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Ausgabe 50/2009
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07.12.2009
 

Intelligenz

Die bedrohte Elite

Von Sascha Lobo

Besucher der Leipziger Games Convention: Ein Schulfach Interneterziehung heute dringend gebotenZur Großansicht
REUTERS

Besucher der Leipziger Games Convention: Ein Schulfach Interneterziehung heute dringend geboten

2. Teil: Es tut uns gut, von unserem hohen Ross herabzusteigen.

Im virtuellen Raum des Netzes herrschen andere Regeln als in der traditionellen Medienlandschaft. Eben noch wählte eine Redaktion aus, was ihr wichtig erschien; jetzt wird im Internet hochgespült, was ausreichend viele Menschen für interessant halten. Das redaktionsgetriebene Diktat der Relevanz wird ergänzt durch das Diktat der Interessantheit. Damit bedroht ein neuer Filter die Macht der Redaktionen. Mit dem uralten Instrument dieser Empfehlung wählt das Kollektiv im Netz aus, was es für interessant genug hält, um weiterverbreitet zu werden. Alle sozialen Netzwerke von Twitter über Facebook bis zur Gesamtheit der Weblogs basieren auf der Empfehlung: "Schau her, was ich hier Interessantes habe!" Kein Wunder, dass sich ein Journalist wie Schirrmacher stellvertretend für die Redaktionen bedroht fühlt vom Internet.

Das heißt aber nicht, dass die Redaktion überflüssig wird. Professioneller Journalismus scheint mir notwendiger denn je, selbst wenn derzeit noch nicht ganz klar ist, wie er im Internet refinanziert werden kann. Die Öffentlichkeit wird aber eben nicht mehr allein durch Journalisten geprägt, sondern auch über die technologischen Bande des Internets durch die Gemeinschaft bestimmt.

Der Redaktion steht hier nämlich das Kollektiv gegenüber, nicht die Maschine. Es ist ein grundsätzliches Missverständnis anzunehmen, dass eine Software wie der Algorithmus von Google auswählt, was wir wahrnehmen sollen. Google hat nur zuerst erkannt, dass letztlich keine Berechnung allein herausfinden kann, was für uns entscheidend ist. Das vermögen nur die Menschen selbst - und mit der richtigen Technologie kann man ihnen dieses Wissen entlocken. Google bestimmt heute das Netz wie kein anderes Unternehmen, weil seine Software von Anfang an versucht hat, das menschliche Denken nachzuvollziehen. Als höchstes Gut der Aufmerksamkeit sieht Google die Verlinkung einer Webseite durch einen Menschen an. Google führt sogar einen regelrechten Kampf gegen die automatisierte Relevanz der Maschinen; dem händisch erstellten Inhalt wird wesentlich mehr Beachtung geschenkt als robotergenerierten Inhalten. Ganze Abteilungen bekämpfen die maschinelle Manipulation der Auswahl, die Google uns präsentiert.

Es ist zwar ebenso wahr wie gefährlich, dass vielen Menschen nur noch als Realität erscheint, was unter den ersten zehn Google-Treffern zu finden ist. Das aber ist ein Problem der Medienkompetenz in der Gesellschaft und nebenbei einer der Gründe, weshalb ich ein Schulfach Interneterziehung fordere; Eltern können heute ihren Kindern viele notwendige Erkenntnisse nicht vermitteln, weil es das Internet noch nicht gab, als sie ihre gesellschaftliche Prägung und Ausbildung erfuhren.

Das Internet hat das Bewusstsein der jüngsten Generation erobert, und das auf andere Weise, als die Älteren es annehmen. Schirrmacher hat recht, wenn er die Tragweite der digitalen Vernetzung als gigantisch einschätzt. Ich halte die Auswirkungen auf die Gesellschaft und besonders auf die kommenden Generationen für so revolutionär, als wären Buchdruck, Telefon und Fernseher gleichzeitig erfunden worden. Der Kommunikationsfachmann Peter Figge erzählt die Anekdote seines zehnjährigen Sohnes, der ihn fragt, wie die Menschen ins Internet gekommen seien, bevor es Computer gab. Besser lässt sich das Verhältnis der Jugend von heute zum Netz kaum beschreiben. Das Internet wird empfunden als digitaler Teil der Realität, der nicht von der "Kohlenstoffwelt" abgelöst werden kann. Warum auch? So wesentlich die physische Begegnung uns erscheinen mag, so zahlreich sind die Beispiele dafür, dass selbst das bewegendste Gefühl des Menschen, die Liebe, eine Empfindung ist, die im Virtuellen wurzeln kann. Wer je in Audrey Hepburn verliebt war, ohne sie persönlich getroffen zu haben (also die meisten Menschen), könnte das bestätigen.

Die Klage über den Niedergang der Kultur durch das Internet und die gesellschaftlichen Begleiterscheinungen verkennt neben vielen anderen Punkten - etwa der Zugänglichkeit von Wissen - die unglaubliche Renaissance der Schriftkultur, die durch das Netz bei der Jugend stattgefunden hat. Wie viel hat ein durchschnittlicher 14-Jähriger in den achtziger Jahren außerhalb des schulischen Pflichtprogramms geschrieben? Und um wie viel mehr schreibt er heute in alle Ecken und Enden des Netzes hinein? Davon mag ja das meiste orthografisch und grammatisch schwer erträglicher Unsinn sein - aber schriftliche Kommunikation geht dem Jugendlichen 2009 wohl leichter von der Hand als 1989. Ein Schritt in die richtige Richtung, der Verbesserung der Bildung, auch wenn Platons Sokrates dagegen poltern würde.

