Von Sascha Lobo
Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht gewachsen bin. Und auch nie gewachsen war. Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es fast allen anderen Menschen ebenso geht. Nicht nur zu unserer Zeit, sondern zu allen Zeiten. Ich bin der Überzeugung, dass Überforderung - also das gebündelte Auftreten kaum lösbar erscheinender Probleme - die wichtigste Triebfeder des zivilisatorischen Fortschritts ist. Und zwar genau dann, wenn die Reaktion auf die Überforderung keine resignative ist, sondern eine konstruktive. Ich mache Frank Schirrmacher den Vorwurf, der notwendigen Debatte um die technologische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die digitale Gesellschaft den Stempel der Ablehnung und der Resignation aufgedrückt zu haben. Trotz seiner durchaus vorhandenen optimistischen Zwischentöne bleibt der Nachhall des Haderns mit der modernen Welt.
Diese Haltung scheint mir völlig unabhängig von den konkreten Problemen der jeweiligen Gegenwart. Zu allen Zeiten gaben Tempo und Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen samt ihrer Auswirkungen auf die praktisch bereits verloren gegebene Jugend der vorhergehenden Generation Grund zur Klage. Das älteste mir bekannte Beispiel führt Platon in seinem "Phaidros"-Dialog aus. Dort lässt er Sokrates in bunten Geschichten aus dem alten Ägypten auf die schädliche Erfindung der Buchstaben schimpfen. Diese verhinderten, dass die Menschen überhaupt noch auswendig lernten. Mehr noch, Sokrates hält diejenigen für einfältig, die glauben, dass "aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entstehen" könnte. Ich bin kein Experte im Erkennen von verborgener Ironie, aber ich könnte mir vorstellen, dass Platon hier die Klage über den Fortschritt der Kulturtechnologie ad absurdum führen wollte - vor bald 2400 Jahren.
Der Kern der Debatte ist der altbekannte Kulturpessimismus in antidigitalem Gewand, der durchaus eine interessante Funktion erfüllt. Es handelt sich um wärmende Heizdecken-Kommunikation von alten Männern für alte Männer, die sich gegenseitig bestätigen, dass früher alles besser war. Um nicht griesgrämig oder unmodern dazustehen, werden Teilaspekte gelobt, die kulturpessimistische Ablehnung der neuen Entwicklungen bleibt aber zentral.
In meinen Augen hat diese Ablehnung nachvollziehbare Gründe. Die intellektuelle Elite glaubte über viele Jahre, der Erfüllung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses immer näher zu kommen: dem Wunsch nach der Beherrschbarkeit der Welt, die uns umgibt. Dieser Wunsch gründet sich auf das Problem der Geworfenheit in die Welt, ist also zeitlos. Es spielt sogar kaum eine Rolle, ob es sich um bedrohliche Naturgewalten oder eine Ableitung daraus handelt, nämlich die den Menschen überfordernde Technik des Alltags, die zur Bewältigung der Natur überhaupt erst erfunden wurde. Diese Parallele hat Georg Simmel 1903 zu Beginn seines Aufsatzes "Die Großstädte und das Geistesleben" beschrieben: "Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat."
Simmel skizziert die von Schirrmacher formulierte Problematik mehr als 100 Jahre, bevor sie auftritt. Wir führen einen ständigen Kampf der Selbstbehauptung gegen die Instanz, die an die Stelle der Lebensbedrohung durch die Natur getreten ist: die von uns selbst geschaffene Riesenmaschine der Zivilisation. Wir kämpfen heute gegen die einhundertste Erscheinung des Säbelzahntigers, und zwar mit der einhundertsten Modellvariante des Speers.
Übersetzt ins Informationszeitalter heißt das, dass Schirrmachers alter Speer der neuen Version des Säbelzahntigers nicht mehr gewachsen ist - obwohl er doch früher so gut funktioniert hat. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Beherrschbarkeit der eigenen Umwelt noch stets eine Illusion war, aufrechterhalten über einen kurzen Zeitraum; ein Trugbild, dem man offenbar umso lieber erliegt, je höher man in der gesellschaftlichen Hierarchie gelangt ist. Dort oben sind die Verschiebungen und Verwerfungen der Gesellschaft besonders deutlich zu spüren, nämlich in Form des Machtverlusts.
