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Ausgabe 4/2010
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25.01.2010
 

Klima

Schmelzendes Vertrauen

Von Gerald Traufetter

Peinliche Panne beim Weltklimarat: Die Vorhersage, wonach schon 2035 fast alle Himalaja-Gletscher verschwunden sein sollen, ist wissenschaftlicher Unsinn. Auch andere Prognosen beruhen auf fragwürdigen Quellen. Muss IPCC-Chef und Nobelpreisträger Rajendra Pachauri abtreten?


Das höchste Krisengebiet der Welt liegt am Siachen-Gletscher. In 6000 Meter Höhe stehen sich indische und pakistanische Soldaten in schwerbewaffneten Stellungen gegenüber. 4000 Männer sind im ewigen Grenzstreit der beiden Atommächte bereits gestorben - die meisten an der Kälte.

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Nun steht der Himalaja-Gletscher auch im Zentrum einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. In seinem aktuellen Bericht sagt der Weltklimarat der Uno (IPCC) voraus: Schon 2035 werde die 71 Kilometer lange Eiszunge weggeschmolzen sein. Auch die übrigen 45.000 Eispanzer im höchsten Gebirge der Welt würden bis dahin fast vollständig verschwunden sein - mit drastischen Folgen für Milliarden Asiaten, deren Leben vom Wasser des Hochgebirges abhängt. Ökoaktivisten warnten vor einem Drama am "dritten Pol der Erde".

"Diese Prognose ist natürlich kompletter Unsinn", widerspricht der Gletscherforscher John Shroder von der University of Nebraska in Omaha. Seine Untersuchungen ergeben ein ganz anderes Bild.

Seit drei Jahrzehnten bereist der US-Glaziologe mit seinen Messinstrumenten die majestätischen Massive, besonders das des Karakorum. Was er dabei herausgefunden hat, deckt sich nicht mit der Einschätzung, die der Weltklimarat lange vertreten hat. Shroder: "Während etliche Gletscher schrumpfen, sind andere stabil; manche wachsen sogar."

Die Aufregung um die Himalaja-Gletscher ist groß in der Gemeinde der Klimaforscher. "Glaciergate" nennen einige bereits die Affäre, in der es um eine wissenschaftlich unhaltbare Behauptung in dem aktuellen, bereits 2007 erschienenen IPCC-Bericht geht. Vorige Woche hat der Weltklimarat die falsche Prognose zurückgezogen und sich für die Blamage entschuldigt.

Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist verärgert. "Der Fehler im IPCC-Bericht ist gravierend und hätte nicht vorkommen dürfen", so Röttgen gegenüber dem SPIEGEL. "Wissenschaftliche Genauigkeit ist unabdingbare Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der politischen Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen." Der Minister glaubt zwar dennoch weiter an die generelle Beweiskraft des IPCC-Berichts. Doch zugleich fordert er: "Die Entstehung und die Kommunikation des Fehlers müssen grundlegend aufgearbeitet werden."

Warum aber ist der offensichtliche Unsinn nicht längst irgendeinem der 3000 Wissenschaftler aufgefallen, die am IPCC-Bericht mitgewirkt haben? "Das eigentliche Wunder ist, dass solch ein Schnitzer so lange unkorrigiert blieb", so Shroder.

Irren ist menschlich, verteidigen sich IPCC-Funktionäre wie Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Wegen eines Fehlers dürfen wir doch nicht die Glaubwürdigkeit eines fast 3000 Seiten langen Berichts in Frage stellen."

Andere Klimaforscher aber fordern Konsequenzen. Der IPCC-Chef und Nobelpreisträger Rajendra Pachauri sei untragbar geworden - vor allem auch wegen seiner persönlichen Verwicklung in die Affäre. "Pachauri sollte zurücktreten, um weiteren Schaden vom IPCC abzuwenden", verlangt etwa der deutsche Klimaforscher Hans von Storch. "Denn mit der angeblichen Gefährdung der Himalaja-Gletscher hat er persönlich Forschungsgelder eingetrieben." Die Rücknahme der falschen Prognose habe der Inder erst angeordnet, als der öffentliche Druck zu groß geworden sei.

