SPIEGEL: Wenn wir hier inmitten von Berlin eine Ameisenkolonie finden wollten, wie lange müssten wir suchen?
Hölldobler: Jetzt, im Winter, schlafen die. Aber im Sommer müssten Sie nur vors Haus, und schon würden Sie fündig.
SPIEGEL: Und hier im Gebäude?
Hölldobler: Ich will es nicht hoffen. Das wären dann wohl Pharaoameisen, winzige Tiere, die Sie ziemlich leicht von Ihrem Urlaub aus den Tropen mitbringen können. Es genügen ein paar Arbeiterinnen mit ihrer Brut zwischen zwei Buchseiten. Daraus kann eine vollständige neue Kolonie entstehen, die ziemlich schnell immer weiter wächst. Am Ende entwickeln sich daraus Tausende Königinnen in einer Art Superkolonie, die das ganze Haus besetzt.
SPIEGEL: Und wie kann man die wieder loswerden?
Hölldobler: Ganz schwer. An der Harvard University musste einmal sogar der Bau eines Hochsicherheitslabors zur Genmanipulation gestoppt werden, weil das Gebäude von Pharaoameisen befallen war. Man fürchtete, dass die Tiere durch die elektrischen Leitungskanäle dringen und dann genmanipulierte Bakterien hinausschleppen könnten.
SPIEGEL: Sie haben Ihr ganzes akademisches Leben den Ameisen gewidmet. Was fasziniert Sie so sehr daran?
Hölldobler: Fasziniert Sie das nicht? Nehmen Sie nur die Treiberameisen. So ein Volk sieht aus wie eine einzige Amöbe: hundert Meter lange Kolonnen, die sich da vorwärtswälzen und alles einheimsen, was ihnen unterkommt. Und die Beute wird entlang der Kolonne zurücktransportiert ins Biwak; diese Ameisen haben ja keine festen Nester. Das sind Riesengebilde, die je nach Art fächerförmig ausschwärmen oder alle wie eine riesige Walze in die gleiche Richtung eilen. Oder denken Sie an die Blattschneiderameisen ...
SPIEGEL: ... die in Südamerika die Bäume kahlfressen ...
Hölldobler: ... und mit den Blättern dann Pilze züchten. Genau die. Das ist regelrechte Landwirtschaft, was die treiben. Und dazu gibt es eine präzise Kastendemografie von riesigen Soldatinnen, großen, mittelgroßen und winzigen Arbeiterinnen. Die eine Gruppe, mittelgroß, zerkleinert die herangeschafften Blattstücke. Andere wieder kümmern sich um die nahrhaften Endverdickungen des Pilzes. Und jede dieser Größenklassen ist in einem festgelegten Prozentsatz vorhanden. Wenn man ihnen zum Beispiel drei Viertel der riesigen Supersoldaten wegnimmt, dann werden die Larven so lange stärker gefüttert, bis die ursprüngliche Zahl der Soldaten wieder präzise erreicht ist. Das ist, wie wenn Körpergewebe nachwächst.
SPIEGEL: So ein Volk verhält sich also wie ein einziger Organismus?
Hölldobler: Ebendeshalb nennen wir es ja einen Superorganismus. Wir, Edward O. Wilson und ich, versuchen diesen alten Begriff wiederzubeleben. Entscheidend ist, dass die Evolution nicht nur die einzelne Ameise betrifft, sondern auf die Kolonie als Ganzes wirkt. Voraussetzung dafür ist die Arbeitsteilung: Einige wenige Tiere pflanzen sich fort, viele sterile Nestgenossinnen versorgen sie und ihre Brut. Das lässt sich vergleichen mit einem Organismus, wo es ebenfalls eine Arbeitsteilung gibt zwischen den Keimzellen, aus denen die Nachkommen hervorgehen, und dem übrigen Körper, der letztlich nur dafür sorgt, dass diese Keimzellen sich möglichst erfolgreich fortpflanzen.
SPIEGEL: In unserem Körper entwickeln sich einige Zellen zur Leber-, andere aber zur Hirnzelle ...
Hölldobler: ... obwohl sie alle das gleiche Erbgut haben. Bei sozialen Insekten ist das sehr ähnlich. Nur dass es bei ihnen darum geht, ob aus einer Larve eine reproduktive Königin wird, eine Soldatin oder eine winzige Arbeiterin - genetisch sind die Larven ja für jede dieser Karrieren geeignet.
SPIEGEL: Die Königin, so sagen Sie, ist also Spezialistin für die Fortpflanzung.
Hölldobler: Sie ist eine reine Eierlegemaschine. Bei den Blattschneiderameisen bringt sie am Tag rund 29.000 Eier hervor. Im Laufe ihres 10- oder gar 20-jährigen Lebens kann sie bis zu 150 Millionen Nachkommen produzieren.
SPIEGEL: Und die Soldatinnen sind dann das Immunsystem des Superorganismus?
Hölldobler: So könnte man es sehen. Oder nehmen Sie zum Beispiel die Nester, die sind die Haut der Kolonie. Die Blattschneider bauen ja gewaltige Bauten, die acht Meter in die Tiefe reichen und 50 Quadratmeter umfassen. Bei einer Art hat man 90 Meter lange kerzengerade Tunnel gefunden, an deren Ausgängen überhaupt erst ihre Ausfallstraßen zu den umliegenden Ernteplätzen beginnen. Für so winzige Tiere ist das eine Leistung wie die Chinesische Mauer für uns Menschen. Dazuhin graben sie noch Schächte zur Entlüftung, denn der Pilz produziert ja eine Menge Kohlendioxid.
SPIEGEL: Also eine Art Lunge?
Hölldobler: Ja. Und zwar spielen dabei offenbar auch die großen Abfallkammern eine Rolle, in denen es immer zwei, drei Grad wärmer ist als sonst im Bau. Von hier aus steigt ein Strom warmer Luft auf, und im Gegenzug sinkt frische Luft nach unten.
SPIEGEL: Wo sitzt das Gehirn der Kolonie?
Hölldobler: Der ganze Ameisenstaat ist das Gehirn. Auch bei uns ist ja das einzelne Neuron dumm. Nur weil Milliarden davon zusammengeschaltet sind, kommen all unsere grandiosen Leistungen heraus. So ähnlich ist es mit den Ameisen: Ihr Verhaltensrepertoire ist beschränkt. Wenn man aber ein paar Millionen von ihnen zu einem arbeitsteiligen System zusammenschaltet, werden emergente Leistungen möglich, die das Vermögen eines einzelnen Tieres weit übersteigen.
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Der Artikel birgt –wie so vieles, was populärwissenschaftlich dargestellt wird- die Gefahr, missverstanden zu werden. Man muss schon ein bestimmtes biologisches Grundwissen (speziell in den Teilgebieten Ethologie, Evolution, [...] mehr...
die These dass wir nur durch die Aggressivität in höhere Struktur hinein kommen ist Unsinn. Dann dürfte etwas wieChatal Hyhyk Hacilar nicht existieren. Wenn wir tatsächlich permanent nur versucht hätten uns gegenseitig die Nahrung [...] mehr...
"SPIEGEL: Nun gibt es aber auch Ameisenarten wie zum Beispiel die Pharaoameisen, von denen Sie anfangs sprachen. Bei denen bekriegen sich die Kolonien nicht untereinander. Sie haben sich fortentwickelt zur Superkolonie, wo es [...] mehr...
Google arbeitet jedenfalls schon daran mehr...
"Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird." Das ist eine Ansicht, [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 5/2010
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