Von Matthias Schulz
Gut 5000 Objekte holte er aus den vier Totenkammern: Möbel, Parfumdosen, Fliegenklatschen und Straußenfedern - ein einziger Traum aus Jaspis, Lapislazuli und Türkis. Selbst ein Zeremonienstab, verziert mit Käferflügeln, kam zum Vorschein.
Jäh hoben die "unerhörten Reichtümer" (Carter) einen bis dahin nahezu unbekannten König ans Licht: Tutanchamun, um 1340 vor Christus geboren, bestieg bereits als Kind den Thron. Eine Statue zeigt ihn mit Pausbacken und zartem Gesicht. Später heiratete er seine ältere Schwester und zeugte mit ihr zwei Kinder - beides Frühgeburten. Die Föten fand man verstaut in prachtvollen Särglein.
Schon mit etwa 18 Jahren starb der Monarch. Als passionierter Rennfahrer (im Grab lagen sechs seiner Streitwagen), der oft in der Ostwüste mit seinem Hund Strauße jagte, war er womöglich mit der Jagd-Kalesche gestürzt und an einer nachfolgenden Blutvergiftung verendet.
Bis heute ist die Neugierde an dem Herrscher mit der Kobra-Krone ungebrochen. In Hamburg läuft gerade eine Repliken-Ausstellung, die bereits 150 000 Menschen anzog. Nichts auch nur annähernd Vergleichbares ist je aus den Zeiten kulturellen Anbeginns hinübergerettet worden: 27 Handschuhe, 427 Pfeile, 12 Hocker, 69 Truhen, 34 Wurfhölzer - schon die schiere Menge an Beigaben ist atemberaubend.
Als Carter in die Kaverne eindrang, duftete sie noch nach Salböl. Auf den Särgen lagen Blaue Lotosblumen und Beeren des Nachtschattens.
Derlei Glanz strahlte auf den Entdecker ab. Carter wurde zum Ehrendoktor ernannt. US-Präsident Calvin Coolidge empfing ihn zum Tee. Horst Beinlich, Ägyptologe an der Universität Würzburg, hält ihn für einen "grundehrlichen Mann voller Idealismus".
Doch das stimmt offenbar nicht. Dokumente belegen, dass der Scherbenheld schummelte: Er manipulierte Fotos, fälschte die Funddokumentation und betrog die ägyptische Antikenbehörde.
Erst in Ansätzen ist der Machtkampf enthüllt, der sich nach der Entdeckung in der mit Pilzsporen belasteten Gruft zu entspinnen begann. Carter wollte möglichst viel an goldener Beute nach England und in die USA schieben. Dagegen regte sich bald Widerstand. Zwar war Ägypten seit 1914 britisches Protektorat. Doch die Antikenverwaltung des Landes lag in der Hand eines störrischen Franzosen.
Zugleich drängte der Staat nach nationaler Freiheit. Er stelle sich auf einen "höllischen Kampf" ein, notierte der Ausgräber 1923, als er mit dem sperrigen Minister Morcos Bey Hanna in Streit geriet.
Am Ende schlug der ganze Plan fehl: Das Erbe des goldenen Pharaos blieb in Kairo - Ende einer Ära rücksichtslosen Kulturgütertransfers. Carter und seine Leute gingen leer aus.
Aber nur offiziell. Unter der Hand griff das Team unerlaubt zu. In mehreren Museen sind jetzt Objekte enttarnt worden, die zum Schatz Tutanchamuns gehören.
Neuestes Beispiel ist ein kleiner Totendiener ("Uschebti") aus weißer Fayence, der im Louvre steht. Als der Ägyptologe Christian Loeben jüngst das Museum an der Seine besuchte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: "Auf der Statuette steht der Thronname Tutanchamuns", erklärt er, "sie kann nur aus seinem Grab stammen."
Auch in Kansas City wurde Verbotenes aufgespürt. Es handelt sich um zwei goldene Falkenköpfe. Eine Prüfung ergab, dass sie zu einem Halskragen gehören, der direkt auf der mit 20 Liter Salböl verklebten Haut der Mumie lag. Beim Abnehmen zerriss das Geschmeide. Carter sammelte den Bruch ein und schenkte ihn seinem Zahnarzt.
In Deutschland sind ebenfalls Tutanchamun-Objekte gestrandet. Ein sächsischer Museumsdirektor (der anonym bleiben will) gab dem SPIEGEL gegenüber zu, Besitzer von blauen Fayenceperlen zu sein: "Carter hatte sie beim Ausfegen der Grabräume eingesteckt und später seiner Sekretärin geschenkt."
Über ein Auktionshaus geriet er an die dubiose Ware.
Derlei Umgang mit fremdem Eigentum bestärkt einen Verdacht, den bereits in den siebziger Jahren der ehemalige Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, Thomas Hoving, erhob. Anhand interner Aktennotizen belegte er, dass Carter und sein Kompagnon - der englische Earl of Carnarvon - ungeniert lange Finger machten:
Auch Carnarvon selbst gierte nach Nachschub. Er wolle "ungestempeltes Zeug", also schwer identifizierbare Fundstücke ohne Namenskartuschen - das schrieb der Adlige am 22. Dezember 1922 von seinem Schloss Highclere in Richtung Theben.
Einmal wurde Carter beim Mogeln erwischt. Er hatte eine bemalte Büste des jungen Pharao ohne Registriernummer in einem Seitengelass verschwinden lassen. Kontrolleure entdeckten das "Meisterstück antiker Bildhauerkunst" (Hoving) in einer Weinkiste.
Der Brite redete sich heraus, der Skandal wurde nie publik.
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Jeder in Ägypten tätige Archäologe muß sich durch diesen Artikel in ein schlechtes Licht gestellt sehen. Indirekt wird unterstellt, das Archäologen generell es mit den Funden und Befunden nicht so genau nehmen und- und das ist das [...] mehr...
Aus Ihrem interessanten Beitrag wird leider nicht klar, was mit den im Artikel beschriebenen Gegenständen werden soll, wenn sie wirklich aus dem Tutanchamungrab entwendet wurden. Oder wollen Sie sich da nicht festlegen? [...] mehr...
Wieder mal ein Artikel im Spiegel, der nur zeigt, das populistisches Geschrei die Aufmerksamkeit dummer Leser erheischen soll. Es gibt zu Hauf entsprechend schlechte oder gar vollkommen unsinnige im Spiegel. Die Zeiten wirklich [...] mehr...
Genau so erging es doch auch bei der Plünderung und Schaffen ausser Landes von irakischen Heiligtümern und Relikten, nachdem die westlichen Invasoren sich der Tempel und Paläste von Saddam Hussein bemächtigt haben. Wie viele [...] mehr...
Als ich mir eben voller Interesse diesen Artikel ansah, bekam ich schon innerhalb der ersten 5 Absätze Kopfschmerzen. Wie kann man in einem solchen Blatt, einen solch schlecht recherchierten Artikel abdrucken? Jedem [...] mehr...
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