Die Zweifel am IPCC und dessen Präsidenten kommen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Glaubwürdigkeit der Klimatologen ohnehin gelitten hat - etwa durch den Datenklau vertraulicher Forscher-E-Mails, aus denen Kritiker eine Manipulation von Daten herauslesen wollen (SPIEGEL 50/2009). Zwar erschüttern alle diese Ereignisse nicht die Beweise für einen Klimawandel. Doch in der erbitterten Diskussion geht es längst nicht mehr nur um Fakten, sondern um Glaubensfragen.
"Im öffentlichen Bewusstsein erodiert derzeit das Vertrauen in die Autorität der Klimawissenschaft", konstatiert der amerikanische Sozialökonom und Experte für Naturkatastrophen, Roger Pielke Jr. Der Umweltökonom Richard Tol ergänzt: "Die Kritik an der Klimaforschung ist in Mode gekommen." Und das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" mahnt: Klimaforscher könnten "nicht länger der Annahme folgen, dass allein stichhaltige Beweise die Öffentlichkeit überzeugen werden".
Der Malaria-Experte Paul Reiter vom Pasteur-Institut in Paris geht seit Jahren gegen die im dritten IPCC-Bericht verbreitete Warnung vor, durch den Klimawandel würde sich die Malaria ausbreiten; dafür gebe es keine Belege. Vielen Klimaforschern wirft Reiter vor, sich mittlerweile zu sehr als Aktivisten zu fühlen, die mehr daran interessiert seien, eine mahnende Botschaft zu verbreiten.
Der zweite Teil des IPCC-Berichts, der sich mit den Folgen der Erwärmung beschäftigt, gilt unter Forschern ohnehin als weniger solide im Vergleich zum ersten Teil zu den physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Genau das könnte auch der Grund sein, warum die falsche Himalaja-Prognose dort reingerutscht ist. Hauptautor Murari Lal jedenfalls rechtfertigt sich damit, dass "das Abtauen der Gletscher doch für so viele Menschen eine riesige Bedrohung sei" und dringend in den Bericht reingehöre. Genau diese Leidenschaft, kritisiert Malaria-Forscher Reiter, sei für die Wissenschaft gefährlich.
Auch die im vorigen November gehackten und ins Internet gestellten E-Mails des Klimaforschungszentrums der britischen University of East Anglia liefern Kritikern nun neue Munition. Ein E-Mail-Verkehr zwischen Klimamodellierern aus dem Herbst 1999 deutet darauf hin, dass die Wissenschaftler voreingenommen waren.
Es ging um die Aussagekraft einer brisanten Temperaturkurve. Die sogenannte Hockeyschläger-Kurve sollte belegen, dass die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen tausend Jahren nie so hoch war wie heute. Zu diesem Zweck hatten mehrere Forschergruppen die Temperatur der Vergangenheit zu einem bedeutenden Teil aus Baumringdaten rekonstruiert.
Eine der Kurven jedoch fiel aus dem Rahmen - was schon im Vorfeld eines Treffens der Paläoklimatologen im September 1999 in Tansania zu Streit führte. Die abweichende Temperaturkurve sei "eine Ablenkung von dem vernünftigen Konsens, den wir eigentlich zeigen wollen", wetterte der Paläoklimatologe Michael Mann in seiner Mail. Er wolle nicht derjenige sein, der "den Skeptikern Futter gibt". Und auch der Leitautor des IPCC-Kapitels, Chris Folland, gibt in einer E-Mail zu bedenken, der abweichende Datensatz "verwässert die Botschaft ziemlich deutlich".
Keith Briffa, dessen Team die widersprechende Temperaturkurve ermittelt hatte, war wütend: "Ich weiß, da ist Druck, eine schöne, saubere Geschichte zu erzählen von einer ,in tausend Jahren beispiellosen Erwärmung'."
