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Ausgabe 5/2010
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SPIEGEL-Gespräch "Der ganze Staat ist das Hirn"

3. Teil: "Wir sollten nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben"


SPIEGEL: Also eine Art Übergangszustand.

Hölldobler: Einige Ameisenarten befinden sich bis heute darin. Ihre Kolonien bestehen aus vielen Individuen, die zwar Arbeiterinnen genannt werden, aber fast genauso aussehen wie Königinnen. Bis zu 80 Prozent von ihnen sind begattet, ihre Eierstöcke sind gut entwickelt, und sie alle könnten selbst Nachkommen produzieren. Wenn die jeweilige Königin stirbt, gibt es deshalb sofort Dominanzkämpfe wie in einer Affenhorde. Wer am Ende gewinnt, darf sich als Nächstes reproduzieren.

SPIEGEL: Schadet solche Missgunst nicht dem Wohlergehen der Kolonie?

Hölldobler: Und wie. Das schränkt die Kolonien enorm in ihrem Wachstum ein. Die Arbeitsteilung ist bei ihnen relativ schlecht entwickelt. Und auch die Massenkommunikation, mit der sich schnell große Scharen mobilisieren lassen, gibt es nicht.

SPIEGEL: Und worin bestand dann die zweite Stufe der Ameisen-Evolution?

Hölldobler: Darin, dass die Arbeiterin ihre Fähigkeit verliert, sich zu reproduzieren. Dann ist der "Point of no return" überschritten, und es entstehen Riesenkolonien aus Millionen sterilen Tieren, die oft noch in verschiedene Subkasten eingeteilt sind. Jetzt haben wir den echten, den ultimativen Superorganismus, der wachsende Territorien dominieren kann.

SPIEGEL: Dann steigen wohl auch die Ausgaben für den Militärhaushalt?

Hölldobler: Es kommt in der Tat zu kriegsähnlichen Auseinandersetzungen, zu Territorialkämpfen mit riesigen Verlusten. Generell gilt dabei: je heftiger die Konflikte mit den Nachbarn, desto stärker die Kooperation im Inneren.

SPIEGEL: Dies führte dazu, dass Ameisen heute im Amazonas-Regenwald ein Vielfaches der Biomasse ausmachen, die alle Vögel, Säugetiere, Reptilien und Amphibien zusammen bilden. Wenn aber die Lebensform in Staaten so erfolgreich ist, warum gibt es dann bei den Löwen keine Königin; warum gibt es keinen Hühnerstaat und keinen Superorganismus von Bibern?

Hölldobler: Letztlich wissen wir es nicht. Eine richtige Arbeitsteilung zwischen Königin und Arbeiterinnen finden wir bei den Wirbeltieren nur bei den Nacktmullen und den Damara-Graumullen ...

SPIEGEL: ... die nicht gerade der Inbegriff evolutionären Erfolgs sind.

Hölldobler: Richtig. Das einzige Wirbeltier, das den Planeten wirklich dominiert, sind wir - und dies, obwohl unser biologisches Verhalten vergleichsweise simpel ist.

SPIEGEL: Sie wollen behaupten, das soziale Gefüge des Menschen sei primitiv?

Hölldobler: Biologisch betrachtet sind wir eine Primatengesellschaft. Und wenn Sie die soziale Organisation der Schimpansen oder Bonobos betrachten, dann sind diese Systeme im Vergleich zur Ameise simpel. Was unser System so komplex macht, ist der kulturelle Überbau. Und den gibt es bei den Ameisen eben nicht. Ich würde zum Beispiel sagen, dass Sklaverei und das Ausbeuten anderer Gesellschaften vorwiegend kulturell erworben wurden ...

SPIEGEL: ... während Ameisen geborene Sklavenhalter sind?

Hölldobler: Einige Arten schon. Die führen zum Beispiel Raubzüge auf eine andere, nahe verwandte Art aus, greifen sich deren Puppen und schleppen sie in ihr Nest. Wenn diese Puppen geschlüpft sind, helfen sie eifrig mit und ziehen den fremden Nachwuchs auf. Dass sie das jetzt für eine andere Art machen, wissen sie natürlich nicht. Denn sie werden gleich beim Schlüpfen auf den Kolonieduft geprägt.

