Von Hosea Dutschke
Ich schreie wieder: "Rudi, sag doch was, möchtest du nicht etwas sagen, sagen, wo du bist ... Rudi, sag mir, wo du bist, damit ich zu dir kann ... Lieber Rudi, sag mir, wo du bist, damit ich dich zurückholen kann."
Er liegt leblos und nackt vor mir. Ich schaue ihn an. Sein langes, schwarzes Haar ist grau geworden, vollkommen glatt, und legt sich um seinen Kopf. Einige Haare hängen in seine Augen. Ich streiche sie vorsichtig zur Seite.
Die Augen lächeln mich an. Seine Arme, die mich eben noch durch das Zimmer geschleudert haben und voller Leben waren, liegen schief auf dem hellen Terrazzoboden. Ich nehme den linken Arm und lege die Hand auf seine Brust. Der Brustkorb bewegt sich nicht.
Ich lege trotzdem mein Ohr auf das Herz und lausche mit schwacher Hoffnung. Nehme den rechten Arm und lege ihn auf sein Herz. Der Körper ist tot. Die Härchen auf den Armen, die früher in alle Richtungen kräftig nach oben standen, liegen vollständig flach über der Haut.
Die Haare sind klatschnass und kleben wie Schleim auf seiner Haut, die so kalt ist. Ich lecke sie sauber und trocken.
Der Todeskuss, der ihn für ewig wegschickt.
Ich lecke und lecke, und er wird ganz warm. Das Licht verschwindet für einen kurzen Augenblick. Ich sehe ihn lächeln, und er sieht mich sanft an. Ich höre ihn sagen:
"Du musst loslassen. Wir sehen uns wieder, wenn es so weit ist. Lebe dein Leben. Schuld belastet. Schuld erzeugt Trauer. Ich vergebe dir."
Wir küssen uns. Kalt gegen warm. Weich gegen hart. Jung gegen alt. Nass gegen kalt. Vater gegen Sohn. Sohn gegen Vater. Er gibt mir den Kuss der Liebe. Ich gebe ihm den Todeskuss, der ihn für ewig wegschickt.
Die Tür geht auf, und ich werde ihn in seiner Fleischlichkeit nie wieder sehen.
Es ist still in der Wohnung. Wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, gehen durch den Park in der Nähe unserer Wohnung. Dort, wo mein Vater immer mit seinen Turnschuhen lief. Der Klang war so dumpf und rund. Wir halten uns an den Händen.
Wir sehen das blaue Blinken von der Straße und hören die durchdringenden Geräusche der Sirenen. Der Weihnachtsbaum steht am Fenster, und das Blaulicht trifft auf die Kerzen am Baum, die heruntergebrannt sind.
Ich glaube an dich. Hilf uns.
Wir stehen in einem dunklen Zimmer, vielleicht ist es unser Zimmer, vielleicht liegen wir unter dem Bett. Ein grünes Licht breitet sich unangenehm aus dem Badezimmer aus, unsere Gesichter leuchten in der Dunkelheit schwach grün. Ich höre unterdrückte Männerrufe aus dem Badezimmer. Die Notärzte kämpfen im Badezimmer. Die Wiederbelebungsgeräte sind im Einsatz. Das Geräusch von Luft, die ein- und ausgeatmet wird, ein und aus, ein und aus, immer wieder.
Meine Mutter schreit klagend: "Macht weiter, versucht es weiter. Ihr sollt weitermachen." Sie fängt an zu weinen, während sie mit schwächer werdender Stimme ruft: "Weiter, weiter." Die Notärzte sagen, dass es keinen Sinn mehr hat, er kommt nicht wieder zurück.
Das grüne Licht verschwindet. Die Sirenen und Blaulichter verschwinden, und ich werde von völliger Dunkelheit verschluckt. Ich bin in einem Zimmer, zusammen mit meiner Schwester. Ich blicke an die Decke, während wir uns an den Händen halten und einander umarmen.
Zum ersten Mal in meinem Leben bete ich.
Ich glaube an dich. Hilf uns. Meine Schwester weint lange und schluchzt leise. Bist du da? Vergiss uns nicht. Ich halte die Hand meiner Schwester ganz fest. Und bete weiter.
Wir sitzen schweigend. Meine Schwester und ich.
Lieber Gott im Himmel hinter den Wolken. Rette unseren Vater. Blase deinen lebendigen Atem in sein müdes Gesicht. Dann werden wir bis in alle Ewigkeit an dich glauben und dir zutiefst dankbar sein. Amen.
Die Notärzte räumen ihre Sachen zusammen. Die Sauerstoffgeräte sind abgestellt. Die Herzmassage ist vorbei. Die Mund-zu-Mund-Beatmung abgeschlossen. Das Licht blinkt von der Straße in Rot und Blau, wie ein Leuchtturm über dem dunklen Meer.
Wir sitzen schweigend. Meine Schwester und ich. Die Geräusche sind verschwunden, und wir sitzen einfach nur da. Ich verstecke mich. Mein Vater ist weg.
In den nächsten Tagen bin ich viel weg. Wir fahren nach Berlin, wo mein Vater beerdigt werden soll. Ich verstecke mich, damit mein Vater nicht beerdigt werden kann. Meine Mutter findet mich. Bei der Beerdigung drängen sich Tausende von Menschen.
Ich bin auch da. Ich erinnere mich nur an das leere Grab, das große, dunkle Loch und den Sand, den ich auf den Sarg werfe. Ich erinnere mich nicht daran, was mit all den Geschenken war und wann wir sie ausgepackt haben. Ich habe meinen Intercity von Märklin bekommen. Er ist gelb. Ich habe ihn immer noch, auch wenn er ein wenig ramponiert ist. Heute spielt mein Sohn damit.
Ganz allein. Niemand kann mich sehen.
Ein Jahr später sah ich meinen Vater zum letzten Mal. Es ist auf einer Skipiste in Norwegen. Ich rase wie ein Besessener die schwarzen Pisten hinab. Ich nutze meine ganze Technik, die ich gelernt habe. In die Knie gehen, die Hüften einsetzen.
Ich wedele von Seite zu Seite, ohne zu bremsen, überhole alle anderen - viele rufen. Ich hole ihn für einen kurzen Augenblick ein. Wir lächeln uns zu. Ich falle wieder etwas zurück, aber ich setze alle meine Kraft und mein ganzes Können ein und hole ihn wieder ein. Er lächelt. Ich lächle zurück.
Doch je mehr er lächelt, desto langsamer werden meine Skier. Schließlich bleibe ich stehen und schaue nur dem schwarzen Schatten hinterher, der hinter dem Hügelkamm verschwindet. Ich rase hinter ihm her, aber er ist und bleibt verschwunden.
Ich stehe lange auf der Piste. Ganz allein. Niemand kann mich sehen. Ich friere nicht, habe eine Schale um mich herum. Eine Schale, die mich vor dem Tod schützt, vor dem Leben, vor den Gefühlen. Mein Leben. Ich spüre aber noch etwas anderes. Ich schaue in den Himmel und weiß, dass er immer bei mir ist. Der Tod bringt uns wieder zusammen. Irgendwann. Ich weiß, er ist tot. Und ich weiß, dass ich geboren wurde, um zu sterben. Aber auch, dass ich mein Leben ganz leben soll.
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