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Ausgabe 52/2009
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19.12.2009
 

Archäologie

Am Anfang war der Sud

Von Frank Thadeusz

Erfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben.


Der Sündenfall hat wohl nicht mit einem Apfel begonnen. Sehr viel wahrscheinlicher ließ eine Handvoll matschiger Feigen den Menschen vom rechten Weg abkommen.

Ein Bewohner der Vorzeit klaubte das Fallobst vom Boden auf und stopfte es arglos in den Mund. Angenehm breitete sich ein bittersüßes Aroma in seinem Gaumen aus. Dann mischte sich Alkohol in sein Blut. Seither funkte sein Hirn eine neue Botschaft: mehr davon!

Die ersten Begegnungen mit Alkohol in Form von vergorenem Obst ereigneten sich wohl noch eher zufällig. Doch einmal vertraut mit dessen Wirkung, setzte der Mensch für die regelmäßige Dröhnung alle Hebel in Bewegung, behauptet der Archäologe Patrick McGovern.

Das Streben nach einer gesicherten Versorgung mit alkoholischen Getränken gehörte offenkundig sehr viel früher als lange angenommen zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Gemeinschaft: Schon vor rund 9.000 Jahren, lange vor der Erfindung des Rads, rührten Bewohner des Steinzeitdorfs Jiahu in China bereits eine Art Met mit zehn Prozent Alkoholgehalt an, wie McGovern jüngst herausgefunden hat.

Spuren von prähistorischem Honigwein

Der Abkömmling trinkfester Iren untersuchte in seinem molekular-archäologischen Institut für "Kochkunst, fermentierte Getränke und Gesundheit" am University of Pennsylvania Museum Tonscherben, auf die Archäologen während Grabungen im Tal des Gelben Flusses gestoßen waren.

Der rauschebärtige Wissenschaftler gilt weltweit als Experte, wenn es darum geht, Spuren von alkoholischen Getränken an prähistorischen Fundstücken zu identifizieren. Die tönernen Überbleibsel aus Asien unterzog er der sogenannten Flüssigchromatografie mit Massenspektrometrie-Kopplung.

In den Poren der Tonsplitter entdeckte der Molekulararchäologe im Labor Reste von Weinsäure und Bienenwachs. Offenbar verrührten die Siedler im vorgeschichtlichen China Früchte und Honig zu einem berauschenden Sud.

Phytosterole weisen überdies auf wilden Reis hin; unbeleckt von chemischen Vorkenntnissen, speichelten die nach Rausch gierenden Vorzeitmenschen im Mund offenbar Reisklumpen ein, um so die Stärke im Getreide zu knacken und in Malzzucker umzuwandeln.

Die zerkauten Klumpen spuckten sie in die Maische. Oben auf der Brühe schwammen Spelzen und hefiger Schaum. Mit langen Strohhalmen saugten die Dürstenden den Trunk aus den dünnhalsigen Kannen. In einigen Gegenden Chinas wird bis heute auf diese Weise Alkohol verzehrt.

Eine süffige Überlebenshilfe

McGovern erkennt in der frühen Gärkunst eine weise Überlebensstrategie: "Energiereichen Zucker und Alkohol in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen Umgebung zu überleben."

Die neuesten Funde aus China fügen sich lückenlos in seine Beweiskette: Rasch verbreitete sich in der Jungsteinzeit demnach das Handwerk der Alkoholmischer an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Schamanen und Dorfalchimisten verquirlten Obst, Kräuter, Gewürze und Getreide so lange in Kübeln, bis daraus ein süffiges Gebräu entstand.

Damit jedoch begnügt sich McGovern nicht. Er geht noch viel weiter und versucht sich gar an einer Neudeutung der Menschheitsgeschichte (siehe Buchkasten links). Seine kühne These: Der Ackerbau und mithin die gesamte Neolithische Revolution, die vor rund 11.000 Jahren einsetzte, ist letztlich das Ergebnis des kaum hemmbaren Drangs nach Trunk und Rausch.

"Die vorhandenen Indizien deuten darauf hin, dass unsere Vorfahren in Asien, Mexiko und in Afrika Weizen, Reis, Mais, Gerste und Hirse vor allem kultivierten, um alkoholische Getränke zu produzieren", glaubt McGovern. Auf diese Weise habe sich Homo saufaus die nackte Existenz gesichert.

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insgesamt 15 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.01.2010 von 7353: wiege der zivilisation

Dies könnte genauso zutreffen,bzw ein weiterer Faktor in der Entwicklung des Menschen zur Kultur des Seßhaften und zum Feldbau hin sein, nicht zuletzt auch ein Faktor der Hierarchiebildung: Der Botaniker Prof. William A. Emboden [...] mehr...

23.12.2009 von isp: fragliche Interpretation - heute gibts viel mehr Gründe

---Zitat--- McGovern erkennt in der frühen Gärkunst eine weise Überlebensstrategie: "Energiereichen Zucker und Alkohol in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen [...] mehr...

23.12.2009 von klara43: Glaugbwürdigkeit

Falls seine Studie so fundiert ist wie seine pertrographischen Analysen, na dann gute Nacht! Ich traue keinem Wort, das er schreibt! mehr...

23.12.2009 von sylt1234: Am Anfang war das Bier

Zu diesem Thema möchte ich ein Buch von Prof. Reichholf empfehlen. Titel: Warum die Menschen seßhaft wurden. S.Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-062943-2 Ein tolles Interview mit ihm ist auf Spiegel online in der Rubrik dctp.tv [...] mehr...

23.12.2009 von scientist-on-hartz4: Alkohol desinfiziert

Einen wichtigen Grund hat McGovern bei seiner These des Bierbrauens übersehen. Alkoholische Getränke waren bis in die Neuzeit hinein, die einzige flüssige Nahrung, die frei von Krankheitserregern ist. Mochten die Flüsse und Bäche [...] mehr...

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Heft 52/2009 Wer hat den stärkeren Gott? Islam und Christentum - Der ewige Zwist

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Patrick E. McGovern:
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The Quest for Wine, Beer, and Other Alcoholic Beverages.

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