SPIEGEL: Sklaverei ist für Sie also ein Zeichen hochstehenden sozialen Verhaltens?

Hölldobler: Es ist ein sozial komplexes, evolviertes Verhalten. Wenn man fremde Arbeiterinnen stiehlt, dann braucht man in ihre Aufzucht keine Energie zu stecken. Und die gesparte Energie lässt sich wiederum in Geschlechtstiere investieren.

SPIEGEL: Wie weit, glauben Sie, könnten sich Ameisen noch fortentwickeln? Könnten sie irgendwann vielleicht sogar Bewusstsein hervorbringen?

Hölldobler: Ich glaube nicht, dass das Ameisengehirn selbst komplexer werden wird.

SPIEGEL: Es könnte ja auch der Staat als ganzer Bewusstsein erlangen.

Hölldobler: Ja, manchmal fragt man sich, ob die nicht schon so etwas haben.

SPIEGEL: Und, was denkt die Kolonie?

Hölldobler: Leider kann man das nicht messen. Ameisen leben in einer ganz anderen Welt. Da wage ich nicht, ein Urteil zu fällen. Wir wissen ja nicht einmal, was die einzelne Ameise denkt. Immerhin hat sie nahezu eine Million Neuronen im Kopf. Wir wissen, dass sie damit lernen kann. Und sie macht sicher sehr unterschiedliche Erfahrungen. Warum sollte es da nicht einzelne Ameisen geben, die dank ihrer Erfahrung zum Beispiel besonders gute Jägerinnen sind?

SPIEGEL: Gibt es Hinweise darauf?

Hölldobler: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe in Arizona Ameisen erforscht, die Jagd auf Termiten machen. Eines Tages sehe ich, wie einzelne von ihnen vor den Nestern einer ganz anderen Art sitzen und darauf warten, dass die heimkommen. Und wenn eine von denen eine Termite mitbringt, dann reißen sie ihr die Beute weg und machen sich aus dem Staub. Zwei Wochen habe ich das verfolgt. Und tatsächlich: Immer wieder, Tag für Tag, sind dieselben Wegelagerer an diesem Nest aufgetaucht. Statt, wie ihre Nestgenossinnen, mühsam selbst Jagd auf Termiten zu machen, haben sie gelernt, andere zu beklauen.

SPIEGEL: Können wir Menschen etwas von den Ameisen lernen?

Hölldobler: Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird.

SPIEGEL: Man braucht ja nicht das ganze Staatswesen zu übernehmen ...

Hölldobler: Lehrreich ist auf jeden Fall, dass eine netzwerkartige Arbeitsteilung, bei der Gruppen verschiedener Experten interagieren, außerordentlich effizient ist. Hierarchische Systeme schneiden deutlich schlechter ab - einfach weil sie zu viel Reibung erzeugen. Hierarchien werden ja immer wieder abgesetzt und neu geformt.

SPIEGEL: Für die Gestaltung einer Unternehmenskultur kann das ja eine wichtige Lektion sein.

Hölldobler: Durchaus. Und noch etwas anderes lehren uns die Ameisen: Überall, wo Sie komplex organisierte Kooperation in der Natur haben, finden Sie stets auch aggressive Diskriminierung von Mitgliedern konkurrierender Systeme.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Hölldobler: Wir Menschen bilden zwar keinen Superorganismus, aber es ist kaum mehr als 10.000 Jahre her, dass auch wir, wie die Ameisen, untereinander als Jäger und Sammler in Gruppen um begrenzte Ressourcen konkurriert haben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie von soziologischer Seite proklamiert wurde, das fremdenfeindliche Verhalten, das in uns schlummert, sei erst mit der Erfindung von Besitz und Landwirtschaft in die Welt gekommen. Im Grunde sei der Mensch ein friedvolles Wesen. Das aber ist Quatsch. Friedfertigkeit wäre evolutionsbiologisch völlig widersinnig. Wir sollten deshalb akzeptieren, dass der Mensch schon im Kindergarten typisches Ingroup/Outgroup-Verhalten zeigt. Das gibt es, und das war einstmals eine sinnvolle Anpassung.

