ThemaWachkomaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Medizin "Meine zweite Geburt"

2. Teil: "Es überleben nur die Kämpfer"

Im minimalen Bewusstseinszustand dagegen ist vieles möglich. Der Amerikaner Terry Wallis dämmerte 19 Jahre lang unansprechbar dahin, ehe er urplötzlich das Wort an seine Mutter richtete ("Mom!"). Als eine Forschergruppe in New York sein Gehirn durchleuchtete, zeigte sich ein erstaunliches Bild: Zwischen den wenigen erhaltenen Hirnarealen waren unzählige Leiterbahnen ausgesprossen. So konnten sich wohl die ehemals abgeschiedenen Inseln wieder zusammenfinden - eine Voraussetzung für das Bewusstsein.

Freilich ist noch kein Langzeitpatient je wieder aufgestanden; Pflegefälle bleiben sie alle. Doch lohnt es sich, nach verbliebenen Geistesfunken zu suchen, meint Andreas Zieger, Wachkoma-Spezialist am Evangelischen Krankenhaus Oldenburg. Wenn es nach Zieger ginge, gehörten auch in Deutschland alle Wachkoma-Patienten einmal gründlich untersucht. Menschen mit Bewusstseinsresten hätten Anspruch auf spezielle Förderung, etwa eine Sprachtherapie. Denn Hoffnung gibt es bei ihnen immer. Das Gehirn ist, wie man heute weiß, auch nach schweren Schäden zu kleinen Fortschritten imstande.

Die Berliner Ärztin Helden erinnert sich an einen Patienten, der vor zwei Jahren ins Wachkoma fiel - heute kann er wieder selbständig schlucken, und er wendet den Kopf, wenn die Freundin kommt. "Das sieht nicht nach viel aus, aber für ihn ist das eine riesige Leistung", sagt Helden. "Und wenn keiner die Fortschritte dieser Menschen würdigt, haben die auch keinen Antrieb mehr und sterben dann an einer einfachen Entzündung."

Ein Wachkoma ist vermutlich auch ein psychisches Drama: Die Patienten haben einen Schock erlitten; ihr Bewusstsein wurde heruntergefahren, um das nackte Leben zu retten. "Da muss der Organismus erst wieder langsam seine Fühler ausfahren", meint der Oldenburger Experte Zieger. Manche Heime tun aber schon aus Personalmangel wenig dafür, ihre Pfleglinge wieder mit dem Leben anzufreunden, sie zu locken und zu ermutigen: "Da werden sie nur palliativ behandelt, und dann dürfen sie auch bald sterben."

So geht es bei der Suche nach etwaigen Bewusstseinsresten oft auch um Leben und Tod. Man ist sich heute weithin einig, dass ein Dasein im vegetativen Zustand, ohne höhere Hirnfunktionen, nicht um jeden Preis verlängert werden muss. Aber wer wollte die "Lebensqualität" eines minimal Bewussten bestreiten, der zufrieden und gut versorgt in seinem Bett döst und keinerlei Todesverlangen zeigt?

"Ein Wachkoma ist für die Angehörigen eine Katastrophe, aber für den Patienten nicht das Schlimmste, was einem zustoßen kann", sagt Andrea von Helden. Sie findet, man solle die Sache nicht unnötig verdüstern. Beispiel Magensonde, beliebtestes Sinnbild des Jammers und der Hinfälligkeit - üblicherweise versorgt sie den Wachkoma-Patienten direkt durch die Bauchdecke mit Nahrung. Und die Leute fragen sich dann bang: Wer will so leben? "Unsinn", meint die Ärztin, "die Sonde wird in der Regel gut vertragen und ist für den Patienten eine echte Erleichterung."

Künstliche Ernährung verlängert das Leben. Ist dieses deshalb würdelos?

Im Alltag der Kliniken und Pflegeheime stellt sich das Problem ganz praktisch. Jede ernstliche Erkrankung wirft die Grundfrage auf: noch einmal behandeln oder den Tod in Kauf nehmen? Die Antwort liegt im Ermessen von Ärzten und Angehörigen. Wer schon länger im Wachkoma liegt, hat dabei schlechte Karten: Nach einem Jahr wird eine Lungenentzündung oder ein Harnleiterinfekt oft nicht mehr mit Antibiotika behandelt.

