Von Henryk M. Broder
Nun will Westergaard nur ein paar Dinge abholen, damit er arbeiten kann in seinem Versteck. Draußen auf dem Klingelschild steht immer noch Kurt & Birgitte Westergaard, aber Kurt Westergaard fremdelt in seinem eigenen Zuhause.
Seine Frau kocht in der Küche das Mittagessen, Backfisch auf Schwarzbrot mit Remoulade. Der Tisch im Wohnzimmer ist für acht gedeckt: drei Polizisten, zwei Handwerker, die beiden Westergaards und den Besuch aus Deutschland. Wenn es an der Haustür klingelt, steht einer der Beamten vom dänischen Staatsschutz auf und guckt, wer es ist. Die Westergaards wollen ganz zurückkehren, wenn der Umbau fertig ist und die Lage sich beruhigt hat. "Ich werde mich nicht verstecken", sagt Westergaard. "Das würde auch nichts nutzen", sagt seine Frau, "dazu ist Dänemark zu klein, hier kann jeder jeden finden."
Westergaard hatte zusammen mit elf anderen Karikaturisten im September 2005 Zeichnungen von Mohammed, dem Propheten, in der Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht. Ein paar Monate später, entflammt von Islamisten aus Dänemark, empörte sich die islamische Welt. Botschafter in Kopenhagen beschwerten sich bei der dänischen Regierung, eine Organisation islamischer Staaten rief zum Boykott dänischer Waren auf, Libyen schloss seine Botschaft, in Gaza-Stadt stürmten Aktivisten das Gelände des EU-Büros, Außenminister der Arabischen Liga forderten eine Bestrafung der Zeichner. Zehntausende von Frauen gingen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf die Straße, im Libanon wurde die dänische Botschaft angezündet, Iran brach seine Handelsbeziehungen ab, Demonstrationen überall, in Teheran, in Pakistan, Malaysia, Bangladesch, Indien, Sri Lanka und Nigeria. 150 Demonstranten starben insgesamt, bei einem Selbstmordattentat auf die Botschaft Dänemarks in Pakistan kamen sechs Menschen ums Leben.
Die Welt des Islam fühlte sich beleidigt und provoziert von den Karikaturen in Dänemark. Westergaard, ein Atheist, hatte wohl die provokanteste Zeichnung abgegeben: Sein Mohammed trug in seinem Turban eine Bombe mit Zündschnur. Und er war auch der einzige der Zeichner, der damals öffentlich auftrat und sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigte.
Er hat seitdem Dutzende Drohanrufe bekommen. 2008 wurden drei Personen verhaftet, die einen Mordanschlag auf ihn verüben wollten. Aber seit dem 1. Januar hat sich alles verändert, weil es nicht mehr um eine Bedrohung geht, sondern ums Überleben. Muss er sich nicht fragen, ob solch ein Symbol, solch eine Zeichnung, es wert ist, von nun an sein Leben mit drei Polizisten zu teilen, die ihn und seine Frau rund um die Uhr beschützen?
Westergaard ist 74 Jahre alt. Er kommt aus einer Kleinstadt in Nordjütland, sein Vater hatte einen kleinen Laden, er wuchs auf unter bibeltreuen Christen und ging in die Sonntagsschule, so, wie es alle taten. Dort lernte er, dass es einen Gott und einen Teufel gibt, "aber Gott", sagt Westergaard, "ist weit weg und der Teufel ganz nah - und beide sind Tyrannen, die einem Angst einjagen".
Nach dem Abitur wollte er Kunst studieren, aber die Eltern waren dagegen. Stattdessen hat er als Lehrer für Deutsch, Englisch und Kunsterziehung gearbeitet, zuerst an einer Grundschule und nach zehn Jahren Praxis an einer Sonderschule für Behinderte. Mit 50 entschied er sich für eine Existenz als Künstler, seine ersten Karikaturen erschienen in einer linksliberalen Zeitung namens "Demokraten", die bald darauf ihr Erscheinen einstellen musste. So kam er zu "Jyllands-Posten", für die er seit inzwischen 25 Jahren zeichnet, beinah jeden Tag eine Karikatur, meistens zu einem aktuellen Ereignis. All die Jahre, auch nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen, hatte er ein Büro in der Redaktion.
Vor zwei Monaten aber wurde Westergaard dann, wie er sagt, "in Ferien geschickt", wobei nicht klar ist, ob sich die Zeitung um seine Gesundheit oder um ihre Sicherheit sorgte. Jetzt aber, sagt er, will er nicht mehr zu Hause bleiben, sondern zurück an seinen Tisch bei "Jyllands-Posten".
Jörn Mikkelsen ist der Chefredakteur von "Jyllands-Posten", seit 1994 arbeitet er für das Blatt, damals als Korrespondent in Bonn, zur Chefredaktion gehört er seit 2002, seit 2008 führt er das Blatt alleinverantwortlich.
Irgendwann im Dezember 2005, erinnert sich Mikkelsen, gab es bei der Nachrichtenagentur AP eine vierzeilige Meldung aus der Stadt Srinagar in Kaschmir, dort hätten nach dem Freitagsgebet Basarhändler gegen Karikaturen in einer dänischen Zeitung demonstriert. "In der Redaktion haben wir noch darüber gelacht, später auf dem Weg nach Hause hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Ich fragte mich: Wie haben die das mitbekommen? Wer liest die ,Jyllands-Posten' in Kaschmir?"
Sie hatten damals lange über den Abdruck der Karikaturen diskutiert, mit großem Ernst, wie er sagt, aber niemand habe mit so dramatischen Folgen gerechnet. Mehr als vier Jahre ist das nun alles her, und es scheint, als würde diese Sache nie ein Ende finden.
"Wir haben es trotzdem nie bereut, denn die Auseinandersetzung ist zu wichtig, ohne den Abdruck wäre sie nie in Gang gekommen. Wir haben keine Terrorpläne geschmiedet, wir haben niemanden mit der Axt überfallen, wir haben nur unsere Aufgabe als Medien erfüllt, andere haben diesen Abdruck instrumentalisiert."
Dann macht Mikkelsen eine Pause.
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Können Sie das vermeindliche Zitat von Broder einmal im Zusammenhang mit Quellenangabe bringen. Danke. mehr...
Wenn jeder die möglicherweise tödlichen Folgen seiner Meinungsäusserung selbst zu tragen hat, ohne auf den Rückhalt der Gesellschaft vertrauen zu können, dann ist von der Meinungsfreiheit nichts mehr übrig. Ich bin froh für [...] mehr...
epze030, diese Forderungen sind selbstverständlich zu erfüllen. Was will ein Migrant in unserem Land, wenn er ein religiöser und nationalistischer Hardliner bleiben will. Der Aufenthalt bei uns kann doch nur für kurze Dauer [...] mehr...
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