Von Frank Schirrmacher

Serverraum eines Rechenzentrums: Wir müssen verzweifelt lernen, welche Information wichtig ist und welche nicht
Informationen fressen Aufmerksamkeit, sie ist ihre Nahrung. Aber es gibt nicht genügend Aufmerksamkeit für all die neuen Informationen, nicht einmal mehr in unserem eigenen persönlichen Leben. Unsere Köpfe sind die Plattformen eines Überlebenskampfes von Informationen, Ideen und Gedanken geworden, und je stärker wir unsere eigenen Gedanken in das Netz einspeisen, desto stärker werden wir selbst in diesen Kampf miteinbezogen. Er hat jetzt erst Verlage und Zeitungen, Fernsehen und die Musikindustrie getroffen.
Aber man mache sich nichts vor. Der darwinistische Überlebenskampf ist im Begriff, auf das Leben des Einzelnen überzugreifen, auf seine Kommunikation mit anderen, sein Erinnerungsvermögen, das der größte Feind neuer Informationen ist, auf sein soziales Leben, auf seine Berufs- und Lebenskarriere, die längst Bestandteil des digitalen Universums geworden ist.
Die drei Ideologien, die das Leben der Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten bis heute am nachhaltigsten verändert haben, waren Taylorismus - also die "Arbeitsoptimierung", gesteuert durch die Stoppuhr und den Zwang zur äußersten Effizienz -, Marxismus und Darwinismus. Alle drei Weltbilder finden im digitalen Zeitalter in einer "personalisierten" Form, nicht als Ideologie, sondern als Lebenspraxis, zusammen. Der Taylorismus in Gestalt des Multitaskings, der Marxismus in Gestalt kostenloser Informationen, aber auch selbstausbeutender Mikroarbeit im Internet, die vor allem Google zugutekommt, und der Darwinismus in Gestalt des Vorteils für denjenigen, der als Erster die entscheidende Information hat.
Die Informationsexplosion wird unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit und unsere geistigen Fähigkeiten verändern, unser Gehirn physisch verändern, vergleichbar nur den Muskel- und Körperveränderungen der Menschen im Zeitalter der industriellen Revolution. Kein Mensch kann sich diesem Wandel entziehen. Aber das sind nur Vorbereitungen auf einen ungleich größeren Wandel.
Die digitale Gesellschaft ist im Begriff, ihr Innenleben umzuprogrammieren. Auf der ganzen Welt haben Computer damit begonnen, ihre Intelligenz zusammenzulegen und ihre inneren Zustände auszutauschen; und seit ein paar Jahren sind die Menschen ihnen auf diesem Weg gefolgt. Solange sie sich von den Maschinen treiben lassen, werden sie hoffnungslos unterlegen sein. Wir werden aufgefressen werden von der Angst, etwas zu verpassen, und von dem Zwang, jede Information zu konsumieren. Wir werden das selbständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. Denn das Denken wandert buchstäblich nach außen; es verlässt unser Inneres und spielt sich auf digitalen Plattformen ab. Das Gefühl, dass das Leben mathematisch vorbestimmt ist und sich am eigenen Schicksal nichts mehr ändern wird, ist einer der dokumentierten Effekte der Informationsüberflutung.
Aber im Internet und den digitalen Technologien steckt auch eine gewaltige Chance. Denn es gibt einen Ausweg, der selten so gangbar schien wie heute: Die Perfektion der entstehenden Systeme hilft uns nur, wenn wir uns erlauben, weniger perfekt zu sein, ja aus unserem Mangel und unserer Unvollständigkeit etwas zu stärken, was Computer nicht haben und worum sie uns beneiden müssten: Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart.
Auch wenn die meisten Leute es gern anders hätten, müssen wir akzeptieren, dass wir durch unsere Kommunikation mit Computern berechenbar werden. Das ist eine Erkenntnis, die in den Köpfen der meisten Menschen noch nicht angekommen ist. Es hilft nichts, gegen sie zu protestieren. Gegen Fakten kann man nicht protestieren. Aber man muss mit naivem Blick verstehen, wie ungeheuerlich und folgenreich das ist, was vor sich geht.