Pachauri hingegen weist Rücktrittsforderungen zurück: "Ich habe den Auftrag, den fünften Sachstandsbericht zu leiten, und den werde ich sicher nicht aufgeben."

Ihren Anfang nahm die Prognose-Panne im Jahr 1999. In einem Artikel in dem populärwissenschaftlichen britischen Magazin "New Scientist", für den der indische Glaziologe Syed Hasnain interviewt wurde, tauchte die These vom Verschwinden der Himalaja-Gletscher bis 2035 auf.

Tatsächlich ist die konkrete Jahreszahl auf einen simplen Zahlendreher zurückzuführen: Der russische Eisforscher Wladimir Kotljakow hatte in einer drei Jahre zuvor publizierten Abschätzung tatsächlich von einem massiven Rückgang der Gletscherfläche geschrieben - allerdings bis zum Jahr 2350. "Alle Kontrollinstanzen des IPCC haben versagt", kritisiert der kanadische Geograf Graham Cogley.

Die Person Hasnain bringt den IPCC-Chef nun in Erklärungsnot. Denn der Glaziologe arbeitet mittlerweile am The Energy and Resources Institute (Teri) in Neu-Delhi, dessen Direktor wiederum Rajendra Pachauri ist. Hat Pachauri den Fehler in der Himalaja-Passage des IPCC-Berichts deshalb so lange verschwiegen?

Denn schon im November wurde die Fama vom jähen Ende der Himalaja-Gletscher ruchbar. Im Auftrag des indischen Umweltministeriums präsentierte ein Eisforscher eine Himalaja-Gletscher-Studie, die zu ganz anderen Ergebnissen kommt als der IPCC-Bericht. Pachauri verurteilte die neue Studie als "Voodoo-Wissenschaft".

Mitte Januar dann machte der "New Scientist" die Schludrigkeit in eigener Sache öffentlich - genau einen Tag nachdem IPCC-Chef Pachauri und sein Gletscher-Experte Hasnain eine Kooperation von Teri mit Island und den USA zur Erforschung der Himalaja-Gletscher bekanntgegeben hatten, die von der Stiftung Carnegie Corporation aus New York mit einer halben Million Dollar gefördert wird. "So wollte Pachauri möglicherweise mit seiner zögerlichen Aufklärung die Forschungsprojekte seines eigenen Instituts schützen", sagt Klimastatistiker Storch. Pachauri verteidigt sich hingegen mit Zeitmangel: "Alle im IPCC waren damals mit den Vorbereitungen für den Klimagipfel in Kopenhagen beschäftigt."

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insgesamt 2424 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.03.2010 von burghard42:

Zur Erinnerung: -natürlich erkennt jeder an,daß das IPCC die Daten der meist amtlichen Wetterämter erhält. Nur was passiert mit den Daten dann ? -das IPCC erhält Veröffentlichungen ....na und ? was passiert mit den [...] mehr...

28.03.2010 von sacco:

schön, dass sie uns mal über ihren werdegang berichten! mehr...

28.03.2010 von pacuare:

Haben Ihro Merkwürden heute schon mal in den Spiegel geschaut? Nein? Na dann aber dalli, die Lachnummer dürfen Sie sich nicht entgehen lassen! mehr...

28.03.2010 von TomTheViking: Win Win? Ja klar für Subventionsbetrüger

WIN WIN? Naja gut, für die Helden des EEG. Die opfern sich auf und dafür gehören diese Leutz auch belohnt. Was es auch immer an Umwelt- und ökonomischen Schäden verursacht. RKINFO merken sie sich bitte, politisch [...] mehr...

28.03.2010 von rkinfo:

Genau ! 1980 war der Winter in der Nordregion eben milder und damit auch die Schneebedeckung Ende März anders. Leute lassen sich wirklich mit jeden Sch... zu Zombie-Klimaskeptikern mutieren. Je inkompetenter Leute sind [...] mehr...

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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Ziele

ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...

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