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Ausgabe 52/2009
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19.12.2009
 

Bodenschätze

Der Traum von Aynak

Von Christian Neef

Armes Afghanistan? Das Land besitzt riesige Erzvorkommen, die es endlich zu Geld machen will. Die Bieterschlacht läuft, China ist bislang der größte Profiteur. Aber wohin fließt der Gewinn?


Dieser trostlose Berg soll 80 Milliarden Dollar wert sein? Es ist ein Berg wie jeder andere in Afghanistan: kein Baum, kein Strauch, nur gelbbraunes Geröll.

Aber oben steht ein Zelt, so wie auf den anderen Bergkuppen auch, davor wachen Soldaten mit Geschützen. Und die Hänge sind mit roten und weißen Fähnchen markiert, den Zeichen der Minensucher - Rot steht für Gefahr, die weißmarkierten Flächen sind bereits geräumt.

Mit 1500 Soldaten, postiert in drei Sicherheitsringen, hält die afghanische Armee die Gegend rund um den Weiler Aynak in der Provinz Logar besetzt; die 17 Kilometer lange Schotterpiste, die von der Fernstraße Kabul-Gardez heraufführt, ist mit Checkpoints gespickt.

Grund zur Vorsicht gibt es genug, obwohl Aynak nicht mal 100 Kilometer von Kabul entfernt liegt. Da ist zum Beispiel dieser roh in den Stein gehauene Gang, der drei Kilometer tief ins Berginnere führt - und gleich am Eingang ein Bombentrichter: ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier lange Zeit ein Taliban-Lager war. Die Kämpfer haben ihren Unterschlupf nach starken US-Bombardements geräumt, aber die Provinz bleibt unsicheres Paschtunenland.

Im Juli explodierte vorn an der Fernstraße ein Lkw: 25 Menschen starben, darunter viele Kinder. Und zur Präsidentenwahl tauchten in den Dörfern ringsherum Flugblätter des berüchtigten Bürgerkriegsfeldherrn Gulbuddin Hekmatjar auf, zu dessen Machtbereich die Gegend noch immer gehört.

Aynak steht für Aufschwung, Wohlstand, Reichtum

Mag die Sicherheitslage unübersichtlich sein, der Präsident in Kabul nach der Wahl angeschlagen und der Talib sogar im Norden auf dem Vormarsch - Aynak steht für ein anderes Afghanistan. Für wirtschaftlichen Aufschwung, Wohlstand, Reichtum, also für all das, was im Moment niemand so recht mit dem Namen des Hindukuschlandes verbinden mag. "Aynak bietet die Möglichkeit, uns von der Armut zu befreien und nicht mehr auf die Gaben ausländischer Spender angewiesen zu sein", sagt Provinzgouverneur Atiqullah Lodin.

Aynak ist der Name der größten noch nicht erschlossenen Kupfermine der Welt. 700 Millionen Tonnen Erze sollen hier liegen, vor allem Malachit, mit einem Kupfergehalt, der höher ist als in den großen chilenischen Kupferminen. Aynak ist nicht nur das bedeutendste Bergbauvorhaben des Landes, das die Regierung trotz der politischen und militärischen Wirren in Angriff nimmt, sondern laut Bergbauminister Mohammed Ibrahim Adel "das größte Projekt in unserer Geschichte überhaupt". Mit seiner Verwirklichung beginne "die Wiedergeburt des Landes".

In Statistiken rangiert Afghanistan als eines der ärmsten Länder der Welt, auf gerade mal knapp zwölf Milliarden Dollar belief sich sein Bruttoinlandsprodukt 2008, dasjenige Deutschlands liegt 314mal darüber. Der Dauerkrieg am Hindukusch hat aber nur vergessen lassen, was seit Jahrzehnten als gesicherte Erkenntnis gilt: Das Land ist reich an Bodenschätzen.

Es gibt nicht einmal eine Eisenbahn

Neben Kupfer verfügt Afghanistan über Steinkohle in der Provinz Bamian, Öl und Erdgas im Norden bei Shibarghan, über Blei, Zink, Gold, Silber und Asbest, über Glimmer, Schwefel und Beryll und über die spektakuläre Eisenerzlagerstätte bei Hajigak, 130 Kilometer westlich von Kabul, die wohl größte in Asien überhaupt. Auch der weltweit bedeutendste Fundort von Lapislazuli liegt hier, in Badakhshan.

Genutzt werden bisher nur die Kohle von Bamian, das Gas von Shibarghan und der blaue Lapislazuli; die restlichen Vorkommen - oft in den sechziger und siebziger Jahren von sowjetischen Geologen entdeckt - schlummern den Dornröschenschlaf. Nicht nur der jahrzehntelange Bürgerkrieg, auch ihre ungünstige Lage verhinderte, die Schätze zu heben.

Die hochwertigen Eisenerze von Hajigak etwa, auf 1,8 Milliarden Tonnen geschätzt, liegen an einem 3700 Meter hohen Pass, aber wie könnte man sie wegschaffen, und überhaupt: wohin? Es gibt keine Hüttenwerke in Afghanistan, ja nicht einmal eine Eisenbahn und keinen Zugang zum Meer. Die einzige Bahnstrecke (die 1923 die Deutschen bauten) verband Kabul über fünf Kilometer hinweg mit dem Regierungssitz Darulaman, und selbst die ist inzwischen zerstört.

Die Kupfermine gehört bereits den Chinesen

Nun soll sich das ändern. Allein erschließen kann das Land seine Bodenschätze zwar noch immer nicht. Aber weil der Rohstoffhunger der Welt mit jedem Tag wächst, wird auch Afghanistan für internationale Konzerne attraktiv - obwohl noch immer nicht Frieden herrscht und die Regierung viele Distrikte nicht kontrolliert.

Demnächst wird entschieden, wer die Erzlager von Hajigak ausbeuten darf - ein Projekt, das inklusive des geplanten Stahlwerks und weiterer Anlagen bis zu 80.000 Afghanen Arbeit und dem Land bis zu eine Milliarde Dollar Jahreseinnahmen verschaffen soll. International ausgeschrieben sind auch zwei Gasfelder in der Provinz Jowzjan und ein Ölvorkommen in der Provinz Sar-i-Pul.

Die Kupfermine in der Provinz Logar gehört bereits den Chinesen.

Wer hinauffährt in die Einöde von Aynak, fühlt sich in amerikanische Goldgräberzeiten zurückversetzt, Aynak ist Afghanistans Klondike. Auf den Bergen ringsum hockt das Militär, unten im Tal aber errichten die Chinesen in fieberhafter Eile ihr Basislager. Mehr als 3000 afghanische Arbeiter sind bereits vor Ort, dazu 70 chinesische Ingenieure im orangefarbenen Einheitsoverall. Sie haben rund ums Camp einen gewaltigen Wall aus Stein und Beton errichtet, ein Dutzend Bürocontainer aufgestellt und Berge aus Bohrgestängen aufgeschichtet. Jetzt montieren sie gelbe, auf Raupenketten gesetzte Bohrtürme. Mit ihnen sollen Probebohrungen in 1500 Meter Tiefe vorgetrieben werden.

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