Für den damaligen IPCC-Bericht griffen die Forscher schließlich auf eine trickreiche Lösung zurück, um die seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts fallenden Temperaturen in Briffa's Kurve zu verschleiern: Im IPCC-Bericht wurde die Grafik einfach 1960 abgeschnitten. "Ein solches Vorgehen gilt in der Wissenschaft als problematisch", erklärt Klimamathematiker Storch.
Dabei deutet die merkwürdig abfallende Temperaturkurve von Briffa auf ein ernstes Rätsel hin, das bislang niemand erklären kann: Die Daten aus den Baumringen spiegeln seit den sechziger Jahren nicht mehr die tatsächliche Temperaturentwicklung wider. Warum aber sollen sie dann für frühere Zeiten stimmen?
Immerhin: Im aktuellen vierten IPCC-Bericht aus dem Jahr 2007 werden die Probleme mit der Baumringdatierung ausführlich diskutiert. Doch auch der derzeit gültige Bericht enthält strittige Passagen.
So geht es in dem Kapitel 1.3.8. um den möglichen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Zunahme von Naturkatastrophen - spätestens seit Hurrikan Katrina in den USA ein Politikum.
"Wegen extremer Wetterphänomene" würden die Schäden "rapide zunehmen", heißt es im IPCC-Bericht. Als Beleg dafür wird auf "eine Studie" verwiesen, die genau diesen Trend zeige.
Das Problem dabei: Vor Drucklegung des IPCC-Berichts war diese Studie noch nicht von externen Wissenschaftlern begutachtet worden. Mittlerweile ist das geschehen - mit erstaunlichen Bewertungen: "Wir finden nur unzulänglich Hinweise für einen statistischen Zusammenhang zwischen globalem Temperaturanstieg und Katastrophenschäden."
Roger Pielke, einer der führenden Experten auf diesem Gebiet, kritisiert: "Die Behauptungen im IPCC-Bericht waren nicht nur falsch, sondern sie stehen auf einer wissenschaftlichen Basis, die einfach nicht existiert."
Vertreter der Versicherungsbranche sehen das ganz anders - aber genau das ist für den Weltklimarat ein zusätzliches Problem. Rückversicherer, etwa die Münchner Rück, berechnen aufgrund von Risiken ihre Prämien; bei Geschäftsabschlüssen kann sich da eine Zunahme von Naturkatastrophen auszahlen.
"Wir sehen in unseren Datenbanken deutliche Belege für einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und der Zunahme von Naturkatastrophen", bestätigt Ernst Rauch, Leiter des "Corporate Climate Centre" der Münchner Rück. Im Gegensatz zu Wissenschaftlern könne man auch nicht warten, bis alle Zweifel beseitigt seien. "Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, der heute handeln muss", sagt Rauch. Im Übrigen sei sein Konzern mit den Aussagen des IPCC-Berichts "höchst zufrieden". Kein Wunder: Als Quelle für die warnenden IPCC-Prognosen dient auch ein Buch der Münchner Rück aus dem Jahr 2005.
Klimaforscher rufen jetzt nach Reformen. Pielke etwa geht es um die Art, wie Autoren und Prüfer arbeiten, wie sie vom Weltklimarat berufen werden und darum, wie mit Literatur umgegangen wird, die, wie im Fall der Himalaja-Gletscher, nicht aus begutachteten Fachjournalen stammt.
Das Problem dabei: Die Tätigkeit für den IPCC ist für Wissenschaftler nur ein sehr aufwendiges Ehrenamt. "Das hat häufig zur Folge, dass nicht die besten ihres Faches bereit sind, ihre Arbeitszeit zu opfern", sagt Epidemiologe Reiter.
Manchmal will die Gemeinde lästige Kritiker aber auch gar nicht dabeihaben. So richtete der Weltklimarat unlängst eine spezielle Arbeitsgruppe zu Naturkatastrophen ein.
Umweltforscher Pielke wurde von der US-Regierung nominiert - doch der IPCC hat ihn nicht berufen.
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© DER SPIEGEL 4/2010
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