Einen Hinweis darauf, dass die herbeigesehnte Beherrschung schon immer eine Illusion war, liefert das gern reproduzierte, aber unsinnige Bild des sich uferlos vermehrenden Weltwissens, des inzwischen vollkommen unbeherrschbaren Datenwusts. Die Plakativität der Vorstellung von verschiedenen Datenträgern, die aufeinandergestapelt soundso oft zum Mond reichen, mag als medial vermittelte Metapher Eindruck machen. Sie nährt aber den Trugschluss, dass das Weltwissen zu irgendeinem Zeitpunkt fassbar gewesen wäre. Schon die Bibliothek von Alexandria - damals fast wie ein Google des Altertums berüchtigt als Datenstaubsauger, der im Hafen liegenden Schiffe deren Schriftrollen abnahm und sie mit eilig angefertigten Kopien abfertigte - bestand um 50 vor Christus aus rund 500.000 Schriftrollen. Bei einer durchschnittlichen Länge von acht Metern je Rolle ergäben sich 4000 Kilometer Textrollen. Bereits damals hätte man bei angenommenen fünf Minuten je Schriftrollenmeter und zwölf Lesestunden am Tag rund 75 Jahre gebraucht, um allein das in Alexandria aufgeschriebene Weltwissen zu lesen.
Der Berg des Wissens ist viel, viel höher geworden seit der Antike - unbesteigbar für den Einzelnen war er seit Beginn der Aufzeichnungen. Aus diesem Grunde brauchen wir, braucht die Gesellschaft schon immer Filtermechanismen. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war der allgemein anerkannte Filter, der vermittels der Massenmedien gesellschaftlich Relevantes von Irrelevantem schied, die Redaktion. Es handelt sich dabei um eine hierarchisch organisierte Struktur, die in einem kaum transparenten Prozess entscheidet, was die Öffentlichkeit zu interessieren hat. Redaktionen haben in der Vergangenheit unsere Wahrnehmung der Realität geprägt. Daraus ist für die unmittelbar Beteiligten oft genug der subjektive Anspruch der Deutungshoheit erwachsen, und in der Mediendemokratie schließlich eine Machtposition. Der Redakteur als Torwächter der massenmedialen Realität hat jedoch mit dem Internet im 21. Jahrhundert Konkurrenz bekommen, eine scheinbar technologische, tatsächlich aber eine soziale.
Auf die Frage "Übernehmen jetzt Computer die Herrschaf?" - war mein erster ironischer Gedanke: "Ja klar, die haben auch nichts besseres zu tun!" Aber generell begrüße ich innovative Veränderungen, sie ängstigen mich nicht [...] mehr...
Das Beispiel mit den Säugling/Kleinkinder gehört für mich zum erlernen des Sozialen Miteinander, wie bei Tieren auch. Natürlich wird ein Spielzeug dem anderen auch mal abgenommen. Aber nicht aus böser Absicht heraus, sondern um [...] mehr...
:-) Puh – Hoffentlich hab ich das jetzt nicht Missverstanden. Es geht also um die Sache mit dem kosmischen bzw. der ganzheitlichen Intelligenz und der Mensch mit seinem Versand mit seinem beschränkten, partiellen Wissen [...] mehr...
Zustimmung. Der "Spass" ist ja, das Schulen dieses soziale Miteinander ja quasi als Abfallprodukt vermitteln. Und was herauskommt wenn die Rahmenbedingungen nicht gesetzt werden und das soziale Miteinander der Schüler [...] mehr...
Es ist eigentlich nur der verklärte Blick und die "kosmische" Überhöhung einer - nicht immer einfach - nachvollziehbaren Fähigkeit. Laut diesem Link: [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Internet | RSS |
© DER SPIEGEL 50/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH