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Ausgabe 52/2009
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Eine Meldung und ihre Geschichte Pavels letzter Schuss

Wie eine Frau ihrem Mann bis in den Tod folgen wollte.

Am frühen Nachmittag müht sich der tschechische Strafverteidiger Kolja Kubícek in seinem silberfarbenen Mercedes durch den Verkehr in der Prager Innenstadt. Kubícek war gerade noch im Gerichtsgebäude, im Stadtteil Modrany, jetzt will er zurück in seine Kanzlei, er hat es nicht eilig.

Kubícek ist Anfang sechzig, grau, freundlich, elegant. In Tschechien wird er als eine Art Berühmtheit gesehen, bekannt dafür, vor allem die schweren, scheinbar aussichtslosen Fälle zu übernehmen: die Verteidigung von Milos Jakes etwa, des letzten kommunistischen Generalsekretärs.

Er hat inzwischen das Radio aufgedreht, jetzt kommen die Nachrichten: In der Stadt Pilsen, eine Autostunde von Prag entfernt, hört Kubícek, hat eine Frau einen Gefangenentransport überfallen, ihren Mann befreit, das Paar ist auf der Flucht.

Da hat es Kolja Kubícek plötzlich sehr eilig.

Etwa zur selben Zeit lenkt Dagmar Tauchenová ihren blauen Skoda Fabia quer durch Böhmen. Polizeisperren auf vielen Straßen, Hubschrauber sind in der Luft. Dagmar ist eine zierliche Frau, 28 Jahre alt, brünett, hübsch, gelernte Krankenschwester. Neben ihr sitzt ihr Mann. Er heißt Pavel, 14 Jahre älter; seine Hände sind mit Handschellen gefesselt, die Handschellen zusätzlich an einen Ledergürtel geschlossen.

Als Kubícek seine Kanzlei erreicht, erfährt er, dass Pavel Tauchen am Vormittag wegen Ohrenschmerzen aus dem Gefängnis Pilsen-Bory in das nahe Fakultätskrankenhaus gebracht worden war. Als er von drei Bewachern aus dem Behandlungszimmer geführt wurde, ist, versteckt hinter einem Pfeiler, plötzlich eine zierliche Frau hervorgesprungen, sie trug eine Zöpfchenperücke. Die Frau streckte den Beamten eine Pistole entgegen, dabei sprach sie höflich: "Meine Herren, lassen sie meinen Mann los."

Pavel und Dagmar rannten zum Ausgang. Sie hatte eine Tür in der Mauer um das Krankenhaus präpariert, das Fluchtauto stand bereit. Als die Wachleute sie verfolgen wollten, schoss Dagmar auf dem Parkplatz in die Luft, mit einer Gaspistole.

Der Rechtsanwalt Kolja Kubícek weiß, dass er diesen Fall übernehmen wird. Kubícek ist ein ehemaliger Polizist; im Jahr 1969, ein Jahr nach dem Prager Frühling, wurde Kubícek vom kommunistischen Regime geschasst. Er floh nach München, studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwalt 13 Jahre in Deutschland, kehrte nach der Wende nach Prag zurück.

Pavel Tauchen wuchs auf im Dorf Hajany, hundert Einwohner. Er hätte vielleicht Bauer werden können oder Handwerker; er wurde Tresorknacker.

Wahrscheinlich 1995 lernten Pavel und Dagmar sich kennen, der Tresorknacker und das naive Mädchen, bald heirateten sie. Damit beginnt für Dagmar eine verzweifelte, unerfüllte Liebe. Bereits zwei Jahre später, 1999, wird Pavel gefasst, muss für acht Jahre ins Gefängnis. Dagmar lässt keinen Besuchstermin aus. Sie arbeitet als Zimmermädchen im vornehmen Prager Four-Seasons-Hotel an der Moldau, hier kann sie mehr verdienen denn als Krankenschwester.

2007 kommt Pavel nach Hause; zwei Jahre später, 2009, wird er wieder eingebuchtet. Dagmar beginnt sofort, seine Flucht zu planen. Pavel, so erzählt es der Anwalt Kubícek, habe damals gezögert, Dagmar habe gedrängt.

Etwa 24 Stunden nach dem Entkommen erreicht das Paar Pavels Heimatort Hajany, sie verstecken sich in einem Fichtenwald, der auf einer Anhöhe über dem Dorf liegt. Ein Feldweg schlängelt sich nach unten, vorbei an ein paar Weiden. Das Haus von Pavels verstorbener Mutter, eine Kate mit angebauter Scheune, steht leer. Da ist der Garten mit ein paar verknurzelten Obstbäumen.

Tauchen ist mittlerweile die Handschellen los, er hat 600 Euro in der Hemdtasche und eine Pistole im Handschuhfach - wahrscheinlich unterwegs besorgt. Er hat ein Fernglas und beobachtet das Dorf, unschlüssig.

Warum wollte er hierher - weil es seine Heimat war, die er Dagmar zeigen wollte?

Als Pavel am Abend beschließt, sich ins Dorf zu wagen, bleibt sie bei ihm. Er fährt los, ohne Licht. Tauchen steuert um einen Polizeiwagen in der scharfen Kurve am Bach. Er kommt vom Feldweg ab, fährt den Skoda auf Feldsteinen auf, der Wagen sitzt fest, das nimmt ihm den letzten Mut.

Er reißt die Waffe hoch und schießt sich in den Kopf. Dagmar auf dem Beifahrersitz angelt sich die Pistole aus dem Fußraum, hält sie sich an die Schläfe und drückt ab. Aber sie hat Pech oder Glück, es löst sich kein Schuss.

Sie lässt die Waffe fallen, sagt sie später aus, springt aus dem Wagen, hastet auf den Wald zu, wahrscheinlich steht sie unter Schock. Sie will gehört haben, wie jemand hinter ihr brüllt: "Lasst die Hunde los!" - daran kann sie sich heute noch erinnern. Ein Schuss fällt, noch einer.

Sie stürzt. Dunkelheit.

Sie wacht auf der Intensivstation des Pilsener Fakultätskrankenhauses in der Svoboda-Allee auf, mit durchschossener Hand, zerfetzter Lunge. Zwei Polizeikugeln haben sie getroffen. Der Rechtsanwalt Kolja Kubícek besucht sie auf der Intensivstation zum ersten Mal, er fragt, ob er ihr etwas mitbringen könne. "Zyankali", sagt sie.

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