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Ausgabe 53/2009
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28.12.2009
 

Iran

"Das Regime wird stürzen"

Von Erich Follath

Iran: "Das Regime wird stürzen"
Fotos
DPA

Der in den USA lehrende Theologe und Philosoph Mohsen Kadiwar, 50, über die Chancen des nationalen Widerstands nach dem Tod seines Freundes und Lehrers Hossein Ali Montaseri.

SPIEGEL: Ajatollah Kadiwar, was hat Ihnen Hossein Ali Montaseri bedeutet, welche Rolle spielte er für das iranische Volk?

Kadiwar: Er war mein Lehrer, mein spiritueller Führer, mein Vater - der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich habe als junger Mann bei ihm studiert, als er Stellvertreter des Revolutionsführers war, und ich habe ihn für seinen Kampf an der Seite Chomeinis bewundert - aber dann auch für seine aufrichtige Kritik an ihm. Ich habe geweint, als Chomeini ihn verstoßen hat. Für Iran war Großajatollah Montaseri eine wahre Lichtgestalt und zuletzt ein geistiger Lenker der grünen Opposition.

SPIEGEL: Die Machthaber verhinderten eine unabhängige Berichterstattung über das Begräbnis. Es war von Provokationen, von Ausschreitungen die Rede. Was passierte wirklich vergangenen Montag in Ghom?

Kadiwar: Meine Verwandten waren Teil des Trauerzugs, der Hunderttausende Menschen umfasste, auch ein Neffe Chomeinis war dabei. Von ihnen weiß ich, dass die Bassidsch-Milizen versuchten, die friedlich Trauernden zu Gewalt zu provozieren. Die aber taten ihnen diesen Gefallen nicht. Allerdings riefen sie Slogans, wie sie in Ghom, der konservativsten iranischen Stadt, noch nie zu hören waren: "Tod dem Diktator! Unser Führer ist unsere Schande!" Die Leute waren an diesem Tag besonders ärgerlich auf den obersten religiösen Führer, Ali Chamenei.

SPIEGEL: Warum?

Kadiwar: Chamenei sprach in seiner Trauerbotschaft davon, Montaseri hätte an einem entscheidenden Punkt seines Lebens versagt - jeder wusste, dass die Auseinandersetzung mit dem Gründer der Islamischen Republik gemeint war. Chamenei sprach nicht in "Ich"-Form, sondern in "Wir-Form", so, als wäre er Allahs Stimme. Das stieß die Menschen ab. Denn wer an welchem Wendepunkt der Islamischen Republik versagt habe - das, sagten die Trauernden, könne nur Gott entscheiden. Und Chamenei ist nicht Gott.

SPIEGEL: Montaseri ist es in den vergangenen Monaten gelungen, den religiösen und den säkularen Flügel der Opposition zu einigen. Hat sein Tod die Dissidentenbewegung nicht geschwächt?

Kadiwar: Ganz im Gegenteil, die Trauer festigt die oppositionelle Entschlossenheit nur noch. Das schiitische Aschura-Fest, bei dem es ja symbolisch um die Gerechtigkeit geht, gibt dem Protest weiteren Rückenwind. Diese traditionelle Feier, die mit dem wichtigen siebten Tag nach dem Tod Montaseris zusammenfällt, können die Machthaber nicht verbieten.

SPIEGEL: Erwarten Sie eine weitere Verschärfung der staatlichen Repression? Wird die Regierung es wagen, die Oppositionspolitiker Mir Hossein Mussawi und Mahdi Karrubi zu verhaften?

Kadiwar: Auszuschließen ist das nicht, wobei die Regierenden vor jeder Eskalation Angst haben. Und das völlig zu Recht. Denn die nächste Stufe könnte die offene Rebellion sein. Noch ist es nicht so weit. Noch besteht die Chance auf eine friedliche Reform des Staatswesens.

SPIEGEL: Wirklich? Ist Iran nicht längst auf dem Weg in eine religiös gefärbte Militärdiktatur?

Kadiwar: Sie haben recht, der schiitische Gottesstaat in seiner bisherigen Form ist gescheitert - was ja keiner so unmissverständlich ausgesprochen hat wie mein Lehrer in den vergangenen Monaten. Übrigens hatte Großajatollah Montaseri schon bei seinem Zerwürfnis mit Chomeini drei Monate vor dessen Tod 1989 gesagt: Dieser Staat ist so ganz anders als der, den wir uns erträumt, auf den wir hingearbeitet haben. Aber versagt hat nicht der Islam, sondern eine besondere Interpretation des Islam.

