Von Maik Großekathöfer
Mit 14 schickte Clay eine DVD mit seinen besten Ritten an den Surfausrüster Quiksilver. Die Manager dort hatten einen wie ihn noch nie gesehen, ein Naturphänomen, sie nahmen ihn unter Vertrag. Am Anfang lief alles nach Plan, 2005 gewann Clay das größte Amateurturnier der USA. Dann fingen die Probleme an.
Jamie Tierney arbeitet als Marketingdirektor bei Quiksilver, ein großer Mann mit runder Brille und Bermudahose mit Tarnflecken. Er humpelt an den Tisch, er hat sich vor ein paar Tagen beim Surfen an einer Koralle den Fuß verletzt. Er setzt sich, bestellt Kaffee und erzählt, wie er Clay in Australien kennengelernt hat, im Dezember 2006.
"Wir saßen beim Essen, Clay hat kein Wort gesagt, er guckte nur auf den Teller, plötzlich stand er auf, ging zu einer Bank, legte sich hin, schloss die Augen und klopfte leise gegen die Lehne. Ich habe gedacht, er ist bekifft."
Tierney wollte einen Werbespot mit ihm drehen, für eine neue, neonpinke Surfhose. Die Kamera lief. "Sie könnte etwas länger sein", sagte Clay. "Vielleicht auch aus besserem Material. Und die Farbe mag ich nicht."
Der Ausbruch des Vulkans
Clay muss nun viel reisen, das ist die Hölle für ihn. Bevor er die Koffer packt, ist ihm jedes Mal übel. In Mexiko verliert er seinen Reisepass, auf den Philippinen das Gepäck, und als in Indonesien ein Flug gestrichen wird, hängt er fünf Tage auf dem Flughafen rum, ist völlig hilflos, ruft ständig seine Mutter an, telefoniert für tausend Dollar.
Tierney fällt auf, dass Clay die Kontrolle verliert, wenn zu viel auf ihn einstürmt, Journalisten, Fotografen, Fans. Clay schreit dann, wirft sein Surfbrett durch die Gegend, boxt gegen die Wand. Ein Vulkan bricht aus. Danach liegt er wie depressiv im Bett.
"Ich habe beobachtet, dass er sich verändert, sobald er im Wasser ist", sagt Tierney. "Dann ist er total entspannt, das reinste Talent, das ich je gesehen habe. Man kann die Befreiung spüren, wenn er surft."
Endlich die richtige Diagnose
Tierneys Eltern sind Psychologen, er selber hat schon mit autistischen Kindern gearbeitet, "ich war mir irgendwann sicher, dass er Asperger hat". Er ruft Clays Mutter an.
Jill Marzo lässt ihren Sohn ein letztes Mal untersuchen, im Dezember 2007. Der Test dauert drei Tage, Clay muss Fragen beantworten, schriftlich und mündlich, die Mediziner stecken ihn in eine Druckkammer, sie messen die Gehirnströme, prüfen, welche Hirnregionen überstimuliert sind und welche weniger aktiv. Das Ergebnis ist eindeutig.
"Es war eine Erlösung, endlich zu wissen, was mit Clay los ist", sagt Jill.
Alle zwei Wochen geht er seitdem zu einer Therapeutin. Sie gibt ihm Tipps, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten soll, sie versucht, ihm seine Ängste zu nehmen und ihn von der Paranoia zu befreien, er sei wertlos. Sein letzter Nervenzusammenbruch ist fast ein Jahr her.
Herausforderung statt Gewinnen
Im August hat Clay zum ersten Mal einen Wettbewerb bei den Profis gewonnen, wahrscheinlich hat sich sein Agent darüber mehr gefreut als er. Clay macht sich nicht viel aus Turnieren.
Das Publikum am Strand verunsichert ihn, und er hasst es, gegen seine Konkurrenten um die beste Welle zu paddeln. Er begreift auch nicht, dass Strategie nötig ist, um zu siegen. Es ist schon vorgekommen, dass er nur noch einen Punkt brauchte, um eine Runde weiterzukommen, er hätte bloß auf sein Brett steigen und an den Strand fahren müssen. Aber das ist keine Herausforderung für ihn. Lieber wartete er auf eine gute Welle, auf der er spektakulär reiten könnte. Die Zeit verstrich, und er schied aus.
"Clay, warum sind dir Turniere gleichgültig?"
"Sie haben mit wahrem Surfen nichts zu tun."
Ihn interessiert das pure Erleben der Welle, die triebhafte Freude am Spielen mit dem Wasser.
"Clay hat das Potential, Weltmeister zu werden", sagt Jamie Tierney. "Aber um welchen Preis? Er soll sich nicht mies fühlen, nur weil er sich anpassen muss. Das Wichtigste für Clay ist, glücklich zu sein."
"Wellen sind Geschenke von Gott."
Clay Marzo steht jetzt am Hafen von Lahaina, gleich legt die Fähre nach Lanai ab, die Dünung ist vielversprechend. Er hat sein Brett dabei und einen Schlafsack, er will heute Nacht am Strand campen.
"Clay, noch einmal: Wie fühlt es sich an, wenn du durch einen Tunnel surfst?"
Er guckt aufs Meer, bewegt sich nicht, der Mund nur ein Strich.
"Clay?"
"Es ist, als wäre ich bei jemandem im Rachen, der hustet und mich ausspuckt."
"Was bedeuten dir Wellen?"
"Wellen sind Geschenke von Gott."
Dann geht er auf die Fähre. Wenn die Wellen nicht zu ihm kommen, kommt er eben zu ihnen.
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