Von Frank Schirrmacher
Der eigentliche Rädelsführer dieser Entwicklung ist übrigens nicht der Laptop oder das heutige Internet, sondern unser Handy. Die Netzbetreiber verfügen potentiell über eine unvorstellbare Anzahl unserer persönlichen Daten von Gesprächen, Fotos, SMS-Nachrichten, Internetzugriffen und Gewohnheiten, und einzig der Datenschutz verhindert, dass diese Daten unter Klarnamen ausgewertet werden. Durch die Vorratsdatenspeicherung sind sie für staatliche Stellen abrufbar und erlauben die Modellierung außerordentlich genauer sozialer Profile.
Wir sind also in einer Zwickmühle: Wir brauchen die Software, die uns analysiert, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Aber indem sie uns analysiert, reduziert sie immer mehr unser Gefühl dafür, dass wir wählen können und einen freien Willen haben.
Wieso akzeptieren wir das, ohne an der angeblichen Freiheit des Netzes auch nur im Entferntesten zu zweifeln? Der Grund unserer Blauäugigkeit liegt darin, dass wir uns unsere Bewegungen im Netz wie einen Spaziergang durch eine Stadt vorstellen: von Zufällen geprägt. Nicht nur glauben wir, dass wir grundsätzlich unserem freien Willen folgen, sondern auch, dass die Verlinkungen und Verweise genauso zufällig sind wie im wirklichen Leben. Angesichts der fast unendlichen Fülle an Websites würde jeder mehr oder minder seinen eigenen Vorlieben folgen, sich mit seinen Interessen verlinken und mit den Menschen, die er mag, so dass am Ende eine sehr zufällige, demokratische und unkontrollierbare Struktur entsteht.
Aber seit den Forschungen des Physikers Albert-László Barabási müssen wir umdenken. Er hat herausgefunden, dass die gesamte Struktur des Internets Machtgesetzen folgt. Die mächtigsten Verbindungsstellen, Google oder Yahoo, verfügen über eine astronomische Anzahl von Vernetzungen, während die meisten anderen im Vergleich dazu nur auf ein paar wenige kommen.
Man muss es sich so vorstellen: Wenn wir durch die Stadt spazieren, kommen ab und zu ein paar Menschen vorbei, die hundert Meter groß sind. Und auf sie ist alles zugeschnitten, die Straßen und Cafés, und von ihnen hängt alles ab. Das hat gewichtige Folgen. Es bedeutet nämlich, dass selbst Millionen Kommentare, die eine bestimmte Meinung äußern, nicht mehr repräsentativ sein müssen.
Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern auch eine Machtmaschine und entscheidet mittlerweile über die Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken. Unsere schöne neue Informationswelt wird von den Überlebensgesetzen Darwins beherrscht.
Wir scheinen zu glauben, dass wir unsere Intelligenz, Bildung und Kreativität dadurch sichern, dass wir mit den Computern in einer Art spannungsgeladener Koexistenz leben. Aber es gibt keine Koexistenz. Wir müssen die Computer tun lassen, was sie tun können, damit wir frei werden in dem, was wir können, um sie mit neuen Befehlen zu versorgen. Digitale Informationen verschaffen uns die Möglichkeit, die Informationen zu überdenken, statt sie zu sammeln. Wir müssen den Weg nicht mehr beschreiben, also können wir über das Ziel nachdenken.
Unsere Zukunft wird im Bereich des Lernens und der Bildung entschieden werden. Doch völlig desinteressiert daran, dass die digitale Welt im Begriff ist, unsere Hirnverdrahtungen zu verändern wie seit der Erfindung des Lesens nicht mehr, behandeln viele Schulen und Universitäten die Computer weiterhin so, als wären sie Fernseher, die nur senden, und verschlimmern damit die kognitive Krise. Denn nicht nur die Computer sind reine Sender, auch die Lehrer und Professoren sind es allzu oft. Sie senden vom Pult ihre Informationen an die Empfänger, die Schüler, Studenten, und die wiederum halten es für "Aufmerksamkeit", wenn sie den Professor anschauen. Wenn es je eine Maschinisierung gab, dann ist es diese.
Die Antwort lautet nicht, dass Powerpoint-Präsentationen und Computer der Ausweg sind, sie sind noch nichts anderes als Folterinstrumente, solange unsere Vorstellung vom Lernen weiter so funktioniert, als stünde einer an der Tafel und verbreitete Informationen. Die Informationen hat jeder. Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie. Denn egal wie viele Computeranimationen man benutzt: Wenn man nicht begreift, dass wir heutzutage Wissen nicht mehr nur aufnehmen, sondern permanent selbst produzieren, dass jede Diskussion in einem Seminar oder Klassenzimmer potentiell über YouTube oder das Google-Scholar zum Wissen beiträgt, ersticken wir in der Eindimensionalität des bloßen Lernens. Den Blick fest in den Rückspiegel gerichtet, übersehen wir fast vollständig die neuen Wege, die wir nehmen könnten.
