AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009
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07.12.2009
 

Essay zu Kopenhagen

Scheitern wäre ein Erfolg

Von Bjørn Lomborg

Warum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte.

Die schlimmsten Befürchtungen vieler Delegierter der Kopenhagener Klimaverhandlungen sind bereits wahr geworden: Der offizielle Versuch, das Kyoto-Protokoll zu ersetzen, wird wohl scheitern. Am Ende der Verhandlungen wird kein Plan zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen stehen.

Schon bereiten sich frustrierte Umweltkämpfer darauf vor, ihre Protestbanner auszurollen, und Politiker pokern darum, wie sie den Gipfel doch noch zum Erfolg deklarieren könnten. Doch weder die Demonstrationen noch ein bedeutungsloses politisches Übereinkommen bedeuten einen Triumph über die globale Erwärmung. Indes, das Scheitern selbst könnte ein Erfolg sein, vor allem, wenn die Entscheidungsträger sich über die Gründe dafür klar werden. Denn eine Vereinbarung über drastische, kurzfristige Einschnitte beim Kohlendioxid würden sich ohnehin als trügerisch erweisen, weshalb sie klügere Optionen erwägen sollten.

Seit Jahrzehnten schon streiten sich jene, die den Klimawandel leugnen, mit denen, die zutiefst alarmiert sind. Die Rhetorik beider Seiten indes ist übertrieben. Denn einerseits ist die Klimaerwärmung Realität. Und sie ist vom Menschen verursacht. Das war schon lange klar. Andererseits wird uns Kopenhagen vor Augen führen, dass wir auf die falschen Maßnahmen setzen.

Unermüdlich wird behauptet, wir könnten die globale Erwärmung stoppen, wenn die Politiker die Willenskraft dazu hätten. Doch Willensstärke ist die geringste unserer Sorgen. Leider verfolgen wir seit 20 Jahren einen grundfalschen Ansatz: Er ist ökonomisch mangelhaft, weil uns kurzfristige CO2-Einsparungen ein Vermögen kosten und wenig bewirken. Er ist politisch mangelhaft, weil die ausufernden Debatten zur Einsparung von Kohlendioxid die Akteure in Europa, Amerika und Asien nur entzweien. Und er ist technisch mangelhaft, weil alternative Energien noch nicht so weit sind, unsere Abhängigkeit vom Kohlenstoff beenden zu können.

Machen wir uns zunächst die ökonomische Herausforderung klar und schauen uns den Plan der Industrienationen an, die globale Durchschnittstemperatur auf nicht mehr als zwei Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau hinaus ansteigen zu lassen. Dahinter verbirgt sich die größte und teuerste ordnungspolitische Aufgabe aller Zeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten wir eine Steuer von 45 Euro auf jede Tonne Kohlendioxid erheben. Das hat der prominente Klimaökonom Richard Tol, der auch Leitautor für den Bericht des Weltklimarats IPCC war, in einer Publikation für das Copenhagen Consensus Center berechnet.

Die Kohlendioxid-Einsparungen kosten weit mehr als der Klimawandel selbst.

Es gibt Grund zu der Hoffnung, dass sich, wenn dieses ehrgeizige Ziel wirklich erreicht wird, die meisten zu erwartenden Schäden durch den Klimawandel - beziffert auf jährlich rund zwei Billionen Euro im Jahr 2100 - vermeiden lassen. Allerdings, so rechnet Tol weiter, würde eine solch drastische Klimasteuer das Welt-Bruttoinlandsprodukt um atemberaubende 12,9 Prozent im Jahr 2100 schmälern. In Zahlen: um 27 Billionen Euro pro Jahr.

Und selbst diese Rechnungen beruhen auf einer extrem optimistischen Kostenschätzung. Sie setzen nämlich voraus, dass Politiker überall in der Welt, zu jeder Zeit, die effizientesten und effektivsten Entscheidungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen treffen. Sie dürfen absolut kein Geld verschwenden. Dies aber dürfen wir getrost als fromme Hoffnung betrachten. In der politischen Wirklichkeit würden die Kosten gut und gerne zehnmal oder sogar hundertmal so hoch ausfallen.

Um es drastisch zu formulieren: Die ambitioniertesten Kohlendioxid-Einsparungen könnten uns um ein Vielfaches mehr kosten als der Klimawandel selbst. Ohne wirkliche Alternativen zu fossilen Energien würden wir letztlich nur das Wirtschaftswachstum beschädigen.

Zweitens: Der Ansatz ist politisch mangelhaft. Denn die Nationen verfolgen ganz unterschiedliche Ziele in Kopenhagen. Sie alle vereint höchstens, dass es ihrer Bevölkerung nicht leicht zu vermitteln sein wird, Emissionen zu reduzieren, nur um dem Rest der Welt in hundert Jahren ein wenig zu helfen.

