ThemaKlimawandelRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Klima Schmelzendes Vertrauen

2. Teil: "Die Kritik an der Klimaforschung ist in Mode gekommen"


Auch der weltgrößte Autokonzern Toyota hat Teri 80.000 Dollar überwiesen. Vorige Woche bekam der Hersteller für sein Hybrid-Auto Prius den mit 1,5 Millionen Dollar dotierten "Zayed Future Energy Prize" zugesprochen. Vorsitzender der Jury: Rajendra Pachauri. Er habe wegen seiner Beratertätigkeit den Juryvorsitz ruhen lassen, erklärt Pachauri. Bei der Verleihung der Auszeichnung in Abu Dhabi allerdings lobte er Toyota dann wieder. Der Konzern verdiene "die vollste Wertschätzung", einen radikalen Technologieumbruch initiiert zu haben.

Die Zweifel am IPCC und dessen Präsidenten kommen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Glaubwürdigkeit der Klimatologen ohnehin gelitten hat - etwa durch den Datenklau vertraulicher Forscher-E-Mails, aus denen Kritiker eine Manipulation von Daten herauslesen wollen (SPIEGEL 50/2009). Zwar erschüttern alle diese Ereignisse nicht die Beweise für einen Klimawandel. Doch in der erbitterten Diskussion geht es längst nicht mehr nur um Fakten, sondern um Glaubensfragen.

"Im öffentlichen Bewusstsein erodiert derzeit das Vertrauen in die Autorität der Klimawissenschaft", konstatiert der amerikanische Sozialökonom und Experte für Naturkatastrophen, Roger Pielke Jr. Der Umweltökonom Richard Tol ergänzt: "Die Kritik an der Klimaforschung ist in Mode gekommen." Und das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" mahnt: Klimaforscher könnten "nicht länger der Annahme folgen, dass allein stichhaltige Beweise die Öffentlichkeit überzeugen werden".

Der Malaria-Experte Paul Reiter vom Pasteur-Institut in Paris geht seit Jahren gegen die im dritten IPCC-Bericht verbreitete Warnung vor, durch den Klimawandel würde sich die Malaria ausbreiten; dafür gebe es keine Belege. Vielen Klimaforschern wirft Reiter vor, sich mittlerweile zu sehr als Aktivisten zu fühlen, die mehr daran interessiert seien, eine mahnende Botschaft zu verbreiten.

Der zweite Teil des IPCC-Berichts, der sich mit den Folgen der Erwärmung beschäftigt, gilt unter Forschern ohnehin als weniger solide im Vergleich zum ersten Teil zu den physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Genau das könnte auch der Grund sein, warum die falsche Himalaja-Prognose dort reingerutscht ist. Hauptautor Murari Lal jedenfalls rechtfertigt sich damit, dass "das Abtauen der Gletscher doch für so viele Menschen eine riesige Bedrohung sei" und dringend in den Bericht reingehöre. Genau diese Leidenschaft, kritisiert Malaria-Forscher Reiter, sei für die Wissenschaft gefährlich.

Auch die im vorigen November gehackten und ins Internet gestellten E-Mails des Klimaforschungszentrums der britischen University of East Anglia liefern Kritikern nun neue Munition. Ein E-Mail-Verkehr zwischen Klimamodellierern aus dem Herbst 1999 deutet darauf hin, dass die Wissenschaftler voreingenommen waren.

Es ging um die Aussagekraft einer brisanten Temperaturkurve. Die sogenannte Hockeyschläger-Kurve sollte belegen, dass die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen tausend Jahren nie so hoch war wie heute. Zu diesem Zweck hatten mehrere Forschergruppen die Temperatur der Vergangenheit zu einem bedeutenden Teil aus Baumringdaten rekonstruiert.

Eine der Kurven jedoch fiel aus dem Rahmen - was schon im Vorfeld eines Treffens der Paläoklimatologen im September 1999 in Tansania zu Streit führte. Die abweichende Temperaturkurve sei "eine Ablenkung von dem vernünftigen Konsens, den wir eigentlich zeigen wollen", wetterte der Paläoklimatologe Michael Mann in seiner Mail. Er wolle nicht derjenige sein, der "den Skeptikern Futter gibt". Und auch der Leitautor des IPCC-Kapitels, Chris Folland, gibt in einer E-Mail zu bedenken, der abweichende Datensatz "verwässert die Botschaft ziemlich deutlich".

Keith Briffa, dessen Team die widersprechende Temperaturkurve ermittelt hatte, war wütend: "Ich weiß, da ist Druck, eine schöne, saubere Geschichte zu erzählen von einer ,in tausend Jahren beispiellosen Erwärmung'."