"Informelles Lernen" war lange Zeit ein Geheimtipp idealistischer Pädagogen in der Erwachsenenbildung. Gemeint ist heute damit ein Lernen, das das pure Wissensgedächtnis entlasten und stattdessen zu etwas anderem erziehen will: Perspektivwechsel, nicht-algorithmische, also völlig unberechenbare Lösungsansätze. Es geht im besten Fall darum, Menschen das tun zu lassen, was sie am besten können - und das zu entrümpeln, was die Computer uns abnehmen.
Die Befreiung von Aufgaben, die Computer besser können als wir, ist in den meisten Schulen oder Universitäten noch nicht angekommen. Stattdessen hat ein darwinistischer Wettlauf zwischen Mensch und Maschine begonnen. Nur wenige haben erkannt, dass es wichtiger ist, Hypothesen, Faustregeln und Denkweisen zu lehren und zu lernen, als statistisch abfragbare Fakten. Höheres Lernen in Deutschland, gekennzeichnet durch Fehlentwicklungen wie den "Bologna-Prozess", gibt sich gern den Anschein des Bildungsbürgerlichen, ist aber in Wahrheit nichts anderes als die Zwangsverschickung des Geistes in die Vergangenheit. Wir gehen mit der Erfahrung, mit dem Wissen von heute um und muten uns und der nachwachsenden Generation zu, das Telefonbuch zu lesen, auswendig zu lernen und gleichzeitig zu benutzen - und das in Zeiten, wo es nicht einmal mehr Telefonbücher gibt.
Umgekehrt kann der Computer nicht der letzte Richter über Informationen, menschliche Denkprozesse oder Leistungsnachweise sein. Je stärker die Computer in unsere Sprache und in unsere Kommunikation eingreifen, desto dringender wird eine Erziehung, die zeigt, dass die wertvollsten menschlichen Verhaltensweisen durch Nicht-Vorausberechenbarkeit gekennzeichnet sind.
Man darf nie vergessen, dass Algorithmen Garantien sind. Algorithmen erreichen irgendwann immer das Ziel, das sie anstreben. Das entspricht in gewisser Weise der kapitalistischen Lebensphilosophie des "Wer was kann, setzt sich durch". Aber jeder weiß auch, dass diese im wirklichen Leben keine Lebensphilosophie, sondern oft eine Lebenslüge ist. Und dass es im wirklichen Leben keine Garantie gibt.
Je stärker Menschen ihre gesamte kommunikative Umwelt von Mathematik kontrollieren lassen, desto geringer werden die Abwehrkräfte gegen solche Ideologien. Aber Wissen erlangt man nur, wenn man sich selbst als nicht berechenbares Wesen wahrnimmt. Menschen, die die Welt und sich selbst nur noch als Bestandteile algorithmischer Prozesse sehen, wehren sich nicht mehr gegen Überwachung. Schulen müssen Computer als Instrumente integrieren, die Schüler nicht nur benutzen, sondern über die sie nachdenken müssen. Sie müssen erkennen lernen, dass die verführerische Sprache der Computer nur Instrumente bereithält, dafür da, um dem Menschen Denken und Kreativität zu ermöglichen.
Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz, den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat.
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Es geht mir ganz genau so. :-( Im Prinzip würde ich das auf eine chronische Ungeduld zurückführen, die sich offenbar bei nicht wenigen eingestellt hat und die, so meine ich, ganz sicher irgendwie damit zusammenhängt, wie wir [...] mehr...
partiell... legasthenische Anflüge und geschlossene Paradoxien sind nun einmal primär mit Unsinn identifizierbar. Problematisch wird die Geschichte wenn mir befreundete Personen auf Aussagen wie:" Ja, vor http gab es [...] mehr...
Etwas ähnliches kann man auch über die Überschätzung der Möglichkeiten der Sicherheitsbehörden sagen. Wer geht nicht davon aus, dass er durch sein Handy durch die Polizei jederzeit einfach geortet werden könnte? Tatsächlich sind [...] mehr...
Dürfen wir gerade dabei zuschauen, wie ein Mann des Wortes seinen Glauben an die Kraft des Wortes relativiert? Wer allem Gelesenen Bedeutung abgewinnen will, muss durch die enorme Vereinfachung der Informationsbeschaffung und [...] mehr...
Gratuliere. Sie haben eine tolles Programm geschrieben, das intellektuell erscheinenden, syntaktisch korrekten Unsinn produziert. Nur mit der Semantik hapert's noch. Absicht um Schirrmachers Geschwurbel ad absurdum zu führen? mehr...
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© DER SPIEGEL 47/2009
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