SPIEGEL: Wollen Sie damit fremdenfeindliches Verhalten entschuldigen?

Hölldobler: Nein, natürlich nicht. Aber mit der xenophoben Veranlagung ist es wie mit den Weisheitszähnen: Man hat sie, auch wenn man sie am liebsten los wäre. Ich glaube, wir achten in der Kindererziehung viel zu wenig darauf, dass das in uns schlummert. Wenn wir das akzeptieren würden, dann könnten wir mit diesem biologischen Erbe viel besser klarkommen.

SPIEGEL: Nun gibt es aber auch Ameisenarten wie zum Beispiel die Pharaoameisen, von denen Sie anfangs sprachen. Bei denen bekriegen sich die Kolonien nicht untereinander. Sie haben sich fortentwickelt zur Superkolonie, wo es nur noch Kooperation und Einvernehmen gibt.

Hölldobler: Es wäre natürlich toll, wenn es die Menschheit einmal zur globalen Kolonie brächte. Aber ich fürchte, biologisch hat dieses Modell wenig Zukunft.

SPIEGEL: Herr Hölldobler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Manfred Dworschak und Johann Grolle.

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insgesamt 6 Beiträge
sfb 08.02.2010
Bevor jetzt jemand auf dumme Gedanken kommt: Dies bezieht sich auf Insektengesellschaften. Über menschliche Gesellschaften heißt es: ---Zitat--- ...es ist kaum mehr als 10.000 Jahre her, dass auch wir, wie die Ameisen, [...]
Zitat von sysopDer Ameisenforscher Bert Hölldobler über Sklaverei, Völkerwanderungen und kriegerische Schauturniere bei Ameisenkolonien - und die Vorteile einer Sozialstruktur ohne Hierarchien http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,675404,00.html
Bevor jetzt jemand auf dumme Gedanken kommt: Dies bezieht sich auf Insektengesellschaften. Über menschliche Gesellschaften heißt es: ---Zitat--- ...es ist kaum mehr als 10.000 Jahre her, dass auch wir, wie die Ameisen, untereinander als Jäger und Sammler in Gruppen um begrenzte Ressourcen konkurriert haben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie von soziologischer Seite proklamiert wurde, das fremdenfeindliche Verhalten, das in uns schlummert, sei erst mit der Erfindung von Besitz und Landwirtschaft in die Welt gekommen. Im Grunde sei der Mensch ein friedvolles Wesen. Das aber ist Quatsch. Friedfertigkeit wäre evolutionsbiologisch völlig widersinnig. ---Zitatende---
tetaro 08.02.2010
"Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird." Das ist eine Ansicht, [...]
"Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird." Das ist eine Ansicht, die sich zwar intuitiv aufdrängt, aber dennoch ist diese widersinnig unter der Voraussetzung, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Unsere Zellen stören sich anscheinend auch nicht daran, sich dem "Gesamtkörperbewusstsein" unterzuordnen. Wenn der Einzelorganismus sein indivuelles Bewusstsein aufgegeben hat, wird er es auch nicht vermissen, bzw. im Gesamtbewusstsein der Kolonie aufgehen. Wer weiß, wie es wirklich wäre, Teil eines "Borg"-Volkes (siehe Startrek) zu sein mit Zugang zu einem kollektiven Bewusstsein.
MarianTremmel 08.02.2010
Google arbeitet jedenfalls schon daran
Zitat von tetaro"Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird." Das ist eine .....
Google arbeitet jedenfalls schon daran
stubborn 08.02.2010
"SPIEGEL: Nun gibt es aber auch Ameisenarten wie zum Beispiel die Pharaoameisen, von denen Sie anfangs sprachen. Bei denen bekriegen sich die Kolonien nicht untereinander. Sie haben sich fortentwickelt zur Superkolonie, wo es [...]
