Von Matthias Schulz
Nach insgesamt vier Jahren war die Gruppe nur wenige Zentimeter von der Fundstelle entfernt. Plötzlich aber zog der Chef seine Leute ab und arbeitete woanders weiter.
Vieles spricht dafür, dass Carter schon zu diesem frühen Zeitpunkt den Eingang zum Grab aufgespürt hatte - und aus taktischen Gründen schwieg, um eine Trumpfkarte in der Hinterhand zu behalten (siehe Grafik).
Im Sommer 1922, als Carnarvon ihm den Geldhahn abdrehen wollte, ging es jedenfalls seltsam schnell. Carter bettelte um Finanzierung einer letzten Kampagne.
Kaum zurück in Theben, stürmte der Überlieferung zufolge ein Helfer ins Grabungszelt und meldete die Sensation: Man habe eine verschüttete Treppe entdeckt. Diese führte zu einer versiegelten Tür hinab.
Ein abgekartetes Spiel? Das jedenfalls behauptete ein Halbbruder Lord Carnarvons. Er gab an, Carter sei schon drei Monate vorher heimlich in die unterirdischen Kammern gekrochen.
Offiziell ging die Geschichte so weiter: Obwohl der Chef nach eigener Auskunft "fast überwältigt" war von dem Drang, den störenden Mauerpfropf sofort wegzuhämmern, hielt er inne und schüttete den Treppenabgang wieder zu.
Tags darauf, am 6. November 1922, telegrafierte er dem Earl: "Wunderbare Entdeckung im Tal gemacht; ein großartiges Grab mit unbeschädigten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft alles wieder zugedeckt. Gratuliere."
Dann wartete er - angeblich tatenlos - über zwei Wochen lang auf seinen kettenrauchenden Geldgeber.
Der eilte mit Schiff, Eisenbahn und Nildampfer Richtung Luxor. Zusammen mit Tochter Evelyn, damals 21, stieg er im mondänen Winter Palace Hotel ab und stürmte, kaum ausgeschlafen, hinüber zum alten Pharaonenfriedhof. Nun erst schlug man gemeinsam die versiegelte Tür auf (die bereits Einbruchspuren am Mörtel aufwies).
Dahinter lag ein Korridor, gefüllt mit Schutt.
Bis zum Nachmittag des 26. November schafften die Helfer das störende Geröll weg. Zum Vorschein kam eine weitere vermauerte Tür. Carter stemmte ein Guckloch in die Blockade und sah nun die "wunderbaren Dinge" der Vorkammer (siehe Grafik).
Immer wieder haben Buchautoren den "feierlichen Augenblick" beschworen, als die Ausgräber geblendet, verzaubert und scheu in den "Ort der Ewigkeit" blickten - und dennoch die Nerven behielten. Streng nach Vorschrift, so der Grabungsleiter, habe er innegehalten, um pflichtschuldigst den ägyptischen Generalinspekteur zu verständigen.
O-Ton Carter: "Wir hatten genug gesehen. Wir verstopften das Loch wieder."
Alles Lüge: Was damals wirklich geschah, ist einem (bis heute nicht veröffentlichten) Bericht Lord Carnarvons zu entnehmen, den er kurz vor seinem Tod verfasste. Statt artig zu warten, wie es das Reglement vorschrieb, zwängte sich der Trupp sofort durch den engen Spalt.
Mit Talglichtern und einer schwachen elektrischen Lampe gerieten die Eindringlinge zuerst in die 3,6 mal 8 Meter lange Vorkammer. In dem engen Verlies stapelten sich Goldbetten und schön geschnitzte Sessel. Spieltische und kostbare Vasen waren zu sehen. In eiförmigen Behältern lagen Speisen für den toten Pharao.
An den Pfosten vergoldeter Bahren prangten Tierfiguren, die im schwachen Kegel der Lampe wie Ungeheuer aussahen. Man schob Truhen herum, trampelte auf bröckeligen Bastkörben herum und steckte sich Parfumschatullen in die Tasche. Auch in der Seitenkammer wurden Kästen geöffnet.