Für den damaligen IPCC-Bericht griffen die Forscher schließlich auf eine trickreiche Lösung zurück, um die seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts fallenden Temperaturen in Briffa's Kurve zu verschleiern: Im IPCC-Bericht wurde die Grafik einfach 1960 abgeschnitten. "Ein solches Vorgehen gilt in der Wissenschaft als problematisch", erklärt Klimamathematiker Storch.

Dabei deutet die merkwürdig abfallende Temperaturkurve von Briffa auf ein ernstes Rätsel hin, das bislang niemand erklären kann: Die Daten aus den Baumringen spiegeln seit den sechziger Jahren nicht mehr die tatsächliche Temperaturentwicklung wider. Warum aber sollen sie dann für frühere Zeiten stimmen?

Immerhin: Im aktuellen vierten IPCC-Bericht aus dem Jahr 2007 werden die Probleme mit der Baumringdatierung ausführlich diskutiert. Doch auch der derzeit gültige Bericht enthält strittige Passagen.

So geht es in dem Kapitel 1.3.8. um den möglichen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Zunahme von Naturkatastrophen - spätestens seit Hurrikan Katrina in den USA ein Politikum.

"Wegen extremer Wetterphänomene" würden die Schäden "rapide zunehmen", heißt es im IPCC-Bericht. Als Beleg dafür wird auf "eine Studie" verwiesen, die genau diesen Trend zeige.

Das Problem dabei: Vor Drucklegung des IPCC-Berichts war diese Studie noch nicht von externen Wissenschaftlern begutachtet worden. Mittlerweile ist das geschehen - mit erstaunlichen Bewertungen: "Wir finden nur unzulänglich Hinweise für einen statistischen Zusammenhang zwischen globalem Temperaturanstieg und Katastrophenschäden."

Roger Pielke, einer der führenden Experten auf diesem Gebiet, kritisiert: "Die Behauptungen im IPCC-Bericht waren nicht nur falsch, sondern sie stehen auf einer wissenschaftlichen Basis, die einfach nicht existiert."

Vertreter der Versicherungsbranche sehen das ganz anders - aber genau das ist für den Weltklimarat ein zusätzliches Problem. Rückversicherer, etwa die Münchner Rück, berechnen aufgrund von Risiken ihre Prämien; bei Geschäftsabschlüssen kann sich da eine Zunahme von Naturkatastrophen auszahlen.

"Wir sehen in unseren Datenbanken deutliche Belege für einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und der Zunahme von Naturkatastrophen", bestätigt Ernst Rauch, Leiter des "Corporate Climate Centre" der Münchner Rück. Im Gegensatz zu Wissenschaftlern könne man auch nicht warten, bis alle Zweifel beseitigt seien. "Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, der heute handeln muss", sagt Rauch. Im Übrigen sei sein Konzern mit den Aussagen des IPCC-Berichts "höchst zufrieden". Kein Wunder: Als Quelle für die warnenden IPCC-Prognosen dient auch ein Buch der Münchner Rück aus dem Jahr 2005.

Klimaforscher rufen jetzt nach Reformen. Pielke etwa geht es um die Art, wie Autoren und Prüfer arbeiten, wie sie vom Weltklimarat berufen werden und darum, wie mit Literatur umgegangen wird, die, wie im Fall der Himalaja-Gletscher, nicht aus begutachteten Fachjournalen stammt.

Das Problem dabei: Die Tätigkeit für den IPCC ist für Wissenschaftler nur ein sehr aufwendiges Ehrenamt. "Das hat häufig zur Folge, dass nicht die besten ihres Faches bereit sind, ihre Arbeitszeit zu opfern", sagt Epidemiologe Reiter.

Manchmal will die Gemeinde lästige Kritiker aber auch gar nicht dabeihaben. So richtete der Weltklimarat unlängst eine spezielle Arbeitsgruppe zu Naturkatastrophen ein.

