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Ausgabe 47/2009
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16.11.2009
 

Linke

Der virtuelle Kandidat

Von Stefan Berg und Markus Deggerich

Oskar Lafontaine: Der virtuelle Kandidat
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DDP

2. Teil: Rückzugsplan nach der Wahl

In der Parteispitze heißt es, Lafontaine habe bereits vor etlichen Monaten im vertrauten Kreis berichtet, er müsse künftig mehr Rücksicht auf seine Frau nehmen. Als bekannt wurde, dass Wagenknecht ein Mandat im Bundestag anstrebte, sei er daheim unter Druck geraten. Lafontaine sollte demnach die Kandidatur von Wagenknecht verhindern - oder selbst verzichten.

War es nur ein Gerücht, oder war mehr dran? Im Führungszirkel der Partei zumindest wuchs Anfang des Jahres die Angst, die Linke müsse im Wahlkampf auf ihr wichtigstes Zugpferd verzichten. Dabei standen die Chancen doch gut: Die weltweite Finanzkrise nährte die Hoffnung, im Wahljahr 2009 zum großen Gewinner aufzusteigen. Aber ohne Lafontaine?

Gleich mehrfach, heißt es in der Partei, sei darum Gysi am Jahresanfang ins Saarland gereist. Er und Lafontaine führten gemeinsam die Bundestagsfraktion und sollten zusammen als Spitzenkandidaten in den Wahlkampf gehen. Das vorzeitige Ende dieses eingespielten Erfolgsduos wäre ungelegen gekommen. Das ganze Projekt stand auf der Kippe.

In mehreren Gesprächen habe Gysi deshalb um die Kandidatur seines Partners gekämpft und mit seiner Pendeldiplomatie folgenden Kompromiss erreicht: Lafontaine dürfe noch einmal zur Bundestagswahl antreten, werde aber nach der Wahl seinen Rückzug antreten und seine Berliner Termine reduzieren - mit welcher Begründung auch immer.

Überzeugt von Antikapitalismus und Systemwechsel

Neben einer möglichen privaten war es auch die politische Nähe Lafontaines zu Wagenknecht, die viele Genossen beunruhigte. Schließlich hatte die Kommunistin, noch 1989 in die SED eingetreten, die Reformer ihrer Partei in der Vergangenheit oft gereizt. Trotzdem wurde sie vor dem Parteitag der nun fusionierten West- und Ostlinken im Frühjahr 2008 als neue Vizevorsitzende gehandelt, Lafontaine unterstützte sie offenbar dabei.

Realos wie Gysi und Co-Parteichef Lothar Bisky schmeckte das nicht. Lafontaines und Wagenknechts gemeinsame Überzeugungen von den Vorzügen des Antikapitalismus und einem anzustrebenden Systemwechsel passte den Reformpolitikern nicht ins Konzept. Gysi agitierte hinter den Kulissen heftig gegen ihre Kandidatur. Mit Erfolg: Die damalige Europaabgeordnete verzichtete, bewarb sich nur noch um ein Mandat im erweiterten Vorstand und nahm - erfolgreich - den Bundestag ins Visier.

Beim Parteitag in Cottbus, im Mai 2008, wurde Wagenknecht in den erweiterten Vorstand gewählt. Für Lafontaine selbst endete das Treffen mit einer Enttäuschung. Er erhielt bei seiner Wiederwahl zum Vorsitzenden ein deutlich schlechteres Ergebnis als sein ostdeutscher Co-Chef Bisky und verließ beleidigt den Saal. Es war ein Warnschuss aus der Deckung, organisiert von den Realos in der alten PDS, die längst mit seinem radikalen Oppositionskurs haderten. Sie waren verärgert darüber, dass Fundis wie Wagenknecht im Windschatten des Vorsitzenden an Einfluss gewannen.

Problem für die Parteiarbeit

Seither bestimmte Lafontaine über die Medien zwar laut und erfolgreich die Richtung der Partei - das sorgte für hohe Umfragewerte. In den eigenen Reihen jedoch wirkten Auftritte und etliche seiner Entscheidungen mitunter erratisch und unberechenbar. Immer häufiger wurde er zum Problem für die Parteiarbeit, ausgerechnet zu Beginn des Superwahljahres, das die Linke in Bundes- und Landesregierungen bringen sollte.

Der Chef fehlte bei Vorstandssitzungen in Berlin, seine Präsenz während der Sitzungswochen des Bundestages reduzierte er auf das Nötigste. Anfang Februar verzichtete er auf eine Direktkandidatur für den Bundestag, später ließ er sich auf die Landesliste setzen und schließlich mit Gysi feierlich per Akklamation zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl ausrufen.

