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Ausgabe 47/2009
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16.11.2009
 

Kino

Dreh dein Ding!

Von Lars-Olav Beier

Foto: Central/Senator

Der Horrorfilm "Paranormal Activity" könnte das erfolgreichste Amateurvideo aller Zeiten werden. Das 15.000 Dollar teure Werk spielte schon über 100 Millionen ein.

Er hat seine dichten blonden Haare in die Stirn gekämmt und lächelt verlegen. Seine Augen sind rot, als hätte er in letzter Zeit wenig geschlafen. Oren Peli, 39, wirkt wie ein großer Junge, der es noch nicht fassen kann, dass ihm Hollywood bald die größten Spielzeuge in die Hand drücken wird, mit denen erwachsene Männer spielen dürfen. "Ich, ein Wunderkind?", fragt er. "Ich kann den Erfolg nicht mal verdauen!"

In Hollywood wird Peli gerade gefeiert wie der Erlöser. Sein Film "Paranormal Activity", den er mit der Kellnerin Katie Featherston und dem Computerprogrammierer Micah Sloat in den Hauptrollen in seinen eigenen vier Wänden drehte, hat in den USA schon mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt. Gekostet haben soll er nur 15 000. So viel verschlingt bei einer normalen Hollywood-Produktion allein das Catering - aber wohl eher pro Tag.

Die Studiobosse sind angesichts dieser Rendite perplex. Seit Jahren versuchen sie, die Budgets zu drücken - letztlich ohne Erfolg. Lagen die durchschnittlichen Produktionskosten eines Hollywood-Films 1979 noch unter zehn Millionen Dollar, so sind es heute um die hundert Millionen. Weil die Banken seit Beginn der Finanzkrise kaum noch Risikokapital in Filme stecken, werden immer mehr Projekte abgesagt. Und nun das.


Peli, der 1970 in Israel geboren wurde und seit 1990 in den USA lebt, hatte bislang Computerspiele entwickelt. Dann kaufte er sich eines Tages eine Videokamera und fing an, sein Eigenheim zu filmen.

Der Grund dafür war sein Kühlschrank, sagt er. Der machte eines Nachts seltsame Poltergeräusche und versetzte seine damalige Freundin in Angst und Schrecken. Das Gerät hatte, wie sich herausstellte, einfach nur Eiswürfel produziert - aber auch einen kalten Schauer der Erkenntnis. "In dieser Nacht wurde mir klar", so Peli, "dass fast jeder Mensch dieses zutiefst beunruhigende Gefühl kennt, wenn er in seinem Haus Geräusche hört, die er sich nicht erklären kann." Damit war die Prämisse für seinen Film gefunden.

"Paranormal Activity" erzählt von einem jungen Paar, das gerade ins neue Eigenheim eingezogen ist und feststellt, dass es darin rumort. Um das Treiben aufzuklären, stellen die beiden eine Kamera auf und filmen sich und ihr Haus rund um die Uhr. In Zeiten, in denen Millionen Durchschnittsamerikaner fürchten müssen, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren, erzählt Pelis Film von zwei Normalbürgern, die glauben, eine fremde Macht ergreife Besitz von ihrem Haus.

Unscharfe und verwackelte Bilder, verrauschter und verrumpelter Ton, Schauspieler, die drauflos improvisieren - schon einmal, vor zehn Jahren, wurde ein Horrorfilm, der sich dieser Mittel bediente, ein Welterfolg: "Blair Witch Project", der von der fatalen Wanderung einiger amerikanischer Studenten durch ein Waldgebiet in Maryland erzählte und angeblich nur 60 000 Dollar gekostet hatte, spielte eine Viertelmilliarde ein. "Der Erfolg dieses Films öffnete mir die Augen", sagt Peli.

Doch "Blair Witch Project" war das Projekt cleverer Filmstudenten, die ihr Werk von Beginn an mit einer ausgefeilten Internetkampagne begleiteten. Pelis Film dagegen ist echte Heimwerkerarbeit, Eigenbau-Horror aus dem Hobbykeller. Schnapp dir eine Kamera und dreh dein Ding, scheint er dem Zuschauer zuzurufen.

Geschickt nähren Peli und das Studio Paramount, das den Film für angeblich 300 000 Dollar kaufte, den Mythos vom Do-it-yourself-Spielberg. Er habe für die Dreharbeiten nur ein neues Bett gekauft, weil sein altes nicht fotogen genug gewesen sei, erzählt Peli. Und er habe den Teppichboden entfernt, weil sonst das Hallen der Schritte nicht zu hören gewesen wäre. "Das Haus sollte so gewöhnlich aussehen, dass jeder Zuschauer sich vorstellen kann, darin zu wohnen. Für die Dreharbeiten habe ich einen Großteil meiner DVDs aus den Regalen entfernt und durch Bücher ersetzt. Die Figuren sollten nicht wie Filmnarren wirken." Dann zuckt er mit den Achseln: "Jeder kann heute einen Film machen, wenn er eine gute Idee hat."

Oren Peli ist nun der größte Held des YouTube-Zeitalters, in dem jedes Amateurvideo von heute auf morgen ein Millionenpublikum finden kann. Die Realität scheint seine Auffassung zu bestätigen, dass Laien in der Lage sind, den wahren Horror einzufangen: Die eindringlichsten Bilder von den größten Katastrophen des vergangenen Jahrzehnts, vom 11. September 2001 und vom Tsunami am 26. Dezember 2004, lieferten Amateurvideos.

