Von Christoph Schwennicke
Auf dem Weg zum Flughafen in Berlin klingelt Fuchtels Handy. "Des war der Teufel-Erwin", sagt er, als er auflegt. Beim Teufel-Erwin, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, hat Fuchtel in den achtziger Jahren als Berater angefangen. Bei ihm hat er Politik gelernt. Teufel hat er damals ein Postfrachtzentrum bei Böblingen ausgeredet, weil dort die Mieten für die Beschäftigten höher gewesen seien, das Land also am Ende mehr Wohngeld hätte zahlen müssen. Das Postzentrum kam dann nach Eutingen, das erstens mit billigeren Mieten aufwartete und zweitens zu Fuchtels Wahlkreis gehört. Fuchtel ist das, was man im Süddeutschen einen "Gschaftlhuber" nennt. Wie Kohl, der mit seinem Telefonbüchlein die CDU und Deutschland regiert hat. Sollen die anderen ruhig bei Anne Will sitzen.
Ob er Helmut Kohl persönlich kenne? "Natürlich! Beschtens!" Für Kohl habe er 1997 ein Kamelrennen im Berliner Hoppegarten organisiert, weil der Kanzler mit den Arabern ins Geschäft kommen wollte. "2 Stunden 17 auf CNN, 42 000 Besucher im Hoppegarten - nachmachen!", sagt Fuchtel.
Wer ihn etwa als "Petersilie" belächelt, das ist im Bundestag der spöttische Begriff für die Schriftführer des Bundestagspräsidenten, der hat nichts verstanden. Von da oben, sagt Fuchtel, "von da oben sehen Sie alles!" Und das sei auch wichtig in der Politik: "zu sehen, wo es menschelt, wer wieder mit wem mauschelt".
Mangelnder Respekt vor der eigenen Leistung ist nicht sein Problem. Zum Treffen in seinem neuen Amtszimmer im Ministerium hat er ein großes Flipchart vorbereitet, in dem er in Grün und Rot und Blau und Schwarz die Arbeitsbereiche des Hans-Joachim Fuchtel aufgezeichnet hat: Abgeordneter, Präsident der Bundesvereinigung des Technischen Hilfswerks, Gründer einer dazugehörigen Stiftung mit einem Stiftungskapital von zwei Millionen Euro - "nachmachen!", sagt er triumphierend. In den Neunzigern als Rechtsanwalt angefangen, inzwischen in der "Bundesliga der deutschen Anwälte im Familienrecht - nachmachen!"
Fuchtel ist ein Sonnenkönig in einem Sonnensystem, das er selbst definiert und zu dessen Mittelpunkt er sich macht. Da, wo er ist, ist wichtig, der Rest wird einfach ausgeblendet. Die Sache mit den Kamelen zum Beispiel fing damit an, dass ein Landwirt in seinem Wahlkreis auf die Idee verfiel, Kamelfarmer im Schwarzwald zu werden. Jetzt ist das Kamel aus der Politik des Hans-Joachim Fuchtel praktisch nicht mehr wegzudenken. Kohl und das Kamelrennen, die Connections nach Abu Dhabi. Als Kamele des Kamelfarmers einmal krank wurden, konnte Fuchtel für den Mann ein Kameldoktor-Praktikum bei seinen arabischen Freunden bewirken.
Fuchtel, der Kamelhändler. Das ist gar kein schlechtes Bild für einen, von dem sie im Haushaltsausschuss sagen, dass man mit ihm immer gut auskommen konnte, solange sein THW nicht zu kurz kam.
Die Hohenberghalle in Horb am Neckar ist eine typische Mehrzweckhalle: eher praktisch als schön. An diesem Abend soll der neue Oberbürgermeister offiziell ins Amt eingeführt werden, der Saal ist voll, der Trollinger umsonst. Für Hans-Joachim Fuchtel ist ein Platz in der ersten Reihe vorgesehen, allerdings nur als Nummer zwei, neben Michael Theurer, dem bisherigen Oberbürgermeister von der FDP. Fuchtel ändert einfach die Sitzordnung und setzt sich auf Theurers Platz. Die beiden sind ein spezielles Pärchen. Der FDP-Mann hatte die Oberbürgermeisterwahl 1995 in Horb nicht zuletzt mit dem Versprechen einer Hochbrücke für die Stadt im Talkessel gewonnen. Fuchtel traf sich alsbald mit dem Neuen zu einem Gespräch, das er laut Theurer als "Non-Gespräch" deklarierte.
"Non-Gespräch", sagt Theurer noch heute kopfschüttelnd, "ich wusste damals gar nicht, was das ist: ein Non-Gespräch." Jedenfalls habe ihn Fuchtel in diesem Gespräch ermuntert, aus der FDP aus- und in die CDU einzutreten. Das sei doch jetzt an der Zeit. Als Theurer das ablehnte, wurde es etwas frostiger: "Dann werden wir Ihnen des Wasser abdrehen."
Fuchtel bestreitet den Hergang, das erzähle Theurer seit Jahren. Aber egal, wie ultimativ Fuchtel da aufgetreten ist, die Begebenheit beschreibt das Prinzip, das einem einfachen Mann ein großes Büro in einem Bundesministerium beschert hat: Beziehungen aufbauen, Abhängigkeiten schaffen, Wohlverhalten belohnen, Widerstand bestrafen. Auf die Hochbrücke wartet Horb bis heute.
Später am Abend beglückwünscht ihn der neue Oberbürgermeister von der Bühne zu seinem Amt, eine schöne Sache, schon, aber "Staatssekretär im Verkehrsministerium wäre besser für uns". Dort wird nämlich auch über Hochbrücken von Bundesstraßen entschieden. Fuchtel sagt von sich, er habe jetzt ganz andere Möglichkeiten, "sich nützlich" zu machen. "Wer macht das nicht?"
Seine bisherigen Kollegen im Haushaltsausschuss haben gar keine Bedenken, dass Fuchtel sich weiter nützlich machen wird. Sie sorgen sich eher, ob er die repräsentativen Anforderungen seines neuen Amts erfüllen kann. Beim traditionellen Essen der Haushälter im Schloss Bellevue, so erinnern sie sich lebhaft, da fand der füllige Fuchtel die Portionen wohl etwas vornehm-kärglich. Ob das ein Witz sein solle, fragte er brüsk nach Nachschlag. Nicht das Bedienungspersonal, sondern gleich den Bundespräsidenten.
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