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Ausgabe 47/2009
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Literatur Der Dichter und sein Doppelgänger

Verschwörungstheorien: Der andere Shakespeare
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3. Teil: Man traut Shakespeare alles zu

Zwei Monate später ist alles aus: Eine der adeligen jungen Hofdamen, deren Keuschheit die Keuschheit der Königin umkränzen soll, bringt einen Jungen auf die Welt und nennt ihn nach seinem Vater Edward. Die Queen lässt das ehebrecherische Paar für einige Monate in den Tower sperren, danach wird der Graf vom Hof verbannt und erst nach zwei Jahren (und einer förmlichen Versöhnung mit seiner Ehefrau) wieder in Gnaden zur Audienz empfangen. In dieser Zeit erzwungener Zurückgezogenheit könnte er zum großen Künstler gereift sein.

Die Tücken der Datierung von Shakespeare-Stücken machen einen guten Teil der Kleinarbeit in der Kontroverse aus. Doch auch das Gewicht eines Bindestrichs ist nicht zu unterschätzen. Auf Buchtitelseiten heißt der Autor oft Shake-speare. In Dokumenten kommen diverse Schreibweisen von Shagspere bis Shaxpere vor, das Testament ist krakelig mit Shakspere unterschrieben.

Wäre es denkbar, dass de Vere zufällig den jungen Schauspieler aus Stratford kennengelernt hatte, etwa als Mitwirkenden in einer Hofaufführung, und wie einem diskreten Agenten den "Vertrieb" seiner Stücke fern vom Hof anvertraute? Vorstellbar ist das, wenn man sich etwa an Prinz Hamlets zwanglosen Umgang mit einer Schauspieltruppe erinnert. Doch im realen London von damals waren die Standesgrenzen strikt und die sozialen Abstände riesig.

Kreiler hält deshalb eine andere These trotz aller Merkwürdigkeit für plausibler, nämlich, der dichtende Aristokrat habe sich, um Literarisches zu publizieren, um 1590 das Pseudonym William Shake-speare (mit Bindestrich) ausgedacht: "Speer-Schüttler", in Anspielung auf seinen Ruhm als Turnierkämpfer und auf seine literarische Schutzgöttin, die speerschwingende Pallas Athene. Kühne Spekulation: Ein Jahrzehnt später könnte die zufällige Namensgleichheit zu einer Verwechslung mit dem Theatermann geführt haben.

In einer berühmten, wohl um 1592 entstandenen (doch erst 1609 veröffentlichten) Reihe von Shakespeare-Sonetten preist ein alternder Mann schwärmerisch die Schönheit eines namenlosen Jünglings, versucht ihn aber zugleich zum Heiraten zu überreden. Die Oxfordianer wie die Stratfordianer neigen dazu, diesen Jüngling als den 1573 geborenen Henry Wriothesley, Earl of Southampton, zu identifizieren, und die Oxford-Partei hat in diesem Fall die entschieden besseren Argumente, denn Wriothesley war damals de Veres Schwiegersohn in spe.

De Veres Schwiegervater Burghley (den er, wie die Oxfordianer meinen, als Polonius in "Hamlet" porträtiert hat) war nämlich auch heiratspolitisch aktiv. Für seine Enkelin, de Veres Tochter, handelte er früh einen Ehekontrakt mit einem seiner Mündel aus - eben dem halbwüchsigen Wriothesley. Doch dieser widersetzte sich, als seine Volljährigkeit nahte, der Ehe. Die Sonette, so schön sie auch sind, konnten ihn nicht umstimmen; Wriothesley zahlte die enorme Konventionalstrafe von 5000 Pfund, um frei zu bleiben.

Ein paar Jahre später ruinierte er seine Hofkarriere, indem er denselben Fauxpas wie einst de Vere beging: Er verführte eine der Hofjungfrauen der Königin - doch da er frei war, konnte er sie heiraten und wurde, wie es heißt, glücklich mit ihr. Edward de Vere, dessen Frau früh starb, heiratete 1591 ein zweites Mal; er bekam endlich auch einen standesgemäßen männlichen Erben, doch in ein ruhiges Eheleben schickte er sich offenbar nicht.