Nur: Wo war die Mumie? Endlich entdeckten die Frevler einen weiteren zugemauerten Durchgang. Er war von zwei lebensgroßen schwarzen Schildwachen umrahmt. Obwohl ein Ertappen sie die Lizenz gekostet hätte, brach die Gruppe einige Steinblöcke aus der Tür. Alle zwängten sich durch.
Nun standen sie im Raum mit den vierfach ineinander gestapelten vergoldeten Holzschreinen, in denen sich vier weitere Särge befanden. Im Innersten von ihnen lag - mit einer Perlenkappe auf dem geschorenen Kopf - die Mumie. Carter rüttelte an der äußeren Tür, die Angel sprang knarrend auf. Erst als ihm ein neuerliches Siegel den Zugang versperrte, schauderte er und hielt inne.
Nach Stunden verließen die Verschwörer den unterirdischen Grabbau. Überwältigt und glückselig zugleich ritten sie im fahlen Mondlicht auf ihren Eseln heim und vereinbarten Stillschweigen. Nur Lady Evelyn machte in einem Brief eine Andeutung: Sie dankte Carter, dass er sie ins "Allerheiligste" geführt hatte.
Diese nächtliche Untat hat bis heute schlimme wissenschaftliche Auswirkungen. Niemand weiß, wie die Höhle im jungfräulichen Zustand wirklich aussah. Zwar verwies Carter immer wieder auf die Barbareien der antiken Diebe. Doch das Durcheinander könnte auch von ihm stammen.
Auf jeden Fall übertrieb er die Schäden. Bei den Weinkrügen seien die Siegel erbrochen gewesen, erklärte der Pionier. Nur: Wo sind dann die Reste dieser Siegel? Aus den Truhen seien Gegenstände gestohlen worden. "Doch das lässt sich anhand der angehefteten Inhaltsetiketten nicht belegen", sagt Loeben.
Auch die Behauptung, die Räuber hätten von den Wagen Goldfiguren abgerissen, hält er für Unsinn: "Derlei Zierrat gab es gar nicht."
So bleibt der Verdacht, dass der Entdecker gezielt trog und täuschte. Er wollte das Tut-Sanktuarium als geschändetes Grabmal darstellen. So hoffte er, gemäß Lizenzvertrag die Hälfte der Funde außer Landes schaffen zu können.
Dass die britischen Schatzsucher schließlich dennoch leer ausgingen, hängt mit Carnarvons frühem Tod im April 1923 zusammen. Dadurch erlosch die Grabungslizenz, und die Karten wurden neu gemischt. Selbst das US-Außenministerium griff damals (auf Carters Seite) in das politische und juristische Tauziehen um die Beute ein.
Am Ende gewannen die Ägypter. Carnarvons Erben erhielten nur 36.000 Pfund Entschädigung für die entstandenen Grabungskosten.
Dass der Antiquitätenhändler Howard Carter trotzdem keck Tut-Pretiosen abgriff und die 3300 Jahre alte Zaubergruft als Selbstbedienungsladen missbrauchte, lässt sich inzwischen kaum mehr leugnen. Die Details der Schummelei sind aber erst in Ansätzen gelüftet.
Und auch Carters Theorie von der großen Grabschändung im Altertum hat längst an Schlagkraft verloren. Immer klarer wird, dass seine Argumente auf Übertreibungen beruhen. Oft sind sie schierer Humbug.
So behauptete der schnurrbärtige Brite, er habe auf einem weißen Bogenkasten in der Gruft einen "Fußabdruck der letzten Eindringlinge" entdeckt.
Der Ägyptologe Krauss prüfte das entsprechende Beweisfoto aus den zwanziger Jahren. "Man sieht darauf in der Tat eine Fußspur", erklärt er, "sie stammt allerdings nicht von ägyptischen Sandalen, sondern von modernen Schuhen mit Absätzen."
Sein Verdacht: "Das könnten Howard Carters eigene Hacken sein."
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