Von Jörg Blech
Wie Gero Behrend ist auch er ein Mensch, der durch viel Nikotin und wenig Bewegung zum Fall für die Medizin wurde. In den Herzkranzgefäßen hat Schulze kalkhaltige Ablagerungen und Engstellen.
Die Buschmann-Therapie läuft so ab: Patient Schulze wartet auf einer Liege im Evangelischen Krankenhaus im Berliner Bezirk Lichtenberg darauf, dass es losgeht. Bis zum Bauch steckt er in einer dicken blauen Hose, in die drei Schläuche führen.
Medizinerin Buschmann drückt einen Knopf. Ein Brummen erfüllt den Raum, und jählings rollen Wellen durch Schulzes Körper: Zuerst zucken die Füße nach oben, dann die Oberschenkel, dann der Unterleib.
Wer den sich im Sekundentakt aufbäumenden und erschlaffenden Körper betrachtet, der muss unweigerlich an Folter denken - nur dass Holger Schulze ganz beseelt ausschaut: "Ich fühle mich, als ob ich in einem Jungbrunnen bade."
Die blaue Hose besteht aus aufblasbaren Manschetten, die - piff, paff, puff - segmentweise voll Luft gepumpt werden. Auf jeden Impuls hin wird das Blut aus den Beinen in Richtung Oberkörper gedrückt. Auf diese Weise wird körperliche Bewegung simuliert - und wie bei einem echten Waldlauf werden in Schulzes Gehirn Glückshormone ausgeschüttet.
Die guten Gefühle sind aber nur eine Nebenwirkung der "Herz-Hose", wie das Forscherehepaar Buschmann das seltsame Beinkleid nennt. Es geht hauptsächlich darum, die Schubkraft im Herzen zu erhöhen - um dadurch gezielt die Arteriogenese anzuregen.
Die Herz-Hose soll Anschubhilfe leisten
Sieben Wochen lang haben die Berliner Mediziner Schulze und 15 weitere Herzpatienten die Wonnen der Herz-Hose auskosten lassen, und zwar jeden Werktag eine Stunde lang. Nach der Hosen-Kur haben die Mediziner die Herzen der Probanden untersucht - und deutliche Hinweise auf sich bildende biologische Bypässe gefunden. "Die Leistung der Umgehungskreisläufe hat sich um 87 Prozent verbessert", analysiert Eva Buschmann.
Bei immerhin 6 der 16 Herz-Hosen-Patienten gingen die Krankheitssymptome zudem merklich zurück. Im Herzen von Holger Schulze etwa sind so viele Umgehungsarterien gewachsen, dass die bereits geplante Weitung einer Engstelle gar nicht mehr nötig ist. Um den Nutzen der Herz-Hose weiter zu dokumentieren, suchen Ivo Buschmann und seine Kollegen jetzt Teilnehmer für weitere Studien. An 300 Herzpatienten, aber auch an 250 Menschen mit arteriellen Verschlüssen in den Beinen sowie an 50 Personen mit verengten Gefäßen im Gehirn wollen sie das pulsierende Beinkleid testen. Allerdings verstehen die Ärzte die Herz-Hose (Stückkosten samt Pumpe: 90.000 Euro) keineswegs als Ersatz für körperliche Bewegung. "Sich von der Herz-Hose durcharbeiten lassen und dabei vorm Fernseher liegen - genau das möchten wir nicht", betont Ivo Buschmann. Dauerhaft könne das neuentwickelte Gerät allenfalls bei Patienten zum Einsatz kommen, die aufgrund von Amputationen und anderer Behinderungen nicht mehr laufen können.
Bei anderen Patienten soll die Herz-Hose lediglich Anschubhilfe leisten. Sobald die Arteriogenese in Schwung gekommen ist, sollen die Menschen die Schubkraft des Blutes selber erhöhen: durch regelmäßige körperliche Bewegung.
Die ist nämlich der beste Dünger für die Blutgefäße - der Marathonläufer und Kardiologe Christian Seiler vom Inselspital in Bern hat das im Selbstversuch nachgewiesen. Der drahtige Arzt, 53, lief über einen Zeitraum von vier Monaten jede Woche etwa acht bis zehn Stunden und ließ untersuchen, wie sein Herz darauf reagierte: Das Training hatte die Durchblutung der Kollateralen um 60 Prozent erhöht.
Seiler selbst ist kerngesund, aber er wollte auch wissen, inwiefern verkalkte Herzkranzgefäße von Ertüchtigung profitieren. Für eine Studie ermunterte er 24 Herzpatienten zu mäßigem Ausdauersport (30 Minuten an fünf Tagen pro Woche). Schon nach drei Monaten zeigte sich: Auf die maladen Pumporgane wirkte Bewegung ebenfalls wie ein Medikament. Es gab sogar einen direkten Zusammenhang: Je fitter eine Testperson war, desto mehr biologische Bypässe hatte sie.
Menschen mit bestehenden Gefäßkrankheiten sollten das Training allerdings mit einem Facharzt für Angiologie abstimmen. Damit die Arteriogenese überhaupt ihre segensreiche Wirkung entfalten kann, müssten bedeutsame Engstellen in den Gefäßen zunächst beseitigt werden, betont Karl-Ludwig Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Berlin. "Ein Verschluss am Becken etwa muss behandelt werden, damit das Blut wieder bis in die Beine strömen und dort die Kollateralen überhaupt wachsen lassen kann."
Eine Kombination aus Chirurgie und Bewegung war es auch, die Gero Behrend wieder gesund gemacht hat. In einer siebenstündigen Operation verpflanzten die Ärzte eine Vene ins Bein, um den rechten Unterschenkel wieder mit Blut zu versorgen; sodann verschlossen sie die offenen Wunden mit Haut aus der Hüfte.
Die aufwendigen Eingriffe glückten - aber den zur Rettung des Beins fehlenden Anteil musste der Patient selbst beisteuern. "Ich dachte mir: Wenn ich weitermache wie bisher, dann ist das wohl nicht so gut", erzählt Behrend. Nach 42 Jahren gab er das Rauchen auf. Dafür unternahm er fortan ausgedehnte Spaziergänge - mit Erfolg.
"Meine neuen Arterien sind ein Geschenk", sagt der geläuterte Mann. "Ich habe jetzt immer warme Füße."
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