"SPIEGEL: Nun gibt es aber auch Ameisenarten wie zum Beispiel die Pharaoameisen, von denen Sie anfangs sprachen. Bei denen bekriegen sich die Kolonien nicht untereinander. Sie haben sich fortentwickelt zur Superkolonie, wo es nur noch Kooperation und Einvernehmen gibt. Hölldobler: Es wäre natürlich toll, wenn es die Menschheit einmal zur globalen Kolonie brächte. Aber ich fürchte, biologisch hat dieses Modell wenig Zukunft." So sehr mich dieser Artikel fasziniert hat: im letzten Absatz steckt des Pudels Kern. Herr Hölldobler sollte mit uns heilfroh sein, dass es die Menschheit noch nicht zur globalen Kolonie gebracht hat - obwohl google, wie schon vorbemerkt, daran arbeitet. Sonst sähe es um das System Erde noch düsterer aus. Interessant, dass ein derart aufgeklärter Wissenschaftler nicht seine Erkenntnisse weiterdenkt und auf homo sapiens sapiens überträgt. Der Mensch ist zwar keine Ameise, verhält sich aber - individuell und sozial - als Tier. Die Evolution wird ihn, als zu erfolgreich abschaffen müssen. Zumindest als Massentier. Ob der Krieg gegen sich selbst oder gegen die Bio- und Athmosphäre den Ausschlag gibt, ist unerheblich. Letzlich werden ein paar Millionen oder gar nur Hundertausende irgendwo an der Riveria von vorn beginnen müssen :-)
jensadolf 08.02.2010
die These dass wir nur durch die Aggressivität in höhere Struktur hinein kommen ist Unsinn. Dann dürfte etwas wieChatal Hyhyk Hacilar nicht existieren. Wenn wir tatsächlich permanent nur versucht hätten uns gegenseitig die Nahrung [...]
die These dass wir nur durch die Aggressivität in höhere Struktur hinein kommen ist Unsinn. Dann dürfte etwas wieChatal Hyhyk Hacilar nicht existieren. Wenn wir tatsächlich permanent nur versucht hätten uns gegenseitig die Nahrung weg zu nehmen wären wir niemals Menschheit geworden. Alle Untersuchungen über steinzeitliche Kulturen sprechen eindeutig eine ganz andere Sprache. Zum Beispiel wenn sich in der Vergangenheit zwei Gruppen getroffen haben und sich dann gegenseitig umgebracht hätten wehren sie demnach nicht mehr da. Also ausgelöscht. Tatsache ist nur durch ein Miteinander nur durch einen kooperieren durch Kommunikation kann tatsächlich Evolution geschehen. Einen Vergleich zu schließen aus den Verhalten von Tieren auf Menschen halte ich für grundsätzlich unsinnig. Besser ist es die Signalsprache also die Kommunikation der Tiere untereinander zu beachten welches Signal bei welcher Aktion zum Tragen kommt. Hunde die Streit miteinander haben kämpfen zwar aber der unterlegene legt sich auf den Rücken und zeigt seine Kehle und signalisiert deutlich ich kann nicht mehr. Sofort tritt eine Beißhemmung ein. Nach den üblichen Theorien müsste der überlegene den unterlegenen sofort töten. Nur die These dass der schwächere vom stärkeren aufgefressen wird ist angenehm und bequem. Dadurch brauchen wir uns in unseren Wirtschaftssystemen nicht mehr um die unterlegenen kümmern. Dadurch wird aber nicht nur ein Konkurrent ausgeschaltet sondern eine ganze Kultur. Damit steht für mich fest dass dieser Unsinn sich gegenseitig kaputtmachen zu müssen im wirtschaftlichen oder auch militärischen Bar jeder Vernunft ist.
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Zur Person
Norbert Michalke
Bert Hölldobler, 73, gilt als einer der weltweit führenden Experten für sozial lebende Insekten. Der gebürtige Bayer lehrt an der Arizona State University in Tempe bei Phoenix. Seit Jahren erforscht er speziell die riesigen Staaten hochentwickelter Ameisen, die sich verhalten wie ein einziger Organismus. Mit seinem Freund, dem US-Biologen Edward O. Wilson, hat er zuletzt das Buch "Der Superorganismus" veröffentlicht.
Buchtipp

Bert Hölldobler, Edward O. Wilson:
"Der Superorganismus"
Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten.

Springer Verlag, Heidelberg; 608 Seiten; 79,95 Euro.

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