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Ausgabe 51/2009
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14.12.2009
 

Internet

Vergiss es!

Von Rafaela von Bredow und Dietmar Hipp

Internet: Vergiss es!
Fotos
REUTERS

Ein falscher Klick reicht, und schon landet Intimstes im Internet, sichtbar, abrufbar und - für immer. Denn das Gedächtnis des Netzes ist grenzenlos und unauslöschlich. Nutzer wünschen sich einen digitalen Radiergummi, Forscher fordern ein Verfallsdatum für private Daten.

Rattig "wie die Sau" sei sie zurzeit, vertraut die junge Mitarbeiterin der Nürnberger Arbeitsagentur ihrer Kollegin an. Aber ihr Freund, der habe keine Lust auf Sex. "Hatte mich extra rasiert und dann wollte er mich net", klagt sie. Die Freundin tröstet, schimpft: "Der soll sich auch mal en bisschen zam reißen!"

So fliegen die Mails hin und her zwischen den beiden Fränkinnen an jenem Junitag, sie berichten sich ihre abendlichen Abenteuer ("haben noch CSI geschaut und uns vorher nackert gemacht"), plaudern über ihre Männer und Ex-Lover.

Dann passiert es: Eine der beiden vertippt sich in der Adresszeile. Sie erwischt den ganz großen Verteiler.

In den folgenden Sekunden erscheint das intime Duett auf den Bildschirmen aller Kollegen, wenig später kann die ganze Welt mitlesen. Drei Jahre danach hat sich der Schriftverkehr verbreitet wie eine Pandemie, wird immer noch verlinkt, kopiert, verschickt.

Er wird für immer im Netz bleiben.

Denn das Internet vergisst nichts. Emsig speichert es noch den mattesten Fußabdruck des flüchtigsten Nutzers. Anders als das menschliche Gehirn sortiert es die eingehende Information nicht nach Bedeutungsgehalt; mit stählerner Unerbittlichkeit rafft die große Erinnerungsmaschine alles auf, was kommt, verleibt es sich ein und lässt es nicht mehr los.

Besonders gut funktioniert das, wenn es um Sex geht oder um Prominenz - am besten um beides. Das merkt in diesen Tagen auch das Golf-Idol Tiger Woods, seit neuestem verschrien als notorischer Fremdgeher. Jeder, der will, kann im Internet eine angebliche Warnung des Sportlers auf dem Anrufbeantworter einer Geliebten mithören: "Meine Frau hat mein Telefon durchsucht und könnte dich anrufen." Die Audiodatei ist überall, inzwischen sogar schon als boshaftes Musikstück "Slow Jam Remix" auf YouTube.

Woods wird damit leben müssen, so wie Paris Hilton niemals das Sexfilmchen "1 Night in Paris" wird löschen können, das ein Ex-Lover einst auswilderte in den Weiten des Netzes. Es hat sich eingebrannt ins Internetgedächtnis.

Niemals zuvor konnte ein einzelner Mensch in so kurzer Zeit vor solch einem gigantischen Publikum so viel Ruhm erwerben - niemals aber auch so tief fallen. Und nie zuvor konnte er sich so sicher sein, dass er für immer am Pranger stehen wird. Ein neuer Job, Umzug, Auswandern - die alten Fluchten retten nicht mehr.

"Weil es in der digitalen Welt kein Vergessen gibt, gibt es auch kein Verzeihen", sagt der österreichische Internetwissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger, der gerade eine Streitschrift gegen das Hypergedächtnis des digitalen Zeitalters verfasst hat: "Delete", Löschen, heißt sein Buch.

Löschen! Eine Schaltfläche, die mich warnt vor jeder Website, auf der ich auftauche, die fragt: Möchtest du diesen Inhalt entfernen? Das wäre der Cyberhimmel für die Opfer des Ewigkeitsspeichers im Netz, für die Freundinnen von der Nürnberger Arbeitsagentur. Oder für die Frau, deren Ex-Mann Kameras in der ehemals gemeinsamen Wohnung installierte, sie beim Essen, Ausziehen und bei der Selbstbefriedigung filmte. Welche Möglichkeit sonst bliebe der Abiturientin Sarah J., die als 13-Jährige ein Foto ihres Popos im kurzen Jeansröckchen in einem sozialen Netzwerk veröffentlichte, an das sie jetzt nicht mehr herankommt? Sie fürchtet, dass ihre kindliche Freizügigkeit künftige Personalchefs abschreckt.

