Von Matthias Bartsch
An der Tannenhag-Schule in Friedrichshafen zum Beispiel sind die Räume hell, die Lehrer verständnisvoll, ihre Klassen bestehen meist aus nur fünf oder sechs Kindern. "Es herrscht ein angenehmes Wohlfühlklima", sagt Jürgen Göbel. Trotzdem würden er und seine Frau Karin ihren Sohn Tim am liebsten so schnell wie möglich von dieser Schule herunternehmen.
Tim ist sieben Jahre alt und wie viele Kinder mit Down-Syndrom ein freundliches Kind. Wenn er morgens um 7.20 Uhr an seinem Heimatort Kressbronn abgeholt wird, begrüßt er den Schulbus winkend mit "Hallo, Bus". Und wenn er gegen 16 Uhr zurückgebracht wird, ruft er dem Bus ein fröhliches "Tschüss, Bus" hinterher. Sofern er nicht eingeschlafen ist auf der langen Fahrt durch den halben Landkreis. Oft muss Tim erschöpft aus dem Bus herausgetragen werden.
Dabei könnte sein Schulweg aus knapp 40 Schritten bestehen. Die Göbels wohnen direkt neben einem Schulzentrum, das neben einer Grundschule sogar eine Förderschule bietet. Aber es ist eine Förderschule für Lernbehinderte. Und da das Schulamt Tim als "geistig behindert" einstuft, muss er nach Friedrichshafen.
Bis zur Einschulung war Tim im Kindergarten mit Nachbarkindern zusammen. Jetzt sind die meisten Kontakte eingeschlafen, bedauert Karin Göbel. Sie hat Angst, dass sich ihr Sohn an eine Umgebung gewöhnt, in der es nur Behinderte gibt; und Tims ehemalige Freunde sich an eine Umgebung gewöhnen ganz ohne Behinderte. "Das Schulsystem sorgt dafür, dass beide Lebenswelten komplett voneinander getrennt werden", sagt Tims Mutter.
Dass es auch anders funktionieren kann, beweist die "Pinguin"-Klasse der Sophie-Scholl-Schule in Gießen. Mara streichelt ihrem im Rollstuhl sitzenden Mitschüler über den Kopf und fragt, ob sie ihm die Stifte holen solle. Ein paar Räume weiter liest ein Junge dem Down-Mädchen Charlotte aus einem "Heidi"-Buch vor. Dazwischen brüten Kinder an Gruppentischen über Arbeitsblättern, angeleitet von Lehrern oder Integrationshelfern.
Die Sophie-Scholl-Schule nimmt alle auf: Lernbehinderte, geistig Behinderte, sozial Auffällige. "Wir haben auch Hochbegabte", sagt Invield Helmer, die kommissarische Leiterin der privaten Grund- und Gesamtschule. Bis zu fünf Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" vertrage eine 22-köpfige Klasse. Die übrigen sind nichtbehinderte Schüler, deren Eltern von der individuellen Betreuung überzeugt sind und dafür monatlich 270 Euro Schulgeld zahlen.
Speziell aufs Lerntempo zugeschnittenes Arbeitsmaterial
Der personelle Aufwand - im Schnitt wird jede Klasse von 1,5 Lehrkräften unterrichtet - erscheint hoch, ist jedoch insgesamt nicht höher, so haben Bildungsexperten ausgerechnet, als würden die Kinder mit Förderbedarf an separaten Schulen unterrichtet werden. Die Lehrer an inklusiven Schulen müssen mehr im Team arbeiten und sich auf oft anstrengende Methoden einstellen. Aber es lohne sich, sagt Helmer. Auch Leistungsstärkere profitierten, wenn sie speziell auf ihr Lerntempo zugeschnittenes Arbeitsmaterial bekämen.
Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung geben die Länder derzeit allein für das lehrende Personal an Förderschulen pro Jahr zusätzlich 2,6 Milliarden Euro aus. Würde man die Förderschullehrer dezentral an Regelschulen einsetzen, könnte dort jeder Schüler mit Förderbedarf zusätzlich zum normalen Unterricht noch 2,4 Stunden Förderunterricht bekommen. Für eine Klasse mit vier Förderschülern wären das fast zehn Wochenstunden für individuelle Betreuung. Gleichzeitig entfielen Kosten für den meist in Kleinbussen organisierten Überlandtransport.
Ob eine solche Rechnung aufgeht, wird derzeit im Landkreis Offenbach ausprobiert. Statt eine Förderschule in Mühlheim am Main zu sanieren, wollte der Landrat das Geld lieber für Personal ausgeben. Er schloss eine Vereinbarung mit dem Kultusministerium: Die Schule wird geschlossen, die zehn Lehrerstellen werden für den Förderunterricht auf vier umliegende Schulen verteilt. Zudem können diese Schulen zusätzlich Sozialpädagogen zur Unterstützung der Förderschüler einstellen - bezahlt vom Kreis, der das Geld für ein komplettes Schulgebäude spart.
Ein Modell für die ganze Republik, in der gerade mal 15,7 Prozent der Förderschüler in allgemeinen Schulen lernen? Vor allem Länder, die zuletzt viel Geld in den Ausbau von Förderschulen investiert haben, tun sich mit einem Richtungswechsel schwer. Gerade im Osten, der stark unter sinkenden Schülerzahlen leidet, würden zum Teil "absurd viele Schüler zu Förderschülern erklärt", sagt Ada Sasse, Pädagogikprofessorin an der Berliner Humboldt-Universität. In Mecklenburg-Vorpommern etwa haben die Behörden bei 10,9 Prozent der Schüler einen "Förderbedarf" attestiert, in Rheinland-Pfalz nur bei 4,4 Prozent. Sasse hat den Verdacht, "dass es in einigen Ländern auch darum gehen könnte, die teuren Förderschulen gut auszulasten".
Mindestens 80 Prozent der Förderschüler, meinen Bildungsforscher wie Hans Wocken, könnten und sollten an normalen Regelschulen unterrichtet werden. Doch ob sich das so leicht umsetzen lässt, wird selbst in den einer Reform aufgeschlossenen Kultusministerien bezweifelt. Fachreferenten wie der Niedersachse Peter Wachtel haben zwar "weitgehend Einigkeit erzielt" über "Kompetenzzentren" oder "Schulen ohne Schüler", von denen aus Sonderpädagogen flexibel an Regelschulen abgeordnet werden, um dort je nach Bedarf Förderschüler zu unterstützen. Jedoch führen umfassende Veränderungen im Schulsektor häufig zu Unruhe und Protesten. Und viele Politiker sind noch skeptisch, ob die Regelschulen wirklich in der Lage sind, Förderschüler ohne Qualitätsverlust aufzunehmen.
Andererseits wird der Druck noch zunehmen. Schon im nächsten Jahr soll ein Uno-Beauftragter in Genf Bericht erstatten, wie weit Deutschland mit der Umsetzung der Konvention gekommen sei. Eine Schelte werde sich die Republik kaum erlauben können, heißt es in den Kultusministerien. "Schon deshalb wird uns keine Wahl bleiben", meint Wachtel, "als an die Förderschulen ranzugehen."
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