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Ausgabe 5/2010
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Kino Der 10-Millionen-Meilen-Mann

2. Teil: Irgendwer muss den Job schließlich machen.


Dass er eigentlich nur sich selbst spiele, hört Clooney nicht zum ersten Mal. "Ich bin nicht völlig ahnungslos, wie Menschen mich wahrnehmen", sagte er in einem Interview. Entscheidend sei, den passenden Stoff zu finden, dann ergebe sich der Rest von allein. Die Leistung eines Schauspielers bestehe in diesem Fall bloß darin, "nicht über die Möbel zu stolpern".

Ein zweiter Oscar - nach 2006, damals für die beste Nebenrolle im Geheimdienst-Thriller "Syriana" - wäre jedenfalls nicht unverdient. Die Nominierungen werden in dieser Woche bekanntgegeben, pünktlich zum Kinostart in Deutschland. "Up in the Air" dürfte in etlichen Kategorien dabei sein. Allein die Grandezza, mit der Clooney durch eine Flughafenhalle schreitet, ist schon fast den Kinobesuch wert.

Doch "Up in the Air" ist keine One-Man-Show. Kaum hat man sich an Bingham und seinen merkwürdigen Job gewöhnt, gerät die asoziale Routine in Gefahr, natürlich durch eine Frau. In einer Hotelbar, natürlich, lernt er Alex (Vera Farmiga) kennen, eine schöne Geschäftsfrau Mitte dreißig, die seine Werte teilt, wie ein Vergleich ihrer Vielfliegerkarten ergibt. "Ich bin die Frau, um die du dich nicht kümmern musst", sagt Alex. "Betrachte mich so, als wäre ich du, nur mit Vagina."

Am Morgen danach sitzen sich Bingham und Alex gegenüber, jeder vor seinem Laptop, und versuchen, in ihrem Terminkalender eine Lücke zu finden für die nächste Liebesnacht.

Eine zweite Frau tritt in Binghams Leben, ob er will oder nicht. Natalie (Anna Kendrick) ist Anfang zwanzig, Absolventin der Cornell-Universität und Binghams neue Kollegin. Gegen die forsche Nachwuchskraft mit dem Pferdeschwanz wirkt Bingham wie ein Sozialarbeiter. Dienstreisen hält sie für Geldverschwendung, sein Geschäftsmodell für antiquiert: Man könne Leute auch feuern, ohne das eigene Büro verlassen zu müssen, per Videokonferenz nämlich. Sie habe da schon ein Verfahren ausgearbeitet. Binghams Chef ist von dem Vorschlag begeistert.

Bingham selbst weniger. Seine Flügel sollen gestutzt werden, statt Business-Class droht Büroalltag in Omaha, Nebraska, eine Katastrophe. Die Lösung: Bingham und Natalie müssen fürs Erste gemeinsam auf Dienstreise gehen, eine Tour durch die von der Rezession gezeichneten USA, durch leergeräumte Großraumbüros und tote Konferenzzimmer, die Gesichter der Entlassenen vor Augen. Der Profi soll der Anfängerin die hohe Kunst des stilvollen Rausschmisses beibringen. Dass es am Ende auch ihn selbst erwischen könnte, scheint nicht ausgeschlossen.

Und wenn Ryan Bingham nicht gefeuert wird, dann fliegt er auch morgen noch über Amerika, in 10.000 Meter Höhe, 322 Tage im Jahr. Irgendwer muss den Job ja schließlich machen.

