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Ausgabe 52/2009
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19.12.2009
 

Medizin

Digitales Wiedersehen

Von Philip Bethge und Gerald Traufetter

Ärzten der Universitätsklinik Tübingen ist eine medizinische Sensation gelungen: Sie haben erblindeten Patienten wieder eine einfache Form des Sehens ermöglicht. Der Durchbruch gelang durch das Einpflanzen eines Mikrochips unter die Netzhaut.


Um das Wunder zu begreifen, das Miika widerfahren ist, muss man zunächst einmal wissen, in welchem Schattenreich er lebt.

"Mein Leben gleicht einer Fahrt durch dichten Nebel", sagt der 45-jährige Finne.

Seine Augen nehmen die Welt nur als helle und dunkle Schwaden wahr, ohne Konturen und Farben. "Vor meinen Augen wabern Schatten, die keinen klaren Umriss besitzen."

Seit seinem 22. Lebensjahr ist das schon so. Denn Miika, der nur bei seinem Vornamen genannt werden möchte, leidet an der Erbkrankheit Retinitis pigmentosa, bei der das Augenlicht langsam verschwindet.

Doch vor kurzem hat sich der Schleier vorübergehend gelichtet. Ein Video existiert von einem Glücksmoment, den er dabei erlebte. Miika sitzt vor einer Banane und einem Apfel und sagt: "Der eine Gegenstand ist rund, der andere länglich."

Wie gebannt beobachten die Ärzte ihn bei dem Experiment. "Irgendwie ist der Gegenstand gekrümmt", fährt Miika fort. Er zögert ein wenig. Dann ist er sich sicher: "eine Banane".

Nach einem kurzen Moment der Überraschung brandet Beifall auf in dem kleinen Versuchszimmer im zweiten Stock der Universitäts-Augenklinik in Tübingen. Auf einmal sieht der Internetunternehmer die Welt mit einem Kunstauge, mit einer Netzhaut aus Silizium - ein digitales Wiedersehen.

Eine medizinische Sensation

In einer vierstündigen Operation hatten ihm die Mediziner einen Chip unter die Netzhaut geschoben, mit einem Kabel daran, das hinter seinem Ohr aus dem Körper trat. Über diese Leitung konnte der Augenarzt Eberhart Zrenner den Computerchip in Miikas Auge ansteuern. Durch Knopfdruck brachte der Wissenschaftler den ewigen Nebel zum Verschwinden.

Das gelungene Experiment ist eine medizinische Sensation. Schon seit zwei Jahrzehnten experimentieren mehr als ein Dutzend Forschergruppen mit Sehprothesen, die erblindeten Menschen wieder eine optische Orientierung bieten sollen.

Lange Zeit gab es auf dem Gebiet nur bescheidene Fortschritte. Doch nun kommt Bewegung in das Forschungsfeld. Erfolge feierten jüngst beispielsweise US-Forscher des Unternehmens Second Sight. Ihre Patienten müssen allerdings eine Spezialbrille mit eingebauter Kamera tragen, deren Bilder kabellos an ein Netzhautimplantat übertragen werden. Bei der Tübinger Technik ist keine Brille notwendig. Ein Chip unter der Netzhaut übernimmt die Signalverarbeitung.

Die deutschen Forscher warten mit einem wirklichen Durchbruch auf: "Wir konnten bei Miika zeigen, dass er mit Hilfe der Sehprothese die Grenze überschritten hatte, jenseits deren er rechtlich bezüglich der Sehschärfe nicht mehr als blind gilt", verkündete Zrenner jüngst stolz auf einem Fachkongress in Miami.

Finanzielle Unterstützung vom Bundesforschungsministerium

Vor 15 Jahren hatte das Team aus Physiologen, Ingenieuren, Chirurgen und Materialwissenschaftlern damit begonnen, nach technischen Behandlungsmöglichkeiten für Menschen zu suchen, deren Netzhautzellen nach und nach untergehen. Tausende Deutsche erblinden jedes Jahr wegen einer Netzhautdegeneration, sei es aus Altersgründen oder als Folge einer erblichen Krankheit. Zrenner: "Der Leidensdruck für diese Menschen ist riesengroß."

