangen, dann saß er mit dem Revolver da und konnte doch nicht abdrücken.

Chef gesucht

Mit Reiter kann man sogar darüber reden, ob ihm der Rollstuhl später vielleicht sogar genutzt hat - karrieretechnisch. Geschadet habe er jedenfalls nicht beim Aufstieg durch die knochenkonservativen Hierarchien des Bayerischen Rundfunks (BR), bevor er 1991 den Anruf bekam, doch mal nach Dresden in die Staatskanzlei zu kommen.

Beim BR konnten sie damals mit diesem komischen Osten wenig anfangen. Sie waren vielleicht für eine Vereinigung, aber eher mit Südtirol.


Reiter machte rüber. Es war nicht sein erster Ostbesuch. Er hatte einst Germanistik studiert und sich für die Literatur im anderen Teil Deutschlands begeistert. Deshalb hatte er dort schon zu DDR-Zeiten mehrfach Urlaub gemacht. In Dresden stellte sich raus, dass der Chef einer noch nicht mal gegründeten öffentlich-rechtlichen Anstalt gesucht wurde für die drei ebenso neuen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Reiter hatte zehn Minuten Bedenkzeit. Ziemlich viel für einen wie ihn. "Ich hatte immer ein bisschen eine Söldnermentalität. Und ich habe die Entscheidung nie bereut."

Anekdoten wie Kriegserinnerungen

So fing er Mitte 1991 an mit dem Betriebsausweis Nummer 0001. Die Telefone gingen nicht, Handys hatten kein Netz, Steckdosen waren rar und die Abteilungen auf 47 Standorte verstreut. Seine ersten Mitarbeiter suchte er sich selbst zusammen, mit Einstellungszetteln, die er sich in München kopiert hatte. "BR" strich er durch und krakelte "MDR" drüber. Ein halbes Jahr später lief das Programm an.

"Wir haben auf dem Flur Entscheidungen getroffen, für die die ARD heute drei Hauptversammlungen braucht." Als Anschubfinanzierung bekam der Neu-Ostler 560 Millionen Mark, brauchte aber bald das Doppelte. Was machen Wahnsinnige in so einer Situation? Sie gehen beispielsweise mit geborgtem Geld ins Casino und setzen alles auf Schwarz. Reiter spekulierte an der Börse und gewann - weitgehend. Eine hochriskante Anleihe platzte, ein paar Millionen Mark verpufften. Das Geschrei war gewaltig.

Er grinst: "Es ging ja eh nur, weil mir vorher niemand gesagt hatte, dass man mit Gebührengeldern nicht spekulieren darf. Ich habe halt auch was Spielerisches." Insgeheim ist er noch heute stolz darauf, dass er das MDR-Vermögen mit seiner Zockermentalität in drei Jahren mehr als verdoppeln konnte. Es waren andere Zeiten, wildere. Es waren Zeiten für Wahnsinnige. Dabei weiß Reiter, dass seine Anekdoten schon heute wie Kriegserinnerungen klingen.

Vierte Amtszeit als MDR-Intendant

Jetzt ist dieser Mann 65 und in seiner vierten Amtszeit als MDR-Intendant. So einem muss es fast ein bisschen leidtun, dass sein Sender 20 Jahre nach dem Mauerfall eine ziemlich normale Anstalt geworden ist mit rund 2000 Beschäftigten, drei Landesfunkhäusern, acht Hörfunksendern, Fernsehballett und einem weiterhin teils bizarr "ostigen" TV-Programm.

Da wird noch immer geschunkelt, bis der Kassenarzt kommt, und mit Shows wie "Damals in der DDR" gegen das mildtätige Vergessen angesendet. Da geht's in "Informationssendungen" wie "Dabei ab zwei" oder "Hier ab vier" überwiegend um überfallene Discountmärkte und missbrauchte Schülerinnen, Schlägertrupps, Vandalismus, Rechtsradikale und immer noch einen Kinderschänderprozess. Alles ist entweder "schlümm" oder "forschbor".

Seien wir höflich: Wer ein paar Tage nonstop MDR schaut, träumt danach nicht sofort von einem Kurzurlaub im Sendegebiet. Manches in diesem Programm wirkt befremdlich, vor bald zehn Jahren war es allerdings noch schier unfassbar.

"Warum Ostdeutschen anders bleiben sollten"

Damals unterzog der SPIEGEL den MDR einer Fern(seh)-Diagnose, die weniger Publikumsbeschimpfung sein sollte als Kritik an den Machern. Das Stück bescheinigte dem Sender, aus Quotengründen die DDR am Leben zu halten. Der Aufruhr war gewaltig. Allerdings nur im Osten, wo sich Leserbriefspalten und Internetforen mit Hass, aber auch Zustimmung füllten.

Im Kern kreiste die Debatte um zwei Fragen. Die erste lautete: War der Osten zu blöd für ein besseres Fernsehprogramm oder wurde er von westimportierten TV-Managern für blöd verkauft?

Allein zu einer Podiumsdiskussion in Leipzig kamen rund tausend Menschen, die schon dort einen relativ entspannten Reiter erleben konnten. Er macht auch heute keinen Hehl daraus, dass ein Teil seines Programms nicht mal seinen eigenen Geschmack trifft. Andererseits denke er eben "anwaltschaftlich", womit man bei der zweiten Kernfrage ist: Haben er und sein MDR ihren damals zehn Millionen Zuschauern in den Umbruchjahren eine Plattform für notwendige Identifikation geboten? Oder zementierten sie deutsch-deutsche Differenzen?

Die Frage ist umso spannender, als die Ostautorin Jana Hensel in ihrem aktuellen Buch "Achtung Zone" ja gerade erklären möchte, "warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten". Sollten sie?

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Heft 46/2009 Gymnasium Warum sich ein deutscher Bildungsmythos neu erfinden muss

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