Nicht wenige aber überstehen auch das, sie leben einfach immer weiter. "Es bleiben ja ohnehin nur die Menschen mit starkem Lebenswillen", sagt Helden. "Das sind echte Kämpfer."

Einer von ihnen ist der Belgier Rom Houben, der als hoffnungslos vegetativ galt. Sein Fall zeigt besonders drastisch, wie wenig mitunter der Schein über das Sein sagt.

Im Jahr 1983 hatte Houben einen Autounfall. Sein Herz blieb stehen, das Gehirn war ohne Sauerstoff, bis die Retter kamen. Als der Verunglückte aufwachte, gehorchte ihm sein Körper nicht mehr. "Ich habe geschrien, aber es war nichts zu hören", schreibt Rom heute.

Damals konnte er nicht ahnen, dass seine Abgeschiedenheit mehr als zwei Jahrzehnte währen sollte.

Rom überstand die Zeit, indem er lernte, von dem wenigen zu leben, das seinen Sinnen noch zugänglich war. Er studierte das Geschehen in seinem Pflegeheim so akribisch, als wäre es ein winziges Stück Welttheater: die skurrilen Eigenheiten seiner Mitpatienten im Gemeinschaftsraum, die Auftritte der Ärzte in seinem Zimmer, den Tratsch der Pflegerinnen, die sich vor dem vermeintlich Erloschenen in keiner Weise genierten. "Das hat mich zu einem Experten für menschliche Beziehungen gemacht", berichtet Rom.

Öfters holten ihn die Eltern zu einem Ausflug ab; das waren nun die Abenteuer seines Lebens. An schlechten Tagen behalf er sich mit seinem antrainierten Geschick, den Körper zu verlassen und als der reine Geist, als der er sich zunehmend fühlte, in die Vergangenheit oder ein besseres Dasein zu reisen.

Am schlimmsten aber war der Tag, an dem kein Trick mehr half. Mutter und Schwester kamen zu Besuch und berichteten ihm, der Vater sei gestorben. Es traf ihn schwer, er wollte in Tränen ausbrechen; aber nichts regte sich, sein Körper blieb vollkommen ungerührt, darin unauffindbar versteckt ein untröstliches Gehirn.

Ärzte haben es heute nicht leicht mit Rom Houben, weiße Kittel machen ihn rebellisch. Er will dennoch niemandem die Schuld geben, "überhaupt nicht", schreibt er: "Aber mein Leben verdanke ich nur meiner Familie. Die anderen haben es aufgegeben, nach mir zu suchen."

Seit seiner Befreiung klappert Rom mit wachsendem Eifer auf seiner Tastatur, solange jedenfalls die Logopädin mitmacht. "Ich habe ihn natürlich getestet, um auszuschließen, dass in Wahrheit die Logopädin schreibt", sagt Laureys. "Wir sind uns sicher, dass Rom bei Bewusstsein ist. Wussten Sie übrigens, dass er schon an einem Buch schreibt?"

In gewisser Weise hatte der Mann einfach nur Pech. Beim gebräuchlichsten Bewusstseinstest fiel er glatt durch. Dabei wird untersucht, ob der Blick des Patienten etwa den Bewegungen eines Fingers folgt. Rom sprach nie darauf an. Seine Augen waren damals, heute weiß man es, sehr empfindlich; normales Tageslicht war ihm viel zu grell. Die Ärzte konnten fuchteln, wie sie wollten, der Patient, geblendet wie er war, sah es einfach nicht.

"Rom hatte keine guten Ärzte", sagt Laureys. Aber auch bessere hätten sich täuschen können. Hirnschäden haben sehr verschiedenartige Folgen. Oft ist nur mit viel Spürsinn ein Sinneskanal zu den Patienten zu finden, der noch intakt ist. Manche scheinen auf keinerlei Ansprache zu reagieren, sind aber in Wahrheit nur taub - solchen muss man auf Zettel malen, was sie tun sollen.

Fast alle haben obendrein Entsetzliches hinter sich; sie versinken mitunter in Delirien, oder sie haben es einfach nur satt, mit viel Mühe einem fremden Finger hinterherzustieren. Erfahrene Ermittler nehmen deshalb lieber einen Spiegel - das eigene Gesicht ist ein Reiz von ungleich größerer Macht; ihm können sich auch die Erschöpften nur schwer entziehen.

