Von Frank Thadeusz
Lange schon bewegt Archäologen die Frage, ob zuerst Brot oder Bier vorhanden gewesen sei. McGovern vermutet, dass die Urahnen zunächst noch gar nicht in der Lage gewesen waren, das recht komplizierte Verfahren des Bierbrauens zu bewältigen. Das Brotbacken aber misslang ihnen erst recht, denn das wilde Getreide ist dafür denkbar ungeeignet.
Aufwendig mussten die Hungrigen erst die Spreu von den winzigen Körnern fummeln. Der Ertrag stand in keinem Verhältnis zur dafür nötigen Mühsal. Wenn überhaupt, backten die frühen Bäcker vermutlich kaum genießbare Stachelfladen, in denen als ungewünschte Beigabe reichlich Spelzen steckten.
Zunächst bereicherte deshalb vermutlich ein hybrides und doch nahrhaftes Gesöff - halb Fruchtwein, halb Met - den Speiseplan der Bauern. Hingebungsvoll widmeten sich die steinzeitlichen Saufkumpane der kostbaren Flüssigkeit. In der neolithischen Ausgrabungsstätte Hadschdschi Firus Tepe im Zagros-Gebirge in Nordwestiran entdeckte McGovern vorzeitliche Weinregale, in denen die luftdicht verschlossenen Karaffen lagerten. Ihren Trank veredelten die Dörfler mit dem Harz der Atlantischen Pistazie. Die Beigabe versprach heilende Wirkung, etwa bei Infektionen, und wurde von Maladen als frühes Antibiotikum eingenommen.
Geheimnisvolle Kerben in Weingefäßen
Die Bewohner der Ortschaft lebten komfortabel in geräumigen Hütten aus Lehmziegeln. In den Küchen fast aller Behausungen stießen der US-Forscher und sein Trupp auf die Überreste von Weingefäßen. "Das Trinken im Dorf war kein Privileg der Reichen", glaubt McGovern. Auch die Frauen kippten reichlich mit.
Ausgerechnet in Gefäßen aus Iran, wo heutzutage der Genuss von Alkohol mit Peitschenhieben geahndet wird, sichtete der Amerikaner die erste vorzeitliche Bierquelle. Zunächst rätselte er über den Zweck von dickbauchigen Gefäßen mit breiter Öffnung aus der prähistorischen Siedlung Godin Tepe. Die bekannten Weingefäße hingegen besaßen einen eher kleinen Ausguss.
Ratlos war McGovern auch angesichts kreuz und quer in den Boden der Behältnisse geritzter Kerben. War er einer geheimnisvollen Inschrift auf der Spur?
Im Labor isolierte der Gelehrte dann jedoch Calciumoxalat: Brauer kennen den Stoff als ungeliebtes Nebenprodukt der Bierherstellung. Heute filtern Brauereien die Kristalle problemlos aus dem Getränk heraus. Ihre findigen Vorreiter um 3.500 vor Christus hatten die Kerben in die 50-Liter-Kannen geritzt, damit sich die winzigen Steine dort festsetzen konnten: McGovern war auf die ersten Bierpullen der Menschheit gestoßen.
Moderater Alkoholkonsum als Vorteil
Auf nahe der Ortschaft gelegenen Feldern ernteten die Urbauern Gerste, die sie mit Basaltgestein zerstampften. Das gemahlene Getreide verbrauten sie zu einer beachtlichen Fülle an Sorten. Die Einwohner Godin Tepes delektierten sich an karamellsüßem Dunkelbier, bernsteinfarbenem Pils und süffigem Export.
Etwa zur gleichen Zeit huldigten die Sumerer der Fruchtbarkeitsgöttin Nin-Harra, die ihnen als Erfinderin des Bieres galt. Ihr zu Ehren kritzelten die Schöpfer der mesopotamischen Hochkultur eine Anleitung zum Bierbrauen auf kleine Tontafeln. Grundzutat ihres Bieres war Emmer, eine Getreideart, die inzwischen beinahe gänzlich verschwunden ist.
In den Biertrinkern der Frühzeit vollendete sich jenes Menschheitsprojekt, das torkelnde Hominiden auf der Streuobstwiese angestoßen hatten. "Für unsere frühen Vorfahren war moderater Alkoholkonsum von Vorteil, und sie haben sich biologisch daran angepasst", spekuliert McGovern.
Dieses Erbe lastet bis heute auf den Menschen. Der Autor selbst sieht sich in dieser Hinsicht immerhin einigermaßen im Lot: Einerseits waren es seine Vorfahren, die McGoverns, die den ersten Pub in ihrer Heimatstadt Mitchell in South Dakota eröffneten. Andererseits stammt ein besonders sittenstrenger Zweig der Familie aus Norwegen - und der lehnte jeglichen Alkoholkonsum strikt ab.
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