SPIEGEL: Das sagen Sie. Wollen nicht viele junge Leute etwas ganz anderes, einen von individuellen Freiheiten geprägten demokratischen Staat Iran?

Kadiwar: Sicher wollen das einige, wie viele, das weiß ich nicht. Noch haben wir in Iran keine Revolution. Allerdings wird die Opposition bei der Formulierung ihrer Ziele immer klarer, immer waghalsiger. Und trotzdem: Wir sollten Geduld haben. Ich weiß nicht, wann genau, aber ich bin überzeugt: Das Regime wird stürzen.

SPIEGEL: Kann der Westen etwas tun, um einen demokratischen Reformprozess zu unterstützen?

Kadiwar: Verschärfte Sanktionen sind nicht der richtige Weg. Sie treffen die Bevölkerung härter als die Regierenden. Einen militärischen Angriff ...

SPIEGEL: ... wie ihn die Israelis gegen die iranischen Atomanlagen erwägen und wie ihn die Amerikaner nicht ausschließen wollen ...

Kadiwar: ... lehne ich entschieden ab. Vielleicht sollte das westliche Ausland aufhören, die Regierung Ahmadinedschad als legitime Regierung Irans zu behandeln. Und ansonsten: Die Reformen müssen von innen her angeschoben werden.

SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer iranischen Wohnung noch das Bild Chomeinis an der Wand?

Kadiwar: Das Chomeini-Bild habe ich längst abgehängt, allerdings auch kein Foto meines Vorbilds Montaseri aufgehängt. Da prangt nun ein Koranvers - Gott ist größer als jeder Mensch.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Erich Follath

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12.01.2010 von Hallo Pinoccio:

Meinen Sie wirklich, dass eine iranische Bombe kein Problem mehr wäre, gäbe es eine andere Regierung? SAgen wir unter Moussawi oder wem auch immer? Ich schätze, unter welcher Regierung auch immer - eine iranische Bombe könnte [...] mehr...

12.01.2010 von Hallo Pinoccio:

Kein Land, kein Volk hat so eine Führung verdient. Ich glaube, dass vielen, die bislang eher unpolitisch waren in jüngster Zeit mehr oder weniger gewaltsam die Augen geöffnet wurden. Man kennt das ja, solange es einem selbst [...] mehr...

12.01.2010 von sayada.b.:

Ja, klar! "Wären selbst die Chinesen..." heißt ja auch nicht, daß sie es sind - nicht wahr?! ;-) Klar denken die nur an sich, anders sind die Russen da wohl ebenfalls nicht einzuschätzen, leider! Aber so lange [...] mehr...

12.01.2010 von sayada.b.:

Ja, schrieb ich was anderes? "Wären selbst die Chinesen..." heißt ja nicht, daß sie es sind - nicht wahr;-) Klar denken die nur an sich, anders sind die Russen da wohl ebenfalls nicht einzuschätzen, leider! Aber so [...] mehr...

12.01.2010 von sayada.b.:

Ja, schrieb ich was anderes??? "Wären selbst die Chinesen..." heißt ja nicht, daß sie es sind - nicht wahr;-) Klar denken die nur an sich, anders sind die Russen da wohl ebenfalls nicht einzuschätzen, leider! Aber [...] mehr...

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DER SPIEGEL

Heft 53/2009 Hurra, wir leben noch... Arbeit∙Konjunktur∙Schulden - Die SPIEGEL-Prognose 2010
DPA
Mohsen Kadiwar, 50, stammt aus dem iranischen Fasa. Er hat unter Großajatollah Hossein Ali Montaseri islamisches Recht und islamische Philosophie studiert und am Lehrerkollegium in Ghom unterrichtet. Ende der 1990er geriet er wegen seiner Kritik an der Auslegung des Korans mit dem Regime in Teheran in Konflikt und wurde 1999 zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Kadiwar gilt seither als einer der wichtigsten geistlichen Kritiker des iranischen Systems. Zurzeit lehrt er als Gastprofessor an der privaten Duke University im US-amerikanischen Durham.

Irans Atomprogramm

Streit

AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen

Geschichte

Sanktionen

Nahost

Personen

Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung


Chronik

Aufstieg von Mohammed Resa

AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.

Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution

Phase der Islamisierung

Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad

Republik Iran

Land

REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.

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