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insgesamt 5 Beiträge
ocinator 03.02.2010
Ich hatte das Glück, den Film am Montag in einer Vorpremiere sehen zu dürfen und finde die Kritik hier ausnahmsweise mal ganz nett :-) "Up in the Air" ist wirklich mehr Kömödie als Sozialdrama und unterhält durchweg [...]
Zitat von sysopDie Tragikomödie "Up in the Air" ist Hollywoods Antwort auf die Rezession: Echte Arbeitslose spielen Arbeitslose, George Clooney glänzt als Krisengewinnler. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,675026,00.html
Ich hatte das Glück, den Film am Montag in einer Vorpremiere sehen zu dürfen und finde die Kritik hier ausnahmsweise mal ganz nett :-) "Up in the Air" ist wirklich mehr Kömödie als Sozialdrama und unterhält durchweg auf hohem Niveau, ohne zu veralbern und mit der nötigen Ernthaftigkeit bei dem doch sehr schwierigen und eigentlich traurigen Grundthema. Clooneys schauspielerische Leistung ist meines Erachtens nicht sonderlich bemerkenswert, man hat oft das Gefühl das der von ihm gespielte Charakter in vielen Punkten nicht weit von dem realen Menschen entfernt ist. Zumindest latente Bindungsängste sind (mutmaßlich) bei Beiden vorhanden. Vera Farmiga gefiel mehr sehr gut, die Chemie zwischen den Hauptakteuren stimmte einfach. Einzig Newcomerin Anna Kendrick fiel mir negativ auf. Ihre Rolle ist in meinen Augen wenig glaubwürdig (Genaueres möchte ich aufgrund von Spoiler-Alarm nicht verraten), möglicherweise kann sie daher auch schauspielerisch nicht überzeugen. Die Gute ist im "Twilight" Fach einfach besser aufgehoben. Generell bleibt mir zu sagen, daß die Nominierung solch eines soliden, aber wirklich nicht großartigen Films in diversen Kategorien Bände spricht über den sinkenden Anspruch, der in Hollywood zur Norm geworden ist. Die Nominerung für Kendrick in der Supporting Roles Kategorie ist schlicht lächerlich.
hanskuehn 03.02.2010
"Hollywood interpretiert Karl Marx." Wie kommt man denn bitte dazu, so einen Schmu zusammenzuschreiben? Ist denn heutzutage alles, was das offensichtlich marode und menschenfeindliche Wirtschaftssystem kritisch [...]
"Hollywood interpretiert Karl Marx." Wie kommt man denn bitte dazu, so einen Schmu zusammenzuschreiben? Ist denn heutzutage alles, was das offensichtlich marode und menschenfeindliche Wirtschaftssystem kritisch reflektiert, gleich eine Neuauflage des Kapitals? Erstmal lesen hilft ungemein, dann lassen sich auch Analogien und Rückgriffe aufzuzeigen, die in so einer billigen Hollywood-Clooney-Schmonzette sicherlich nicht zu finden sind.
Bala Clava 03.02.2010
Ich will das Ende hier nicht verraten, aber wenn Sie den Unterschied zwischen "Zielen" (ends) und "Bedürfnissen" (needs) einer Figur kennen, ist das Ending dieses Films völlig unbefriedigend. Farmiga [...]
Zitat von ocinatorVera Farmiga gefiel mehr sehr gut, die Chemie zwischen den Hauptakteuren stimmte einfach. Einzig Newcomerin Anna Kendrick fiel mir negativ auf. Ihre Rolle ist in meinen Augen wenig glaubwürdig (Genaueres möchte ich aufgrund von Spoiler-Alarm nicht verraten), möglicherweise kann sie daher auch schauspielerisch nicht überzeugen. Die Gute ist im "Twilight" Fach einfach besser aufgehoben.
Ich will das Ende hier nicht verraten, aber wenn Sie den Unterschied zwischen "Zielen" (ends) und "Bedürfnissen" (needs) einer Figur kennen, ist das Ending dieses Films völlig unbefriedigend. Farmiga dagegen gefiel mir ebenfalls sehr gut, eine vielschichtige Figur, sehr überzeugend gespielt. Aber Kendrick ist auch perfekt besetzt. Anfangs ein richtiger Pain in the ass, wird sie immer sympathischer. Dass das Werk Oscars abräumen könnte, halte ich für höchst unwahrscheinlich.
schmittinchen 05.02.2010
Diesen Film habe ich nicht nur als unterhaltsame Wirtschaftkritik wahrgenommen, sondern vorallem als das emotionale Portrait von Ryan Bingham. Schließlich brechen die beiden Frauen seinen emotionalen Schutzpanzer, mit dem er sich, [...]
