Von Martin Wolf
Ein zweiter Oscar - nach 2006, damals für die beste Nebenrolle im Geheimdienst-Thriller "Syriana" - wäre jedenfalls nicht unverdient. Die Nominierungen werden in dieser Woche bekanntgegeben, pünktlich zum Kinostart in Deutschland. "Up in the Air" dürfte in etlichen Kategorien dabei sein. Allein die Grandezza, mit der Clooney durch eine Flughafenhalle schreitet, ist schon fast den Kinobesuch wert.
Doch "Up in the Air" ist keine One-Man-Show. Kaum hat man sich an Bingham und seinen merkwürdigen Job gewöhnt, gerät die asoziale Routine in Gefahr, natürlich durch eine Frau. In einer Hotelbar, natürlich, lernt er Alex (Vera Farmiga) kennen, eine schöne Geschäftsfrau Mitte dreißig, die seine Werte teilt, wie ein Vergleich ihrer Vielfliegerkarten ergibt. "Ich bin die Frau, um die du dich nicht kümmern musst", sagt Alex. "Betrachte mich so, als wäre ich du, nur mit Vagina."
Am Morgen danach sitzen sich Bingham und Alex gegenüber, jeder vor seinem Laptop, und versuchen, in ihrem Terminkalender eine Lücke zu finden für die nächste Liebesnacht.
Eine zweite Frau tritt in Binghams Leben, ob er will oder nicht. Natalie (Anna Kendrick) ist Anfang zwanzig, Absolventin der Cornell-Universität und Binghams neue Kollegin. Gegen die forsche Nachwuchskraft mit dem Pferdeschwanz wirkt Bingham wie ein Sozialarbeiter. Dienstreisen hält sie für Geldverschwendung, sein Geschäftsmodell für antiquiert: Man könne Leute auch feuern, ohne das eigene Büro verlassen zu müssen, per Videokonferenz nämlich. Sie habe da schon ein Verfahren ausgearbeitet. Binghams Chef ist von dem Vorschlag begeistert.
Bingham selbst weniger. Seine Flügel sollen gestutzt werden, statt Business-Class droht Büroalltag in Omaha, Nebraska, eine Katastrophe. Die Lösung: Bingham und Natalie müssen fürs Erste gemeinsam auf Dienstreise gehen, eine Tour durch die von der Rezession gezeichneten USA, durch leergeräumte Großraumbüros und tote Konferenzzimmer, die Gesichter der Entlassenen vor Augen. Der Profi soll der Anfängerin die hohe Kunst des stilvollen Rausschmisses beibringen. Dass es am Ende auch ihn selbst erwischen könnte, scheint nicht ausgeschlossen.
Und wenn Ryan Bingham nicht gefeuert wird, dann fliegt er auch morgen noch über Amerika, in 10.000 Meter Höhe, 322 Tage im Jahr. Irgendwer muss den Job ja schließlich machen.
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© DER SPIEGEL 5/2010
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