Von Martin Wolf
Im vergangenen Jahr war er 322 Tage auf Dienstreise: 322 Tage im Flugzeug, in Hotels, in Mietwagen, einchecken, auschecken, immer weiter, zum nächsten Termin. 322 Tage unterwegs, ein Leben aus dem Koffer, die Nachteile liegen auf der Hand: Das bedeutet "43 grässliche Tage zu Hause".
Ryan Bingham hingegen ist ein Nomade des frühen 21. Jahrhunderts, auf Effizienz gedrillt; kurze Anflüge von Melancholie erlaubt er sich nur, wenn er zwischendurch sein trostloses Apartment in Omaha, Nebraska, betreten muss. Es sieht aus wie ein Hotelzimmer, bloß der Begrüßungstext im Fernseher fehlt. Dafür stehen ein paar Schnapsfläschchen aus einer Hotel-Minibar im ansonsten leeren Kühlschrank.
Muss man ihn bedauern? Besser nicht. Dem Mann geht es auf den ersten Blick blendend. "Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sind wir tot. Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie", sagt Bingham, und damit meint er nicht nur sein übersichtliches Privatleben, sondern vor allem seinen Job.
Dass er so oft unterwegs ist, liegt an der Rezession. "Transition Counsellor", Übergangsberater, nennt er sich, ein besonders verdruckster Euphemismus der modernen Arbeitswelt. Bingham verkörpert quasi die legale Variante eines Auftragskillers: Er wird angeheuert, wenn Firmen Mitarbeiter entlassen wollen, aber zu feige sind, diese Drecksarbeit selbst zu erledigen. Dann wird der freundliche Mr. Bingham eingeflogen, um den künftigen Arbeitslosen die böse Nachricht zu überbringen, in Einzelgesprächen, direkt ins Gesicht, aber verpackt in warme Worte.
Er vermeidet Begriffe wie "Entlassung" oder "Rausschmiss". Lieber spricht er von "Positionen, die leider nicht mehr zur Verfügung stehen", von neuen Herausforderungen und der Möglichkeit, noch einmal von vorn zu beginnen. Dabei guckt er angemessen mitfühlend. Am Ende schiebt er eine Broschüre mit guten Ratschlägen über den Tisch. Viel Glück für die Zukunft, der Nächste bitte.
Man braucht Mut, um solch einen Typen zum Helden eines Hollywood-Films zu machen, Mut und Glück beim Timing. Als der Regisseur Jason Reitman mit der Arbeit am Drehbuch begann (als Vorlage diente ein Roman von Walter Kirn), boomte in den USA noch die Wirtschaft.
Zwei andere Filmprojekte kamen Reitman dazwischen, zuerst "Thank You for Smoking" (2005), das wunderbar böse Porträt eines Lobbyisten der Tabakindustrie, und danach "Juno" (2007), die mit einem Oscar ausgezeichnete Geschichte einer schwangeren Schülerin. Als Reitman schließlich Anfang 2009 mit den Dreharbeiten zu "Up in the Air" beginnen konnte, wirkte der vermeintliche Komödienstoff wegen der Wirtschaftskrise plötzlich beinahe dokumentarisch.
Reitman versucht gar nicht erst, diesen Gegensatz zu verkleistern, im Gegenteil. Per Zeitungsanzeige suchte er in St. Louis und Detroit nach echten Arbeitslosen, die im Film sich selbst spielen dürfen. Die Szenen gehören zu den Höhepunkten von "Up in the Air": In Zwischenschnitten erzählen Männer und Frauen, Junge und Ältere, Schwarze, Weiße und Latinos von der Erfahrung, entlassen zu werden.
"Vom Stress her gesehen, habe ich gehört, dass arbeitslos zu werden so ist wie ein Todesfall in der Familie", berichtet einer. "Aber ich persönlich habe eher das Gefühl, als ob meine Kollegen meine Familie wären - und ich bin gestorben." So intelligent, direkt und trotzdem subtil hat noch kein Spielfilm die Folgen der Wirtschaftskrise gezeigt: Hollywood interpretiert Karl Marx.
Trotzdem ist "Up in the Air" kein Sozialdrama, sondern in erster Linie eine gallige Komödie. Regisseur Reitman, gerade mal 32 Jahre alt, beweist, dass eine Jugend in Hollywood nicht zwangsläufig ins Verderben führen muss, selbst wenn man an Filmsets aufwächst. Jasons Vater Ivan Reitman ist ebenfalls Regisseur und Produzent, in den achtziger Jahren berühmt und reich geworden mit solidem Blödsinn wie "Ghostbusters". Der Humor von Reitman junior erinnert jedoch eher an elegante Hollywood-Klassiker der dreißiger und vierziger Jahre.
Der größte Star jener Epoche war Cary Grant, der größte Star der Gegenwart ist Grants zeitgenössischer Wiedergänger, George Clooney, 48. Wohl kein anderer Schauspieler kann derzeit so überzeugend einen sympathischen Kotzbrocken verkörpern. Clooneys Image, eine Mischung aus Gentleman und charmantem Filou, konterkariert und übersteigert die fiesen Seiten des Vollstreckers, den er spielt. Bingham sei "das attraktive Gesicht des Kapitalismus", schrieb die "New York Times". Zugleich haben Rolle und Darsteller genügend Gemeinsamkeiten, um perfekt miteinander zu verschmelzen - ein ewiger Junggeselle (Clooney ist zurzeit verbandelt mit der Italienerin Elisabetta Canalis), der rastlos durch die Welt jettet.
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...finde den Fehler! so scheint das Ende eines Filmes zu schreien, der soviel mehr hätte seien können als eine simple Anklage eines in die Jahre gekommenen Kapitalismus. Aber mit Minute zu Minute entpuppt sich die doppelte Ironie, [...] mehr...
Diesen Film habe ich nicht nur als unterhaltsame Wirtschaftkritik wahrgenommen, sondern vorallem als das emotionale Portrait von Ryan Bingham. Schließlich brechen die beiden Frauen seinen emotionalen Schutzpanzer, mit dem er sich, [...] mehr...
Ich will das Ende hier nicht verraten, aber wenn Sie den Unterschied zwischen "Zielen" (ends) und "Bedürfnissen" (needs) einer Figur kennen, ist das Ending dieses Films völlig unbefriedigend. Farmiga [...] mehr...
"Hollywood interpretiert Karl Marx." Wie kommt man denn bitte dazu, so einen Schmu zusammenzuschreiben? Ist denn heutzutage alles, was das offensichtlich marode und menschenfeindliche Wirtschaftssystem kritisch [...] mehr...
Ich hatte das Glück, den Film am Montag in einer Vorpremiere sehen zu dürfen und finde die Kritik hier ausnahmsweise mal ganz nett :-) "Up in the Air" ist wirklich mehr Kömödie als Sozialdrama und unterhält durchweg [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 5/2010
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