Gleichzeitig bewarb er sich aber im Saarland um ein Landtagsmandat und gab sich der Hoffnung hin, mit Hilfe der SPD zum ersten linken Ministerpräsident des Landes gewählt zu werden. Damit hätte er die perfekte Ausrede für den geplanten Rückzug in Berlin gehabt. Den Bundestagswahlkampf betrieb er nur noch halbherzig.

"Lafontaine ist der Garant für unseren Erfolg"

Gysi war genervt vom Hin und Her des Saarländers. Immer wieder klagte er gegenüber Vertrauten, er wisse nicht, wie lange Lafontaine an der Linken überhaupt noch Gefallen finde. Der Ostdeutsche absolvierte mehr Auftritte als Lafontaine. Aber die Eingeweihten hielten dicht. Doppelt erleichtert, erreichten sie den 27. September, weil ihr Spitzenmann durchgehalten hatte und das Ergebnis furios war. "Lafontaine ist der Garant für unseren Erfolg", jubelte Bundesgeschäftsführer Bartsch.

Nur für die Wähler stellte sich die Sache bald anders dar: Wer für Die Linke stimmte im Vertrauen darauf, Lafontaine werde die Genossen entweder in ein Regierungsbündnis oder in eine harte Opposition führen, sah sich getäuscht.

Noch ist "Oskar", wie ihn in der Partei fast alle nennen, Bundestagsabgeordneter und Parteichef. Aber in der Partei wagt kaum jemand eine Wette darauf, wie lange das so bleibt. Er weiß, was da über ihn geredet wird. Er hat seine Zuträger.

Die Erosion seiner Autorität hat längst begonnen. Das Schwächeln des Mannes an der Spitze führt dazu, dass lange schwelende Konflikte in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden. Denn Lafontaines Linke ist inzwischen alles andere als eine straff geführte Kaderpartei, sie ähnelt eher den Grünen in ihrer Gründungsphase. Die Partei ist ein verwirrendes Konglomerat aus Ost und West, Pragmatikern, Fundamentalisten, altsozialistischen Reaktionären und Sektierern. Und völlig offen ist, welche der Strömungen sich am Ende durchsetzen werden.

Die ostdeutschen Realos werben offen dafür, dass Lafontaine demnächst auch den Parteivorsitz abgibt. Schon vor längerer Zeit hat Bisky dafür Bartsch vorgeschlagen. Der frühere Geschäftsführer des "Neuen Deutschland" gilt als Pragmatiker, der die Linke auch jenseits der Landesregierungen von Berlin und Brandenburg an die Macht führen könnte. Auch der Fraktionsvorsitzende der thüringischen Linken, Bodo Ramelow, ist im Gespräch.

Der politische Triumphzug scheint ausgebremst

Die Ostler sind die Belehrungen des Saarbrücker Genossen schon lange satt. Oskar sei eben nach Erich Honecker der zweite Saarländer, der zu spät abtrete, spotten sie.

Der kam seinen Berliner Pflichten nach der Bundestagswahl eher schleppend nach. Das erste Treffen der neuen Bundestagsfraktion am 2. Oktober schwänzte der Vorsitzende. Zur Klausursitzung in Rheinsberg eine Woche später kam er verspätet, erklärte den verdutzten Genossen seinen Verzicht und verschwand direkt wieder - in den Sonnenurlaub. Auch die konstituierende Sitzung des Bundestages fand ohne ihn statt.

Dass er seiner Partei im Abgang nebenbei noch Doppelspitzen verordnen wollte, artig quotiert nach Mann und Frau, Ost und West, war nicht abgesprochen und kam bei den Genossen schlecht an. Bartsch wandte sich offen gegen Lafontaines Vorschlag, das hatte es zuvor nicht gegeben.

In völliger Verkennung der Ostverhältnisse versuchte Lafontaine, die rot-rote Koalition in Brandenburg zu verhindern. In der Bundestagsfraktion zettelte er vergangenen Montag eine stundenlange Debatte darüber an, wo die "roten Linien der Linken" seien, die nicht überschritten werden dürften - da war die Regierung in Brandenburg längst vereidigt.

Lafontaines Triumphzug zurück in die große Politik, darauf deutet vieles hin, scheint damit ausgebremst, womöglich für immer. Im Saarland regiert weiterhin die CDU, in der eigenen Partei entgleiten ihm die Zügel, und in Berlin steht die Linke trotz des Wahlerfolgs bedeutungslos am Rand.

Am vergangenen Dienstag polterte Lafontaine im Plenum gegen die Regierungserklärung von Angela Merkel, als wäre noch immer Wahlkampf. Dann setzte er sich ins Flugzeug und flog - wie so häufig in den vergangenen Monaten - in die Heimat.

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