Der Big Brother, dem auf dieser Welt nichts mehr entgeht, der noch im entlegensten Winkel dieses Planeten filmt und den größten Schrecken auf Speicherchips bannt, ist der Videofilmer - also im Prinzip jeder. Genau aus diesem Grund haben sich selbst aufwendige Monsterfilme wie "Cloverfield" (2008) einer Amateurfilm- und Handykamera-Ästhetik bedient: um ihren Bildern den Anschein von Authentizität zu verleihen.

In "Paranormal Activity" kehrt das Home Video nun dorthin zurück, wo es seinen Eroberungszug begann: ins bürgerliche Heim, ins "home", das kein "castle" mehr ist.

Wenn das junge Paar die Kamera vor seinem Bett aufstellt und sich selbst im Schlaf filmt, gibt das Bilder wie aus einem "Big Brother"-Container. Doch wenn von der Treppe Fußtritte herauftönen und die Tür neben dem Bett zuschlägt, spürt der Zuschauer, dass die beiden in diesem Container nicht allein sind. Das Unheimlichste an diesen Szenen ist, dass die zwei dabei oft gar nicht aufwachen. "Paranormal Activity" beschwört geheimnisvolle Kräfte, die wir nicht nur nicht sehen können, sondern von denen wir nicht einmal ahnen, dass sie uns umgeben.

"Nichts ist furchterregender als ein Feind, der nie Gestalt annimmt", erklärt Peli. "Er kann direkt neben dir sein, und du merkst es nicht einmal. Im Schlaf sind wir besonders verletzbar. Man kann getötet werden, bevor man überhaupt aufwacht. Das ist eine menschliche Urangst."

Selbst Steven Spielberg soll sich gegruselt haben, als er sich Pelis Film nachts in seinem Haus in L. A. ansah. Weil der Meisterregisseur plötzlich glaubte, seltsame Geräusche zu hören, habe er den Film nicht zu Ende gesehen - sich aber trotzdem für ihn starkgemacht. Ein PR-Gag? "Nein", beteuert Peli, "Spielberg hat es mir selbst erzählt."

Tatsächlich gelingt es "Paranormal Activity", die Sinne der Zuschauer anzuspannen, indem er sie zwingt, gerade die starren Bilder des schlafenden Paares unaufhörlich nach minimalen Veränderungen abzutasten und auf die leisesten Laute zu achten.

In diesem Film ist fast keine körperliche Gewalt zu sehen. Nicht einmal eine Spinne wird getötet, sondern liebevoll vor die Tür gesetzt. Mit seiner Ästhetik der Andeutung unterläuft Peli geschickt die Blutwelle, die seit einigen Jahren in immer brutaleren Splatter-Filmen über die Leinwand rollt.

Passend dazu entwickelte Paramount, das "Paranormal Activity" nur geringfügig kürzte und Peli auf Vorschlag von Spielberg ein neues Ende drehen ließ, eine Kampagne, die genauso zurückhaltend, aber auch genauso effektiv war wie der Film selbst. Das Studio organisierte Mitternachtsvorführungen in ausgewählten amerikanischen Städten und setzte dabei auf die gute alte Mundpropaganda.

Auf einer Website, die bislang vor allem von der Musikindustrie genutzt worden war, um Konzerttourneen zu planen, konnten Fans dafür stimmen, dass der Film in einem Kino in ihrer Nähe gezeigt wurde. So lief "Paranormal Activity" anfangs nur in 12 US-Sälen - und läuft inzwischen in mehr als 2000.

"Die Begeisterung der Fans macht mich sehr glücklich", sagt Peli. Dann hält er einen Augenblick inne. Denn inzwischen reisen Neugierige nach San Diego, um den Schauplatz des Erfolgs zu besichtigen: sein Eigenheim. "Ich mache mir allmählich Sorgen um meine Nachbarn."

Und in diesem Moment wirkt Peli wie einer, dem nichts anderes übrigbleiben wird, als seine eigenen vier Wände zu verlassen. Das Geld für ein neues Haus hat er ja nun.

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insgesamt 21 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.11.2009 von SirTurbo: blair

Sagen wir mal so... wenn ich mit der Kamera so schlecht umgehen würde tät ich mich schämen^^ Und im Gegensatz zu meinem Kumpel bin ich NICHT Kameramann von Beruf... blair witch halte ich für ein lausiges Drehbuch, umgesetzt [...] mehr...

20.11.2009 von ehblondie: The House of Leaves

Der Film erinnert ein bisschen an den fiktiven Film in dem Roman "House of Leaves" von Mark Z. Danielewski. Als ob sich Peli vorgenommen hat den fiktiven Film aus dem Buch in die Realität umzusetzen. mehr...

20.11.2009 von funkster: Pseudo "Video" Film auf BluRay? Naja ...

Da gebe ich dir recht! Allerdings langt PA bei weitem nicht an BWP heran. Ich habe übrigens auch das "blutige" Ende von PA gesehen - trotzdem äusserst schwach meiner Meinung nach. mehr...

20.11.2009 von frubi: .

Ich hol mir den auf Blue Ray. Wenn der Film aber nur ansatzweise so gruselig ist wie The Blair Witch Project dan gute Nacht. Ich habe BWP mit 13 Jahren im Kino gesehen und habe danach einige Jahre keinen Wald mehr bei Dunkelheit [...] mehr...

20.11.2009 von digital-transducer: vielleicht

vielleicht ist dies der beginn eines neuen genres, ich dies aber nicht sagen kann. jedenfalls, und dies ist die wahrheit, find ich "the blair witch projekt" sehr grusselig, dies ist wirklich die wahrheit. also, ein [...] mehr...

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