Hölldobler: Einige Ameisenarten befinden sich bis heute darin. Ihre Kolonien bestehen aus vielen Individuen, die zwar Arbeiterinnen genannt werden, aber fast genauso aussehen wie Königinnen. Bis zu 80 Prozent von ihnen sind begattet, ihre Eierstöcke sind gut entwickelt, und sie alle könnten selbst Nachkommen produzieren. Wenn die jeweilige Königin stirbt, gibt es deshalb sofort Dominanzkämpfe wie in einer Affenhorde. Wer am Ende gewinnt, darf sich als Nächstes reproduzieren.
SPIEGEL: Schadet solche Missgunst nicht dem Wohlergehen der Kolonie?
Hölldobler: Und wie. Das schränkt die Kolonien enorm in ihrem Wachstum ein. Die Arbeitsteilung ist bei ihnen relativ schlecht entwickelt. Und auch die Massenkommunikation, mit der sich schnell große Scharen mobilisieren lassen, gibt es nicht.
SPIEGEL: Und worin bestand dann die zweite Stufe der Ameisen-Evolution?
Hölldobler: Darin, dass die Arbeiterin ihre Fähigkeit verliert, sich zu reproduzieren. Dann ist der "Point of no return" überschritten, und es entstehen Riesenkolonien aus Millionen sterilen Tieren, die oft noch in verschiedene Subkasten eingeteilt sind. Jetzt haben wir den echten, den ultimativen Superorganismus, der wachsende Territorien dominieren kann.
SPIEGEL: Dann steigen wohl auch die Ausgaben für den Militärhaushalt?
Hölldobler: Es kommt in der Tat zu kriegsähnlichen Auseinandersetzungen, zu Territorialkämpfen mit riesigen Verlusten. Generell gilt dabei: je heftiger die Konflikte mit den Nachbarn, desto stärker die Kooperation im Inneren.
SPIEGEL: Dies führte dazu, dass Ameisen heute im Amazonas-Regenwald ein Vielfaches der Biomasse ausmachen, die alle Vögel, Säugetiere, Reptilien und Amphibien zusammen bilden. Wenn aber die Lebensform in Staaten so erfolgreich ist, warum gibt es dann bei den Löwen keine Königin; warum gibt es keinen Hühnerstaat und keinen Superorganismus von Bibern?
Hölldobler: Letztlich wissen wir es nicht. Eine richtige Arbeitsteilung zwischen Königin und Arbeiterinnen finden wir bei den Wirbeltieren nur bei den Nacktmullen und den Damara-Graumullen ...
SPIEGEL: ... die nicht gerade der Inbegriff evolutionären Erfolgs sind.
Hölldobler: Richtig. Das einzige Wirbeltier, das den Planeten wirklich dominiert, sind wir - und dies, obwohl unser biologisches Verhalten vergleichsweise simpel ist.
SPIEGEL: Sie wollen behaupten, das soziale Gefüge des Menschen sei primitiv?
Hölldobler: Biologisch betrachtet sind wir eine Primatengesellschaft. Und wenn Sie die soziale Organisation der Schimpansen oder Bonobos betrachten, dann sind diese Systeme im Vergleich zur Ameise simpel. Was unser System so komplex macht, ist der kulturelle Überbau. Und den gibt es bei den Ameisen eben nicht. Ich würde zum Beispiel sagen, dass Sklaverei und das Ausbeuten anderer Gesellschaften vorwiegend kulturell erworben wurden ...
SPIEGEL: ... während Ameisen geborene Sklavenhalter sind?
Hölldobler: Einige Arten schon. Die führen zum Beispiel Raubzüge auf eine andere, nahe verwandte Art aus, greifen sich deren Puppen und schleppen sie in ihr Nest. Wenn diese Puppen geschlüpft sind, helfen sie eifrig mit und ziehen den fremden Nachwuchs auf. Dass sie das jetzt für eine andere Art machen, wissen sie natürlich nicht. Denn sie werden gleich beim Schlüpfen auf den Kolonieduft geprägt.
SPIEGEL: Sklaverei ist für Sie also ein Zeichen hochstehenden sozialen Verhaltens?
Hölldobler: Es ist ein sozial komplexes, evolviertes Verhalten. Wenn man fremde Arbeiterinnen stiehlt, dann braucht man in ihre Aufzucht keine Energie zu stecken. Und die gesparte Energie lässt sich wiederum in Geschlechtstiere investieren.
SPIEGEL: Wie weit, glauben Sie, könnten sich Ameisen noch fortentwickeln? Könnten sie irgendwann vielleicht sogar Bewusstsein hervorbringen?
Hölldobler: Ich glaube nicht, dass das Ameisengehirn selbst komplexer werden wird.