Fest steht nur, dass die bislang übliche Methode - Diagnose Pi mal Daumen - viel zu oberflächlich ist. In den staatlichen Pflegezentren Belgiens ist der gründliche Test, der bei Laureys' Studie zum Einsatz kam, neuerdings deshalb Pflicht. Fachleute kennen ihn als "Coma Recovery Scale Revised". Der Test besteht aus 25 Aufgaben, vom Greifen diverser Objekte bis hin zur Reaktion auf Geräusche. Die Prüflinge müssen stets mehrmals hintereinander punkten, um zufällige Reflexe auszuschließen.

Die Testprozedur ist bis ins Detail vorgeschrieben, und am Ende steht eine klare Diagnose. Nichts bleibt dem Gutdünken des Personals überlassen; das macht die Ergebnisse erstmals vergleichbar. "Jeder Patient", findet Laureys, "sollte mindestens zehnmal geprüft werden, bevor man ihn endgültig als vegetativ einstuft."

Andernfalls bleibt den minimal Bewussten oft genug nur der Einsatz ihrer Angehörigen, die sich von der Skepsis der Ärzte nicht beirren lassen.

Freilich haben die Ärzte nicht immer unrecht. Der Bewusstseinstest kann auch negativ ausfallen. Die Angehörigen verrennen sich zuweilen in übertriebene Hoffnungen, sie sind Virtuosen des Deutens und lesen auch heraus, was nicht da ist. Sie können einfach nicht glauben, dass der Mensch im Bett sie nicht erkennt, wenn er sie so versonnen anlächelt. Und kam da nicht eben, als man zum Abschied winkte, eine Hand unter der Bettdecke hervor?

In solchen Fällen kann ein Hirnscan im Lütticher Komazentrum Aufschluss bringen. Neurologe Laureys zeigt frische Aufnahmen aus dem Tomografen: ein Mädchen, 15 Jahre alt, ins Koma gefallen nach einem Herzkammerflimmern. Eltern und Pfleger glaubten fest, dass noch ein wenig Bewusstsein erhalten ist. Die Bilder aber, soeben angefertigt, zeigen einen klaren Befund: Der Kortex mit seinen grauen Zellen ist erloschen, nur noch das Stammhirn in Betrieb, das die unbewussten Körperfunktionen steuert. Die Eltern müssen sich damit abfinden.

