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Ausgabe 4/2010
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25.01.2010
 

Internet

"Dynamik der Meute"

"Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten"Zur Großansicht
ddp

"Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten"

2. Teil: "Wenn Werbung das Zentrum der Zivilisation wird, dann ist sie teuflisch."

SPIEGEL: Das Internetlexikon Wikipedia funktioniert so. Jeder trägt ein Stück dazu bei. Am Ende wäre das Wissen der Welt an einem Ort vereint und für jeden frei zugänglich. Was ist dagegen einzuwenden?

Lanier: Wikipedia funktioniert vielleicht für bestimmte Themen, etwa für Wissenschaft oder für Popkultur. Aber für geschichtliche und humanistische Themen ist Wikipedia untauglich. In diesen Bereichen gibt es viele Aspekte und Sichtweisen, die alle ihre Berechtigung haben. Sie zusammenzuquirlen macht die Dinge bedeutungslos. Es kann sogar geschehen, dass wir die Realität als Bezugspunkt verlieren. Ein Beispiel: Wikipedia bietet ellenlange Artikel über imaginäre Armeen oder Charaktere aus Fantasy-Romanen. Echte, historische Armeen oder Figuren der Zeitgeschichte dagegen werden oft weitaus kürzer abgehandelt. Wozu führt das? Ich fürchte, es besteht die Gefahr, dass wir irgendwann Geschichte und Fiktion verwechseln. Wir reduzieren Geschichte, und am Ende verlieren wir Geschichte.

SPIEGEL: Aber Wikipedia ist ja nicht die einzige Quelle ...

Lanier: ... sie könnte es aber irgendwann werden. Stellen Sie sich vor, wir schaffen Bücher ganz ab und arbeiten nur noch mit Software-Systemen, die Informationen zu digitalem Brei verquirlen. Dann könnten wir eine Welt kriegen, in der es nur noch so etwas wie Wikipedia gibt. Am Ende haben wir nur noch ein einziges Buch für die ganze Menschheit - eine Art heilige Schrift, ähnlich wie die Bibel, geschrieben von Autoren, die irgendwann in Vergessenheit geraten und dadurch überhöht werden können. Es entsteht der Eindruck des Übernatürlichen. Wenn es da ein Buch gibt, das keiner geschrieben hat, dann muss es Gott geschrieben haben.

SPIEGEL: Wird der Eindruck, dass das Internet zu einem Überwesen wird, auch durch die Struktur des Netzes gefördert?

Lanier: Ja. Das Design des Internets bewertet Informationen höher als die Individuen, die sie liefern. Die Regeln des Netzes wurden von Technikfreaks geschrieben, die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten. Dadurch haben wir den Menschen die Würde geraubt.

SPIEGEL: Gab es Versuche, das Netz anders zu organisieren?

Lanier: O ja. Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson ...

SPIEGEL: ... ein amerikanischer Soziologe, Philosoph und Computerpionier, der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Grundlagen des heutigen World Wide Web schuf ...

Lanier: ... schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

SPIEGEL: Was schlagen Sie außer einem Bezahlsystem vor, um das Internet zu verbessern?

Lanier: Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. Suchmaschinen sind unabdingbar, und die Methode, Internetseiten nach Beliebtheit zu ordnen, ist gut. Ich würde es jedoch gern sehen, dass Suchmaschinen werbefrei werden. Im Moment steuern wir auf eine Situation zu, in der man im Netz in eine Art Todesspirale kommt und verschwindet, wenn man keine Werbung betreibt. Man taucht dann schlicht nicht mehr oben in den Ergebnislisten der Suchmaschinen auf. Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

SPIEGEL: Das werden die Aktionäre von Google nicht gern hören.

Lanier: Natürlich würde das einige Menschen bei Google oder bei Microsofts Suchmaschine Bing, die wirklich alle sehr nett sind, ziemlich unglücklich machen. Aber bedenken Sie: Alle anderen würden profitieren. Ein bisschen Werbung ist nicht schlimm. Doch sie darf nicht überbetont werden. Wenn Werbung das Zentrum der Zivilisation wird, um das sich alles dreht, dann ist sie wahrhaft teuflisch.

Das Interview führte Philip Bethge

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insgesamt 109 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.02.2010 von theking2502: Internet ein Werbe- und Schmarotzerpool

Nun ja, das Stimmt nur teils mit dem Ranking. Viele Seiten können zum Beispiel auch Google bezahlen um besseres Ranking zu bekommen oder aber auch den Algorithmus ausnutzen. Das größte Problem ist aber wenn ich zum Beispiel nach [...] mehr...

31.01.2010 von die macht des individuums: part 2

"SPIEGEL: Zur Netzkultur gehört es auch, dass Software, Lieder, Filme oder Texte kostenlos zu haben sind. Sie selbst forderten von den Musikern früher, ihre Songs gratis zu verteilen. Geld sollten diese zum Beispiel mit dem [...] mehr...

31.01.2010 von die macht des individuums: part 1

"SPIEGEL: Herr Lanier, Sie behaupten, im Internet verwandelten sich normale, vernünftige Menschen in einen Mob. Meinen Sie das wirklich ernst? Lanier: O ja, erst heute habe ich ein anonymes Forum gelesen, in dem die Leute [...] mehr...

29.01.2010 von Nemain: Wikipedia - Sicht einer Studentin ;)

ich muss sagen Wikipedia passt prima zu diesem tollen Bachelor Studium, in dem hat man nämlich wenig Zeit und durch Wikipedia spart man sich Zeit. Auch muss man sagen, dass Wikipedia genaus oberflälchlich ist wie dieser tolle [...] mehr...

28.01.2010 von My2Cents: Möchtegern-Wissen

Richtig. Aber vergleichen Sie mal ein Buch mit einem Wikipedia-Artikel... Sehen Sie den Unterschied? Im Umfang? Ich schrieb, dass Wikipedia den Menschen vermittelt, ein Wissen zu haben, dass sie de facto nur durch einen [...] mehr...

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Zur Person

Andy Freeberg
Lanier, 49, ist einer der profiliertesten Denker der digitalen Welt. Anfangs pries der Computerwissenschaftler das Internet noch als ideales Experimentierfeld menschlicher Kooperation. In seinem jüngst erschienenen Buch kritisiert er nun die Schattenseiten des Netzes.

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