Es bleibt die Kapitulation vor der Flut der Reize, die Schirrmacher beklagt, verbunden mit dem Gefühl, "aufgefressen zu werden". An dieser Stelle tut es uns, der digitalen Generation, vielleicht gut, von unserem hohen Ross herabzusteigen, jede Häme fahrenzulassen und auf die Bedürfnisse der Elterngeneration einzugehen. Die digitale Welt ist in der Tat noch viel zu kompliziert. Der Blick auf diese Realität ist uns Jüngeren verstellt, weil wir zeitgleich mit der Entwicklung der digitalen Welt sozialisiert wurden und sie deshalb als normal empfinden. Technischer Fortschritt kann aber nur dann gesellschaftlich positiv wirken, wenn er von der Mehrheit der Menschen als positiv empfunden wird. Das ist vor allem eine Frage der Bewältigung der Überforderung. Aus Schirrmachers Text spricht auch eine Verzweiflung, die weite Teile der Bevölkerung mehr oder weniger stark betrifft: die Angst, den Anschluss zu verlieren an den Lauf der Dinge. Ich glaube nicht, dass das sein muss, ich glaube an die Zivilgesellschaft, an die Kraft der Gemeinschaft und der gegenseitigen Unterstützung.

Gehen wir also in einem digitalen Marsch durch die Institutionen dorthin, wo die Überforderung jeden Tag stattfindet: in die Büros, in die Redaktionen, in die Parteien, zu unseren Eltern gewissermaßen, die vor ihren Bildschirmen sitzen und nicht weiterwissen und deshalb vielleicht Angst haben. Erklären wir ihnen, weshalb wir seltsame Fotos von uns ins Netz stellen und trotzdem erwarten, dass unsere zukünftigen Arbeitgeber nicht in diesen manchmal öffentlich zugänglichen, aber privaten Daten herumschnüffeln. Es würde ja auch niemand gern bei einer Firma arbeiten, die den Hausmüll eines Bewerbers durchwühlt, selbst wenn die Tonne vor der Tür steht. Erklären wir ihnen, dass die Gleichzeitigkeit oder das Multitasking bei uns in erster Linie die Wirkung von medialer Zerstreuung hat - die Generation vor uns hat eben nebenbei ferngesehen, unendliche viele Stunden am Tag. Erklären wir ihnen, dass der Unterschied zwischen der Veröffentlichung der eigenen Daten und der staatlichen Überwachung der gleiche ist wie der Unterschied zwischen "sich im Klo einschließen" und "im Klo eingeschlossen werden". Es geht um die Freiwilligkeit, also die Kontrolle über die Daten, zu denen andere Zugang erhalten.

Erklären wir den vordigital Geprägten, dass sie herzlich eingeladen sind, teilzuhaben am digitalen Leben. Denn dort spielt es wesentlich weniger eine Rolle, wo jemand ist, ob er schön oder hässlich ist, ob er behindert ist oder alt und ob er über kanadische Gletscher oder französische Lyrik des 19. Jahrhunderts kommunizieren möchte. Zeigen wir den Älteren, was für ein ungeheurer gesellschaftlicher Fortschritt dem Netz innewohnt - gerade durch die soziale Interaktion. Wie einsam mag sich ein 15-jähriger Schwuler in einem bayerischen Bergdorf noch vor zwanzig Jahren gefühlt haben? Um wie viel einfacher wurde ihm seine Entfaltung gemacht, einfach durch das elektronisch zugängliche Wissen, dass er mit seiner Andersartigkeit nicht allein ist?

Natürlich gibt es für diese positiven Entwicklungen einen Preis. Ich glaube, dieser Preis ist gut an der Machterosion der medialen Eliten zu messen. Durch die Transparenz und die Geschwindigkeit der digitalen Welt wird diesen Eliten schmerzlich bewusst, dass sie die Illusion der Beherrschung ihrer Welt nicht mehr aufrechterhalten können, was auch in der Ablehnung unserer Art der Lebensführung mündet. Oder wie es eine gewisse "Linajk" auf Twitter ausgedrückt hat: "Mein größtes Problem mit der jungen Generation ist, dass ich nicht mehr dazugehöre."

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17.12.2009 von Poppins, Mary:

Auf die Frage "Übernehmen jetzt Computer die Herrschaf?" - war mein erster ironischer Gedanke: "Ja klar, die haben auch nichts besseres zu tun!" Aber generell begrüße ich innovative Veränderungen, sie [...] mehr...

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17.12.2009 von Huuhbär:

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15.12.2009 von qwertzalot: Vertraue keinem Computer, den du nicht aus dem Fenster werfen kannst.

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15.12.2009 von qwertzalot: Jede fortgeschrittene Technologie ist anfangs von Magie nicht zu unterscheiden.

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Heft 50/2009 Das verlorene Jahrzehnt Was die Welt aus einer Dekade der Unvernunft lernen muss
Computer haben die Welt, in der wir leben, denken und handeln, so nachhaltig verändert wie kaum eine technologische Neuerung seit der Erfindung des Buchdrucks. In seinem gerade erschienenen Buch "Payback", aus dem der SPIEGEL einen Auszug druckte (47/2009), beschreibt der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, 50, Macht, Gefahren und Chancen der Informationstechnologie.

DPA
Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo, 34, setzt die Debatte fort und analysiert in seiner Erwiderung die Urangst vor Überforderung durch den technischen Fortschritt und den Strukturwandel der Öffentlichkeit in der digitalen Gesellschaft. Der Autor und Ex-Werbetexter ist Mitverfasser des Buchs "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" (Rowohlt Berlin Verlag 2008). Im Sommer 2009 trat Lobo als Werbefigur für den Mobilfunkanbieter Vodafone auf, wofür er von Teilen der Blogger-Gemeinde heftig kritisiert wurde.






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