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Ausgabe 50/2009
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07.12.2009
 

Schulen

Ende des Aussortierens

Von Matthias Bartsch

Behinderte Kinder: Förderschulen vor dem Aus
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Eine Konvention der Uno verändert den deutschen Bildungsalltag: Immer häufiger klagen Eltern mit Erfolg dagegen, dass ihre Kinder auf Sonder- oder Förderschulen geschickt werden. Ein kompletter Zweig des deutschen Unterrichtssystems steht damit zur Disposition.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit für einen Grundschüler. Besonders wenn es zwei Jahre ohne Schule sind, ohne Mitschüler, ohne Fußball im Pausenhof, stattdessen nur Unterricht zu Hause, meist allein mit der Mutter und Nachhilfebüchern von Aldi und Lidl.

Adrian K., inzwischen elf Jahre alt, hat einen hohen Preis dafür gezahlt, dass seine Eltern und er sich mit einem deutschen Schulamt angelegt hatten. Seit Oktober 2007 stritt die Familie mit den hessischen Behörden, ob der Junge eine Förderschule besuchen muss oder eine normale Grundschule besuchen kann. Und weil beide Seiten nicht nachgeben mochten, ließen die Beamten Adrians Schulpflicht einfach "ruhen", mehr als 24 Monate lang.

Bis vor zwei Wochen. Da stimmte das Schulamt für den Landkreis Groß-Gerau vor dem Verwaltungsgericht Darmstadt einem Vergleich zu: Trotz des behördlich festgestellten "sonderpädagogischen Förderbedarfs" kann Adrian künftig auf einer Haupt- und Realschule unterrichtet werden. Zudem bekommt er einen "Integrationshelfer", um sich wieder in einer Schulklasse zurechtfinden zu können.

Für Adrian und seine Eltern bedeutet das Einlenken der Behörde einen späten Sieg nach zähem Kampf, für Elterninitiativen und Fachjuristen belegt es, wie sich in einem kaum beachteten Teil des deutschen Schulsystems eine Revolution anbahnt: Denn immer mehr Eltern wehren sich mit Erfolg dagegen, dass ihre Kinder von Schulbehörden mit dem Stempel "behindert" versehen und aussortiert werden. Sie klagen gegen eine als "Abschiebung" empfundene Zwangseinweisung in Förderschulen, die früher Sonderschulen hießen und davor Hilfsschulen.

Die Eltern berufen sich auf Statistiken und Studien, die erhebliche Zweifel am deutschen Förderschulsystem zulassen. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder oft viele Kilometer vom Wohnort entfernt mit anderen Aussortierten unterrichtet werden - mit allenfalls geringer Aussicht auf Rückkehr in eine Regelschule oder einen arbeitsmarkttauglichen Abschluss.

Seit einigen Monaten hat sich die Position der Eltern deutlich verbessert. Sie können sich nun auf eine Uno-Konvention über die Rechte von Behinderten stützen, die im März in Deutschland in Kraft trat. Danach haben behinderte Kinder das Recht, zusammen mit Nichtbehinderten zu lernen. "Inklusive Bildung", wie der gemeinsame Unterricht genannt wird, habe dank des Uno-Segens den Status eines Menschenrechts, schreibt die internationale Anwaltskanzlei Latham & Watkins in einem Gutachten, das in Elterninitiativen und Behindertenverbänden derzeit von Hand zu Hand geht. Für die Bundesrepublik besteht nach Ansicht der Anwälte "eine völkerrechtliche Verpflichtung" zur Umstellung auf ein inklusives Schulsystem - selbst wenn das viel Geld kosten sollte.

Eine Interpretation, der sich Kultusministerien und Schulämter kaum noch verschließen können. Der frühere hessische Justizminister Rupert von Plottnitz hat beobachtet, dass die Behörden inzwischen oft bereit sind, die Zuweisung an Förderschulen zurückzunehmen - allerdings erst, wenn die Eltern vor Gericht ziehen.

Plottnitz arbeitet als Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. Im Sommer vertrat er den damals 14-jährigen Philipp K., einen Jungen mit Down-Syndrom. Nach sieben Jahren auf einer integrativen Schule wurde Philipp vom Schulamt auf eine Förderschule für geistig Behinderte geschickt. Für die von den Eltern gewünschte Förderung auf einer Gesamtschule sei leider kein Geld vorhanden, beschied das Amt. Es war einer der ersten Fälle, die nach Inkrafttreten der Uno-Konvention vor Gericht kamen. In einem Vergleich genehmigte das Schulamt schließlich den Besuch einer Regelschule. Dort ist er jetzt stellvertretender Klassensprecher.

Das untere Ende deutscher Bildungsrealität

Seither haben sich fast ein Dutzend Eltern bei Plottnitz gemeldet, die ebenfalls vor Gericht ziehen wollen. "Das sind Fälle, die einen nicht kaltlassen", sagt der Jurist, "oft geht es um Kinder, die man früher schlicht als Zappelphilipp bezeichnet hätte. Die werden an ihrer Schule aussortiert, weil sie im Unterricht nicht immer ganz pflegeleicht sind."

Adrian K. zum Beispiel: Psychologen bescheinigen dem Elfjährigen eine seinem Alter entsprechende Intelligenz. Zu Hause pflegt er zwei Kaninchen, abends geht er zum Sportverein. Sein Trainer sagt, der Junge benehme sich wie die anderen Kinder seines Alters auch. Aber schon in der ersten Klasse geriet er mit seiner Lehrerin aneinander. Adrian wechselte die Schule, es gab wieder Streit und deftige Einträge in die Schulakte. Adrian sei größer und kräftiger als seine Mitschüler, notierten die Lehrer. Seine Versuche, auf der neuen Schule Freundschaften zu schließen, schlügen oft fehl. Deshalb versuche der Junge, auf sich aufmerksam zu machen, indem er "Kinder schubst, sie stolpern lässt" oder "Schultaschen durch die Klasse kickt".

Adrians Eltern sagten, ihr Sohn werde von anderen Kindern gemobbt. Seine Lehrer sagten, er sei frech, vorlaut und trage "wesentlich zu einer schlechten Lernatmosphäre in der Klasse bei". Dann traf das Schulamt eine rigide Entscheidung: das "Ruhen der Schulpflicht".

Für einige Monate bekam Adrian eine Hauslehrerin, dann entschied das Schulamt, er müsse auf eine Förderschule. Die Eltern waren zunächst einverstanden - bis sie erfuhren, dass es sich um eine weiter entfernte Heimschule handelt, in der Adrian die Woche über von den Eltern getrennt wäre. Sie nahmen sich einen Anwalt.

"Das ist ein ganz normaler Junge, der gehört auf eine ganz normale Schule", meint Petra Litzenburger von der Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen, die sich für Adrian einsetzt. Und folgt man Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Universität Hamburg, dann trifft das auf die ganz große Mehrheit der rund 460.000 Kinder zu, die derzeit in Deutschland eine Förderschule besuchen. Der ehemalige Sonderschullehrer hat in einer großen Studie das untere Ende deutscher Bildungsrealität unter die Lupe genommen. Das Ergebnis nennt er "beschämend".

Der Aufgabe, Kinder durch gezielte Förderung wieder an das Regelschulniveau heranzuführen, werde diese Schulform nur selten gerecht, urteilt Wocken. Wer einmal auf einer Förderschule gelandet sei, bleibe dort meist bis zum Ende seiner Schulzeit. Viele Jahre auf einer Förderschule erhöhten das Risiko, komplett abgehängt zu werden: "Je länger ein Schüler dort zugebracht hat, desto schlechter sind sowohl seine Rechtschreibleistungen als auch seine Intelligenzwerte", sagt Wocken.

Der Pädagoge begründet das mit der an vielen Förderschulen üblichen "Defizit-Didaktik". Lernbehinderten werde der Lehrplan bis auf das Allernotwendigste zusammengestrichen, der Abstand zur Regelschule werde mit jedem Schuljahr größer. Dazu komme, klagt Wocken, "dass es für jede Form der Behinderung eine eigene Förderschule gibt": für Lern-, Seh-, Hör- und Sprachbehinderte, für Körperbehinderte, für Schüler mit emotionalen und sozialen Defiziten und für geistig Behinderte. Jede Gruppe bleibt unter sich, abgeschottet von der Außenwelt, aber auch von leistungsförderndem Konkurrenzdruck.

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insgesamt 113 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.12.2009 von AndersSehend: Geplapper hoch x

Zweimal "Geplapper" von Ihrer Seite, wieso so herablassend, wenn doch die gegenwärtigen Missstände jenseits aller Ideale ein Ende des Aussortierens ohnehin verhindern werden? mehr...

21.12.2009 von Broko: Weggucker?

Huiii - da spricht ein Praktiker... Ihr Geplapper von "gefühlten Realitäten" sollten Sie sich tunlichst sparen - selbst Reformpädagogen leugnen derlei Erfahrungen in keinster Weise. Informieren Sie sich an Schulen [...] mehr...

21.12.2009 von AndersSehend: ;-)

Oder vielleicht Sie? Was diesem Land bitter fehlt, sind deutlich weniger Menschen, die ihre gefühlten gegenwärtigen und zukünftigen "Realitäten" als alternativlose "Sachzwänge" verkaufen... mehr...

20.12.2009 von Broko: Wolkenkuckucksheim

Was nutzt Ihnen das Geplappere von Menschenrechten, wenn sie ideal nicht umsetzbar sind? In Zeiten, in denen Pädagogen großflächig aus Seiteneinsteigern und Studenten rekrutiert werden müssen, ist das Fordern nach [...] mehr...

20.12.2009 von AndersSehend: Rosarote Brillen

Seit wann sind Menschenrechte Ideologien? mehr...

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