SPIEGEL: Es könnte ja auch der Staat als ganzer Bewusstsein erlangen.
Hölldobler: Ja, manchmal fragt man sich, ob die nicht schon so etwas haben.
SPIEGEL: Und, was denkt die Kolonie?
Hölldobler: Leider kann man das nicht messen. Ameisen leben in einer ganz anderen Welt. Da wage ich nicht, ein Urteil zu fällen. Wir wissen ja nicht einmal, was die einzelne Ameise denkt. Immerhin hat sie nahezu eine Million Neuronen im Kopf. Wir wissen, dass sie damit lernen kann. Und sie macht sicher sehr unterschiedliche Erfahrungen. Warum sollte es da nicht einzelne Ameisen geben, die dank ihrer Erfahrung zum Beispiel besonders gute Jägerinnen sind?
SPIEGEL: Gibt es Hinweise darauf?
Hölldobler: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe in Arizona Ameisen erforscht, die Jagd auf Termiten machen. Eines Tages sehe ich, wie einzelne von ihnen vor den Nestern einer ganz anderen Art sitzen und darauf warten, dass die heimkommen. Und wenn eine von denen eine Termite mitbringt, dann reißen sie ihr die Beute weg und machen sich aus dem Staub. Zwei Wochen habe ich das verfolgt. Und tatsächlich: Immer wieder, Tag für Tag, sind dieselben Wegelagerer an diesem Nest aufgetaucht. Statt, wie ihre Nestgenossinnen, mühsam selbst Jagd auf Termiten zu machen, haben sie gelernt, andere zu beklauen.
SPIEGEL: Können wir Menschen etwas von den Ameisen lernen?
Hölldobler: Jedenfalls sollten wir nicht einen Staat wie den Ameisenstaat anstreben. Das wäre entsetzlich langweilig. Ich würde nur in einem Staat leben wollen, in dem meine Individualität geschätzt wird.
SPIEGEL: Man braucht ja nicht das ganze Staatswesen zu übernehmen ...
Hölldobler: Lehrreich ist auf jeden Fall, dass eine netzwerkartige Arbeitsteilung, bei der Gruppen verschiedener Experten interagieren, außerordentlich effizient ist. Hierarchische Systeme schneiden deutlich schlechter ab - einfach weil sie zu viel Reibung erzeugen. Hierarchien werden ja immer wieder abgesetzt und neu geformt.
SPIEGEL: Für die Gestaltung einer Unternehmenskultur kann das ja eine wichtige Lektion sein.
Hölldobler: Durchaus. Und noch etwas anderes lehren uns die Ameisen: Überall, wo Sie komplex organisierte Kooperation in der Natur haben, finden Sie stets auch aggressive Diskriminierung von Mitgliedern konkurrierender Systeme.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Hölldobler: Wir Menschen bilden zwar keinen Superorganismus, aber es ist kaum mehr als 10.000 Jahre her, dass auch wir, wie die Ameisen, untereinander als Jäger und Sammler in Gruppen um begrenzte Ressourcen konkurriert haben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie von soziologischer Seite proklamiert wurde, das fremdenfeindliche Verhalten, das in uns schlummert, sei erst mit der Erfindung von Besitz und Landwirtschaft in die Welt gekommen. Im Grunde sei der Mensch ein friedvolles Wesen. Das aber ist Quatsch. Friedfertigkeit wäre evolutionsbiologisch völlig widersinnig. Wir sollten deshalb akzeptieren, dass der Mensch schon im Kindergarten typisches Ingroup/Outgroup-Verhalten zeigt. Das gibt es, und das war einstmals eine sinnvolle Anpassung.
SPIEGEL: Wollen Sie damit fremdenfeindliches Verhalten entschuldigen?
Hölldobler: Nein, natürlich nicht. Aber mit der xenophoben Veranlagung ist es wie mit den Weisheitszähnen: Man hat sie, auch wenn man sie am liebsten los wäre. Ich glaube, wir achten in der Kindererziehung viel zu wenig darauf, dass das in uns schlummert. Wenn wir das akzeptieren würden, dann könnten wir mit diesem biologischen Erbe viel besser klarkommen.
SPIEGEL: Nun gibt es aber auch Ameisenarten wie zum Beispiel die Pharaoameisen, von denen Sie anfangs sprachen. Bei denen bekriegen sich die Kolonien nicht untereinander. Sie haben sich fortentwickelt zur Superkolonie, wo es nur noch Kooperation und Einvernehmen gibt.
Hölldobler: Es wäre natürlich toll, wenn es die Menschheit einmal zur globalen Kolonie brächte. Aber ich fürchte, biologisch hat dieses Modell wenig Zukunft.
SPIEGEL: Herr Hölldobler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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