Ob naiver Selbstentblößung geschuldet oder bösen Ex-Geliebten: Sie alle sind Opfer, und ihre Zahl steigt. Immer mehr Leute kommunizieren Privates via Internet, immer mehr Intimes twittern sie übers Handy. Ein großer Teil der 54 Millionen deutschen Internetnutzer füttert das Netz mit persönlichen Informationen. Sie tun so, als verwehten all ihre elektronisch übermittelten Blicke, Seufzer, Schimpfkanonaden im Äther. In Wahrheit speichern sie sie auf einem gigantischen Cyber-Recorder.

Mit der Zahl der Opfer wachsen auch die Bestrebungen, das Gedächtnis des Internets mit Demenz zu belegen. Programmierer entwickeln Software, die Daten über die Zeit verrotten lässt. Eine ganz neue Branche, die selbsternannten Retter des guten Rufs, tilgt verleumderische Fotos und Texte von den Websites. Und Vordenker wie Mayer-Schönberger entwickeln Ideen, wie die Gesellschaft dem Netz gleich eine ganz neue Erinnerungskultur verpassen könnte. "Es ist ja nicht die Technik, die den Niedergang des Vergessens erzwingt", sagt der Forscher, der an der National University of Singapore lehrt. "In Wahrheit sind wir es, die entscheiden, ob wir diese Zukunft wollen, die uns zum Erinnern zwingt."

Zwei Brüder aus Deutschland wollen jetzt das Internet per Gerichtsbeschluss zum Vergessen zwingen. Ein einzigartiger Fall: zwei Mörder gegen das Hypergedächtnis des Cyberspace.

Wolfgang W. und Manfred L. haben 1990 den bayerischen Volksschauspieler Walter Sedlmayr in München getötet. Sie wurden dafür verurteilt, haben ihre Strafe abgesessen. Jetzt sollen sie den Weg zurück in die Gesellschaft finden, dafür muss man sie schützen vor der Vergangenheit.

Das Problem dabei: Das Internet hat sie nicht vergessen. Damals, als W. und L. der Prozess gemacht wurde, durften die Zeitungen ihren vollen Namen nennen, es gab ein berechtigtes öffentliches Interesse. Die Berichte aus dieser Zeit wanderten später in Online-Archive, abrufbar für jedermann. Und so fanden die Brüder, als sie freikamen (der eine 2007, der andere im vorigen Jahr) eine neue digitale Weltordnung vor. Ihnen wurde klar, dass jeder Vermieter, Arbeitgeber oder Flirtpartner nach kurzer Web-Suche sofort erkennen muss: Der Typ ist ein Mörder.

Deswegen verklagen W. und L. alle möglichen Website-Anbieter, unter anderen das Deutschlandradio, SPIEGEL ONLINE und sogar die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Sie sollen es fortan unterlassen, Artikel, die ihren vollen Nachnamen nennen, dem Internetsurfer zur Verfügung zu stellen. Am Dienstag dieser Woche verhandelt der Bundesgerichtshof die Klage der beiden Brüder gegen das Deutschlandradio.

Entscheiden die Richter für die Pressefreiheit und gegen den Anspruch der Täter auf Resozialisierung? Oder hat der Schutz der Menschenwürde, ihrer Privatsphäre Vorrang? Selbst wenn L. und W. recht bekämen - ihre Namen haben sie damit noch lange nicht aus dem Netz gelöscht.

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Aber die CDU wil die Überwachung bis zum geht nicht mehr ausbauen. Dafür würden die sogar das GG abschaffen. Und das ist Fakt. mehr...

02.03.2010 von sozialer Bürger: Klasse Urteil

Mit diesem Urteil haben die Richter Schaden vom Volk abgewendet und der Überwachungspartei CDU ne ordentliche Backpfeife verpasst. Ich würde aber jede Wette eingehem, das diese Überwachungspartei jetzt erneut am GG zum Nachteil [...] mehr...

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