Besonders klar ist dies für die beiden Schlüsselnationen China und Indien, die sehr abhängig sind von fossilen Energiequellen. Nur durch sie gelingt es, Millionen Menschen aus der Armut zu befreien.

Die Kluft zwischen Industriestaaten und Schwellenländern in dieser Frage wird das entscheidende Hindernis sein beim Versuch, einen Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll auszuhandeln. China und Indien sind die größten Treibhausgas-Emittenten des 21. Jahrhunderts. Vom Kyoto-Protokoll waren sie noch ausgenommen, weil sie während der Industrialisierung des Westens so wenig emittiert haben.

Warum aber sollten China und Indien nun beim Kappen von Kohlendioxid mitmachen? Dem Druck standzuhalten ist für sie viel plausibler.

Denn Klimamodelle zeigen, dass China unterm Strich von der globalen Erwärmung sogar eher profitieren wird. Obwohl es auch negative Seiten des Klimawandels gibt, werden die positiven überwiegen. Wärmere Temperaturen kurbeln die landwirtschaftliche Produktion an. Auch wird sich die Gesundheit der Bevölkerung verbessern. Zwar steigt die Zahl der Toten bei Hitzewellen. Gleichzeitig sterben aber im Winter weniger Menschen, etwa an wetterabhängigen Krankheiten wie der Grippe. Denn die globale Erwärmung wird einen viel dramatischeren Effekt auf die minimalen Temperaturen im Winter haben als auf die maximalen Temperaturen des Sommers.

Vor allem die Europäer haben vorgeschlagen, dass die reichen Nationen den Entwicklungsländern für die Zustimmung zu einem Vertrag in Kopenhagen etwas bezahlen müssten. Doch sind die Steuerzahler in den Industriestaaten wirklich willens, Hunderte Milliarden Euro in die Entwicklungsländer zu transferieren, nur um Projekte von beschränkter Wirkung zu unterstützen?

Drittens schließlich ist der heutige Ansatz auch technologisch mangelhaft. Denn noch immer fehlt es an angemessenem Ersatz für die fossilen Energieträger. Obwohl diese derzeit schlecht beleumundet sind, bleiben sie für unsere Entwicklung, unseren Wohlstand und das Überleben vorerst unverzichtbar. Kohlendioxid zu besteuern, ohne Alternativen zu entwickeln, wird den Zustand des Planeten eher verschlechtern.

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insgesamt 266 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.12.2009 von Peter Hartmann: strahlen vs co2

da stimme ich Ihnen absolut zu, und genau das gleiche findet auch zum beispiel in der molekularen evolutionsbiologie statt. da ist die aktuelle hochschulpolitik, die meiner meinung nach viel zu viel wert auf das züchten [...] mehr...

10.12.2009 von semper fi: Das hier lässt hoffen.

*"Tuvalu scheitert mit dringlichem Appell in Kopenhagen"* (http://www.nzz.ch/nachrichten/international/dem_untergang_geweihte_inseln_werden_nicht_erhoert_1.4149531.html) (NZZ-online). mehr...

10.12.2009 von Nobbi: CLOUD und group think

Sie erwähnen richtigerweise die Gefahr sich in seine eigene Theorie zu verlieben und kritikblind zu werden. Doch genau diese Gefahr ist auch bei den CO2 Wissenschaftlern gegeben und aufgrund der Propagierung durch Medien, dem [...] mehr...

09.12.2009 von grienpies: schlechtes Wetter

Es geht um Anpassung, nicht Vermeidung! Schlechtes Wetter hat es immer schon gegeben. Für denjenigen, der unter den Wetterbedingungen zu leiden hat ist es egal, ob das Wetter nun vom Menschen beeinflusst wurde oder nicht. Wollen [...] mehr...

09.12.2009 von semper fi: -

Nein, das sind Geizhälse, die die paar Euro für eine vernünftige Versicherung sparen wollen. Klimahysteriker sind die Leute, die auf [...] mehr...

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Zur Person

AP
Der Statistiker Bjørn Lomborg, 44, ist Direktor des Copenhagen Consensus Center, eines Instituts, das Strategien zu Umwelt- und Klimafragen erforscht und Kongresse mit Ökonomen und Nobelpreisträgern veranstaltet. Der Däne lehrt als Professor an der Copenhagen Business School und schrieb Bestseller wie "Apocalypse No!" oder "Cool it!".

DER SPIEGEL

Heft 50/2009 Das verlorene Jahrzehnt Was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss

Weltklimaverhandlungen

Wichtige Punkte

Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.

Worum geht es?

Wer sind die wichtigsten Akteure?

Wie ist der Stand in Europa?

Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?

Was, wenn die Verhandlungen scheitern?


Wer wie viel CO2 reduzieren will

EU

Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.

Russland

USA

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Australien

Der lange Weg zum Klimaschutz

1988

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.

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