Fina Houben aber, Roms Mutter, war sich ihrer Sache ebenso sicher: "Rom entspannte sich beim Anziehen, wenn ich ihn darum bat, und er drehte mir den Kopf zu. Die Ärzte behaupteten, das seien nur Reflexe", sagt sie. "Aber wir haben immer gewusst, dass unser Sohn noch da ist."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 12 Beiträge
Gegengleich 24.11.2009
das wünsche ich nicht mal meinem schlimmsten Feind. Ich denke es gibt nicht viele schrecklichere Vorstellungen als solch ein Szenario.
das wünsche ich nicht mal meinem schlimmsten Feind. Ich denke es gibt nicht viele schrecklichere Vorstellungen als solch ein Szenario.
Daniel Freuers 24.11.2009
was gilt es hier zu diskutieren, was in diesem just gestern eröffneten Thread nicht geht ? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=9527 Fehldiagnose Wachkoma: Tausende Patienten im eigenen Körper begraben
was gilt es hier zu diskutieren, was in diesem just gestern eröffneten Thread nicht geht ? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=9527 Fehldiagnose Wachkoma: Tausende Patienten im eigenen Körper begraben
Handelt es sich hier nicht um ein verkanntes Locked-in-Syndrom? Diese Patienten sind wach und können dennoch quasi kaum mit ihrer Umwelt kommunizieren. Warum wird in der allgemeinen Berichterstattung der Begriff [...]
Handelt es sich hier nicht um ein verkanntes Locked-in-Syndrom? Diese Patienten sind wach und können dennoch quasi kaum mit ihrer Umwelt kommunizieren. Warum wird in der allgemeinen Berichterstattung der Begriff "Locked-in-Syndrom" bisher gar nicht erwähnt?
Hoaxbuster 24.11.2009
Tja, nun ist also auch der Spiegel auf diesen Nepp reingefallen. Der belgische Patient ist nachwievor im Wachkoma und war während der ganzen Zeit seines Komas nie bei Bewußtsein und ist auch jetzt nicht bei Bewußtsein. Seine [...]
Tja, nun ist also auch der Spiegel auf diesen Nepp reingefallen. Der belgische Patient ist nachwievor im Wachkoma und war während der ganzen Zeit seines Komas nie bei Bewußtsein und ist auch jetzt nicht bei Bewußtsein. Seine angebliche Kommunikation ist durch sogennante "Asissted Communication" zustande gekommen. Dies ist eine schon längst widerlegte Pseudowissenschaft, die von keinem Wissenschaftler oder Mediziner mehr ernstgenommen wird. Gewisse Journalisten versäumen es aber eigene Recherchen zu unternehmen und plappern einfach die Behauptungen der Anhänger der Pseudowissenschaft nach. In den Videos, die den Patienten bei seiner angeblichen Kommunikation zeigen, kann man sehen, wie der sogenannte Assisstent die Hand des Patienten über die Tastatatur führt. Es sind keine eigenen Anstrengungen des Patienten zu erkennen, seine Hand zu bewegen. Der Assisstent selbst tippt den Text und benutzt dazu einfach den Finger des Patienten. Das die Eltern des Patienten diesem Nepp glauben schenken, ist vielleicht noch verständlich. Das er aber so naiv vom Spiegel weiterverbreitet wird, ist schon beschämend. Hier ein Artikel, der den aktuellen Fall und "Assissted Communication" sehr eindrucksvoll widerlegt: http://www.randi.org/site/index.php/swift-blog/783-this-cruel-farce-has-to-stop.html Das folgende Video zeigt die "Assissted Communication" des belgischen Patienten. Das Video sagt wirklich alles: http://www.msnbc.msn.com/id/31388323/vp/34111007#34111007
Milchtrinker 24.11.2009
Assisted Communication, interessant, vielen Dank für diesen Hinweis. Dessen ungeachtet wirft die Thematik schwierigste moralische Fragestellungen auf, denen ich mich bisher nur anekdotisch zu nähern wage: Als ich Zivi in [...]
Assisted Communication, interessant, vielen Dank für diesen Hinweis. Dessen ungeachtet wirft die Thematik schwierigste moralische Fragestellungen auf, denen ich mich bisher nur anekdotisch zu nähern wage: Als ich Zivi in einem Pflegeheim war, hatten wir dort einmal einen Patienten, der uns als Komapatient angekündigt wurde, tatsächlich aber wohl "minimal bewusst" war, jedenfalls reagierte er u.a. auf Musik. Auch litt er unter spastischen Krämpfen und war trotz aller Fürsorge unweigerlich bald wund gelegen. Er wurde mit einer Magensonde ernährt, gewickelt, medizinisch versorgt, gewaschen und gebettet. Der behandelnde Arzt spritze ihm Morphium, und zwar nach dem Motto "viel hilft viel". Der Patient lebte noch einige Monate, in denen seine Frau jeden Tag viele Stunden bei ihm zubrachte. Für sie war die Belastung unvorstellbar (und das Pflegepersonal bekam das natürlich auch zu spüren, was aber mehr als verständlich war.) Schließlich verstarb der Patient, woran das viele Morphium sicherlich nicht unschuldig war. Falls ich je in eine solche Lage geraten sollte, hoffe ich inständig, dass mein behandelnder Arzt in gleicher Weise verfahren wird.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema Wachkoma

© DER SPIEGEL 48/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



DER SPIEGEL

Heft 48/2009 Die Billionenbombe Warum nach der Jahrhundertkrise schon die nächste droht

Koma, Wachkoma, Locked-In-Syndrom
Ein Koma kann unter anderem durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Schlaganfall, durch Sauerstoffmangel nach einem Herzstillstand, Hirnentzündungen oder Hirntumore verursacht werden. Die Patienten müssen künstlich ernährt und beatmet werden.

Wer im Koma liegt, kann auch durch starke äußere Reize nicht wieder das Bewusstsein erlangen. Es werden vier Grade der Komatiefe unterschieden. Im ersten Grad findet noch eine gezielte Reaktion auf Schmerz statt, Bewegungen der Pupillen sind nachweisbar, eine Stimulation des Gleichgewichtsorgans kann Augenbewegungen auslösen. Im vierten Grad ist keinerlei Reaktion mehr zu beobachten.





TOP



TOP