Sein Wunsch, der Königin auch durch militärische Ruhmestaten zu dienen, blieb unerfüllt - vielleicht, weil die Königin ihn als Entertainer nicht missen mochte. Die Oxfordianer meinen, er habe seine Berufung und sein Glück darin gefunden, die Hofgesellschaft zweimal im Jahr mit einem neuen Stück zu überraschen, seit 1594 meist vom Ensemble der "Chamberlain's Men" einstudiert.

In ebendiesem Ensemble hatte der junge, als Schauspieler offenbar nicht herausragende William Shakespeare aus Stratford seine Talente als Manager entwickelt. Als die "Chamberlain's Men" 1599 das neue Globe Theatre eröffneten, eine Freilichtbühne für mehr als 2000 Zuschauer am südlichen Themse-Ufer, war Shakespeare als Teilhaber und als Miteigentümer der Immobilie dabei. Die Autoren der Stücke wurden damals von den Theatern in der Regel nicht erwähnt und blieben dem Publikum unbekannt (ihre Namen stehen meistens auch nicht in den Zensurakten) - insofern spricht nichts gegen die Hypothese, der beste Teil des Globe-Repertoires könnte von de Vere stammen.

1603 stirbt Elizabeth I. Ihr aus Schottland stammender Nachfolger James I., der Sohn Maria Stuarts, ist nicht weniger theaterliebend. Im Winter 1603/1604 lässt er die Truppe aus dem Globe Theatre achtmal am Hof auftreten, wahrscheinlich ist unter den Stücken als Novität die schottische Tragödie "Macbeth", die das besondere Interesse des Königs an Hexenwesen und Weissagungen befriedigt und quasi dessen Thronbesteigung prophezeit. Das Ensemble des Globe Theatre wird mit dem Ehrentitel "The King's Men" belohnt. Edward de Vere bekommt vom König einen Landsitz geschenkt, doch er stirbt, 54 Jahre alt, ein paar Monate später.

William Shakespeare aber war bis 1612 am Globe Theatre aktiv, das auch neue Stücke herausbrachte: Deshalb fühlen sich die Stratfordianer ihrer Sache sicher. Die Oxfordianer jedoch entgegnen: Es gibt keinen Beweis dafür, dass irgendein Shakespeare-Stück nach 1604 entstanden ist; und die Reihe sorgfältig gemachter Buchausgaben der Stücke unter dem Namen William Shake-speare, die 1598 zu erscheinen begann, bricht 1604 ab - eines der bedenkenswertesten Argumente für de Vere.

Jahre später erst, so die Theorie der Oxfordianer, hätten die Erben des Grafen beschlossen, dessen sämtliche Stücke (darunter 18 noch nie gedruckte) in einer monumentalen Ausgabe zu veröffentlichen, dabei aber das selbstgewählte Pseudonym seinem Wunsch entsprechend gewahrt. Deshalb hätten sie nun die zufällige Verwechslung mit dem 1616 verstorbenen Theatermann aus Stratford mit Absicht verewigt. Dessen jüngerer Freund Ben Jonson, selbst ein erfolgreicher Dramatiker, habe, so vermutet Kreiler, die außerordentlich aufwendige Edition betreut.

Jedenfalls hat Jonson zu dieser als "First Folio" berühmt gewordenen Ausgabe von 1623 eine Lobeshymne beigesteuert, die Shakespeare als größten Dichter aller Zeiten preist, und mit der Wendung "Süßer Schwan von Avon" eine - bewusst falsche oder doch richtige? - Spur nach Stratford-upon-Avon gelegt. Dort in der Kirche wurde dann auch, man weiß nicht, von wem, ein sehr teures Grabdenkmal aufgestellt.

Kein Zweifel: Kreilers Buch ist spannend und macht nachdenklich. So brillant er mit einer Fülle verblüffender Details für seine These plädiert, so temperamentvoll er über alle Kabalen des Literaturbetriebs am elisabethanischen Hof hinaus ein zeitgeschichtliches Panorama entwickelt - es bleibt die Frage, ob Edward de Vere, ein Mensch mit großen Leidenschaften und großen Talenten, wirklich so wenig adelsstolz und eitel gewesen ist, dass er bis in alle Ewigkeit hinter einem bürgerlichen Pseudonym verschwinden wollte.

Die Debatte wird weitergehen. Vielleicht ist das Geheimnis des Autodidakten Shakespeare aus der Provinz ganz einfach: Eben weil man nichts über ihn weiß, traut man dem Mann aus Stratford alles zu.

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