Der amerikanische Journalist Stephen Baker hat in seinem Buch "Numerati" gezeigt, wie wir als Wähler, Käufer, Blogger und User bereits von leistungsfähigen Rechenprogrammen eingeordnet werden: in Stämme ("tribes") und Subjekte, die durch Zahlen codiert werden. Hochkomplexe Software verbindet Klicks, Worte oder Töne mit digitalen Bewegungsmustern anderer User, sucht nach Übereinstimmungen oder Unterschieden. Das bedeutet nichts anderes, als dass jeder einzelne Mensch, addiert mit vielen anderen, irgendwann das Resultat gewaltiger Berechnungen sein wird, für die es noch vor fünf Jahren weder die Computer noch die Daten gegeben hätte. Es entsteht eine unendliche Spirale von Berechnungen, die dem Wesen von Algorithmen entsprechen: Und die arbeiten so lange, bis sie ihr Ziel erreichen, im Zweifelsfall ewig.
Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht. Dies alles dient dem Zweck, dass die Maschinen wiederum den Einzelnen besser lesen können - ein Ziel, das viele von uns, man darf sich nichts vormachen, begrüßen, ja sehnsüchtig erwarten und das für das Funktionieren unserer digitalen Gesellschaft unerlässlich ist. Je besser der Computer uns kennt, desto besser die Suchergebnisse, mit denen er uns aus der Datenflut, die er selbst erzeugt, retten kann.
Was das Ganze bringt? Zunächst Profit. Aber was, wenn es irgendwann nicht mehr um Konsumgüter, sondern um politische Entscheidungen oder das eigene Leben geht?
Die Mehrheit würde jetzt wohl antworten: Dann haben wir das, wovor George Orwell uns schon vor 60 Jahren gewarnt hat. Eine von einer kalten Macht überwachte, durchkalkulierte und gesteuerte Gesellschaft. Oder auch den, wie man ihn Jahre später taufte, "gläsernen Menschen".
Allein: Es geht hier nicht um Überwachung. Sie ist ein ernstes Problem, wenn Staaten die modernen Kommunikationsmittel unter ihre Kontrolle bringen, und es ist legitim und dringend geboten, beispielsweise bei der Debatte um Netzsperren die Motivation des Staates in Frage zu stellen. Aber die Chancen, sich von modernen Technologien leiten und beraten zu lassen, hängen vom Willen ab, sich selbst transparent zu machen. Überwachung ist nicht nötig, wenn Menschen beschlossen haben, ihre Fotos ins Netz zu stellen, ihre Hobbys und Abneigungen der Welt mitzuteilen, die Wände ihrer Intimsphäre wegzusprengen. Solche Menschen kann man gar nicht überwachen. Dann gibt es auch keine anonyme Macht mehr, die sie ausbeutet. Sie selbst sind diese Macht. Sie beuten sich selbst aus.
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Es geht mir ganz genau so. :-( Im Prinzip würde ich das auf eine chronische Ungeduld zurückführen, die sich offenbar bei nicht wenigen eingestellt hat und die, so meine ich, ganz sicher irgendwie damit zusammenhängt, wie wir [...] mehr...
partiell... legasthenische Anflüge und geschlossene Paradoxien sind nun einmal primär mit Unsinn identifizierbar. Problematisch wird die Geschichte wenn mir befreundete Personen auf Aussagen wie:" Ja, vor http gab es [...] mehr...
Etwas ähnliches kann man auch über die Überschätzung der Möglichkeiten der Sicherheitsbehörden sagen. Wer geht nicht davon aus, dass er durch sein Handy durch die Polizei jederzeit einfach geortet werden könnte? Tatsächlich sind [...] mehr...
Dürfen wir gerade dabei zuschauen, wie ein Mann des Wortes seinen Glauben an die Kraft des Wortes relativiert? Wer allem Gelesenen Bedeutung abgewinnen will, muss durch die enorme Vereinfachung der Informationsbeschaffung und [...] mehr...
Gratuliere. Sie haben eine tolles Programm geschrieben, das intellektuell erscheinenden, syntaktisch korrekten Unsinn produziert. Nur mit der Semantik hapert's noch. Absicht um Schirrmachers Geschwurbel ad absurdum zu führen? mehr...
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© DER SPIEGEL 47/2009
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