Doch nun gibt es Hoffnung, und sie hängt an rund 1500 Photozellen. Diese sind auf einem winzigen Mikrochip untergebracht, der nur drei mal drei Millimeter misst. "Unsere Erfindung ähnelt jenen Chips, die auch in Handykameras untergebracht sind", erklärt Walter Wrobel, Vorstandschef der Reutlinger Firma Retina Implant, die das Implantat auf den Markt bringen soll.

Finanziell unterstützt wird die Arbeit vom Bundesforschungsministerium sowie deutschen Unternehmern, die mit etlichen Millionen Euro in das Projekt eingestiegen sind. Das Geld fließt vor allem in die Entwicklung des Chips und die klinischen Studien. "Wir müssen das Material robust genug für den Einsatz im Körper machen", sagt Wrobel. Ein Überzug aus Plastik soll die Photozellen schützen gegen die salzhaltigen Körperflüssigkeiten. Der Sensor muss aber gleichzeitig klein genug sein, um die abgestorbenen lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut zu ersetzen. Wrobel: "Uns helfen dabei Erfahrungen aus der Entwicklung von Herzschrittmachern und Innenohrimplantaten."

Das Implantat wird gut vom Körper vertragen

Gleichwohl sind die Eingriffe im Auge kühne Pioniertaten. Bislang bei elf Patienten haben die Tübinger die Spezialchips eingesetzt. Der älteste war 57, der jüngste 26 Jahre alt. Lange hatten die Operateure an Schweinen geübt, erst danach trauten sie sich an den Menschen.

Zunächst saugten die Chirurgen die Flüssigkeit des Augeninnern aus. Von der Seite eröffneten sie die Aderhaut des Auges, nachdem sie das stark durchblutete Gewebe mit Hitze verödet hatten. Schließlich schoben sie den Chip samt Kabel zwischen Aderhaut und Netzhaut hindurch bis zu jenem Punkt vor, wo der Mensch am schärfsten sehen kann (siehe Grafik in der Fotostrecke).

"Das Implantat wird vom Körper gut vertragen", berichtet Zrenner, "bei keinem der Patienten haben wir ernsthafte Probleme wie Entzündungen beobachtet."

Die eigentliche Herausforderung beginnt erst drei, vier Tage nach der OP. Denn das Auge und das Gehirn müssen das Sehen erst wieder erlernen. Patient Miika kann sich noch gut an den Moment erinnern, als Zrenner den Sehchip angeknipst hat. "Plötzlich sah ich wieder scharfe Objekte vor mir", berichtet der Finne. Doch sie ergaben keinen Sinn. "Sie hüpften vor meinem Auge auf und ab."

Spezialbrille für Sehende

Zrenner war darüber nicht überrascht: "Das Auge muss erst einmal wieder im Einklang mit dem Gehirn schaffen, den Blick auf bestimmte Dinge zu richten."

Im Laufe mehrerer Stunden aber nahmen die Objekte, etwa Messer und Gabel, vertraute Formen an. Miika konnte sogar Schreibfehler in seinem Namen erkennen: in Buchstaben von etwa fünf bis acht Zentimeter Größe.

Schließlich führte Zrenner seinen Patienten in den großen Hörsaal des Uni-Klinikums, wo mehrere Medizinerkollegen bereits warteten. "Ich sah ihre Silhouette ganz deutlich", erinnert sich Miika. "Ich konnte sagen, wer von ihnen größer und wer kleiner war." Vorsichtig lief Miika auf die Personen zu - ohne den weißen Stock, den er gewöhnlich tragen muss.

Für Sehende hat Wrobel eigens eine Spezialbrille gebastelt, die anschaulich machen soll, was ehemals Blinde mit Hilfe des Sehchips wahrnehmen können. Das Bild ist winzig, grob und grau - doch für einen Blinden ist das eine neue, aufregende Welt.

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