Umweltforscher Pielke wurde von der US-Regierung nominiert - doch der IPCC hat ihn nicht berufen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 2424 Beiträge
besso 23.01.2010
allein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie. Der UNO-Weltklimarat ist eine [...]
allein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie. Der UNO-Weltklimarat ist eine Institution, geschaffen für die Verkündung des drohenden Weltunterganges und gleichzeitiger Promotion des möglichen Ablasses: dem CO2-Zertifikatehandel
ZWV@SPON 23.01.2010
verweisen sie bitte auf die peer-reviewed Arbeiten, die ihre Aussage unterstützen. Wenn sie diese beisammen haben setzten sie dies den peer-reviewed Arbeiten gegenüber, die den vom Menschen mit verursachten Klimawandel [...]
Zitat von bessoallein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie.
verweisen sie bitte auf die peer-reviewed Arbeiten, die ihre Aussage unterstützen. Wenn sie diese beisammen haben setzten sie dies den peer-reviewed Arbeiten gegenüber, die den vom Menschen mit verursachten Klimawandel bestätigen. Gruß Oli
Petra 23.01.2010
Die Himalaya-Pleite an sich ist im Grunde ein nicht sonderlich wichtiger Fehler - gemessen am Ganzen. Ein Zahlendreher, Unachtsamkeit und schlampige Recherche, das kann immer mal vorkommen. Massiver aber ist das, was - wie bei [...]
Zitat von sysopDas Uno-Wissenschaftlergremium IPCC ist wegen angeblich fehlerhafter Prognosen zum Verschwinden der Himalaja-Gletscher ins Gerede gekommen - Forscher werfen dem Gremium falschen Umgang mit Daten vor. Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Die Himalaya-Pleite an sich ist im Grunde ein nicht sonderlich wichtiger Fehler - gemessen am Ganzen. Ein Zahlendreher, Unachtsamkeit und schlampige Recherche, das kann immer mal vorkommen. Massiver aber ist das, was - wie bei den CRU-Emails - wieder einmal als Grundmuster deutlich wird und den eigentlichen Schaden stiftet: Eigene Qualitätsstandards werden läppisch unterlaufen (nur Peer-Review-Artikel, heißt es, aber dann stützt man sich auf populärwissenschaftliche Horror-Meldungen aus Öko-Aktivisten-Schriften, die auf Hörensagen beruhen). Eine angebliche IPCC-Erkenntnis wird lange auch dort noch verteidigt, wo es nichts zu verteidigen gibt. Pachauri sprach von den Vorwürfen als "Voodoo-Science", selbst Hinweise anderer Wissenschaftler aus dem eigenen Verein wurden ignoriert und abgebürstet. Gate-Keeping erster Güte "wir haben einfach recht auch wenn wir unrecht haben" funktioniert auf Dauer nicht. Mit falschen Zahlen eine Horrorbotschaft aufbauen, die zum Abzocken von Fördergeld verwendet wird, um damit den Urheber der Horrorbotschaft in Lohn und Brot zu setzen - das stinkt gewaltig. Seriosität ist eben ein flüchtiges Reh. Und selbstredend wirft das Schatten auf die Glaubwürdigkeit - wo hat man denn sonst noch im IPCC-Report Erkenntnisse aus der Bäckerzeitung als wissenschaftliche Forschungsergebnisse verkauft? Das andere ist die mediale Ausstrahlung: Ein im Grunde nicht so wahnsinnig erschütternder Fehler kann zum entscheidenden Tipping-Point der Akzeptanz werden. Das Grummeln im Redaktions-Untergrund, das sich bislang nicht traute laut zu werden, weil der politisch korrekte Mainstream dagegensteht, kann sich aus einem eigentlich eher kleinen, aber nachweisbaren Fehler die Berechtigung ziehen, nun mal richtig "IPCC-kritisch" zu werden. Und wie die Dynamiken solcher Prozesse nun eben sind - wenn erst mal das neue Themenfeld "IPCC-Kritik" gesellschaftsfähig wurde, gibt es kein Halten mehr... schließlich will man als Redaktion nicht zurückbleiben, wenn der Wind sich eventuell dreht in der Klimawelt, und eben haben die andern schon wieder einen Fehler gefunden... Auch bei SPON wird ja gerade in diesem Thread die Farge aufgeworfen: "Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?" In der suggestiven Formulierung steckt kaum verhüllt eine andere Frage: Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates überhaupt?
Andreas2 23.01.2010
Im aktuellen IPCC Sachstandsbericht wird ein Abtauen der Himalayagletscher von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer prognostiziert. Hoffentlich weiß das der Himalaya, der nur rund 33.000 Quadratkilometer Gletscher besitzt, wie [...]
Im aktuellen IPCC Sachstandsbericht wird ein Abtauen der Himalayagletscher von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer prognostiziert. Hoffentlich weiß das der Himalaya, der nur rund 33.000 Quadratkilometer Gletscher besitzt, wie eine neue „Science“-Analyse zeigt. Das Malbuch meiner 5-jährigen Tochter ist ein ernstzunehmenderes Dokument als diese IPCC Lügengeschichten, die sich hauptsächlich auf WWF, Greenpeace und andere Lobbyisten stützen. Zumindest ist es mit mehr Sorgfalt erstellt.
shokaku 23.01.2010
Wie bei allen Religionen hängt die Glaubwürdigkeit einzig von der Stärke des Glaubens ab.
Zitat von sysopWie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Wie bei allen Religionen hängt die Glaubwürdigkeit einzig von der Stärke des Glaubens ab.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Klimawandel

© DER SPIEGEL 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Multimedia-Special

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...





TOP



TOP