Diesen Film habe ich nicht nur als unterhaltsame Wirtschaftkritik wahrgenommen, sondern vorallem als das emotionale Portrait von Ryan Bingham. Schließlich brechen die beiden Frauen seinen emotionalen Schutzpanzer, mit dem er sich, in kombination mit seinem Lebensstil vor der Verantwortung seines Tuns und vor potentiel belastenden verletzenden Beziehungen geschützt hat. Zudemn bröckeln zusehends seine Ansichten. Zum Ende ist er nicht mehr cool, sondern wider Mensch. Seine neuendeckte Emotionalität führt keineswegs in ein glattes Happyend. Bei seiner persöhnlichsten Reise, zum Ende des Films ahnt man als Zuschauer schon, das es für ihn nicht so laufen wird, wie er es sich erhofft. Ich war schon dabei Mitleid zu empfinden. Er findet zwar wieder Zugang zu seiner Familie, aber auf anderer Ebene erfährt er die bittere Seite der Liebe. Hätten die beiden Frauen nicht sein Leben gekreuzt, hätte er noch länger die Sicherheit seiner kleinen Welt genießen können. So aber Endet für ihn alles. Obwohl sein Chef ihn zum Ende wider in sein ehmals geliebtes Universum zurückläßt, so steht er ist von diesem nichts mehr geblieben. Der Film hat mir sehr gefallen. Er hatte Stil, Humor, und Wahrhaftigkeit kombinieren können.
EternalBachelor 04.03.2010
...finde den Fehler! so scheint das Ende eines Filmes zu schreien, der soviel mehr hätte seien können als eine simple Anklage eines in die Jahre gekommenen Kapitalismus. Aber mit Minute zu Minute entpuppt sich die doppelte Ironie, [...]
...finde den Fehler! so scheint das Ende eines Filmes zu schreien, der soviel mehr hätte seien können als eine simple Anklage eines in die Jahre gekommenen Kapitalismus. Aber mit Minute zu Minute entpuppt sich die doppelte Ironie, der Sarkasmus - der noch in "Thank you for smoking" bis zum Ende durchgehalten wurde - als eher prüdes Einsacken im kitschigen amerikanischen Ideal des Settlers, des monogamen Schwans. Vielleicht leidet der Film gerade an seiner Historizität, an seinem Zwang sich der aktuellen Wetterlage anzupassen, anstatt das Potential der Figur eines Ryan im Abstrakten und Symbolischen auszuschöpfen. Die Lebenswelt eines Ryan ist so real, wie die seiner Gegenüber. Sie ist Ausdrucks einer Realität, die der Kapitalismus geschaffen hat und sich im Klischee des Unternehmensberaters festgesetzt hat. Doch könnte ein solches Klischee eine solche Strahlkraft haben ohne auch nur einen Funken von tiefstem Bedürfnis anzusprechen? Sicher, nicht jeder möchte mit einem Ryan teilen, nicht jeder kann seine Abneigung gegenüber allem Definitivem im Privaten teilen. Doch in Zeiten der génération précaire, der zunehmenden Forderung von Flexibilität und Mobilität könnte Ryan das Symbol eines Gegenkonzepts zum sterbenden monogamen Schwan darstellen. Doch gerade dieses lässt der Film am ausgestreckten Arm dadurch verrotten, dass er Alex plötzlich als Doppelnatur - halb Amazone, halb Mutter - ausweist. Und hier liegt der Fehler: eine Beziehung, voller Respekt und auf Augenhöhe, wie sie von Alex und Ryan anfänglich geführt wird wirkt nach Enthüllung der Doppelnatur von Alex konstruiert und unnatürlich. Zu gleich ist sie ihm - eben nur mit einer Vagina - zu groß wäre der Trade off zwischen ihrem Job und Familie um diese Doppelnatur durchhalten zu können. So ist es wohl leider der Historizität des Filmes geschuldet, wenn kein intelligentes und glaubhaftes Alternativ-Konzept zum sterbenden Schwan gezeichnet werden kann. Dieser wirkt im rührseeligen Sumpf von 'zurück zur Familie' und 'Raus aus der traurigen Unabhängigkeit' letzten Endes leider viel zu weiß und der Hai zu schwarz. Zwischen Pionier und Settler hat der Settler den Vorzug bekommen - leider!
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