Von Philip Bethge
Der 26-Jährige und seine Mitstreiter der New Yorker Gruppe für "Evolutionary Fitness" (EF) sind Teil einer wachsenden Subkultur, die Glück und Gesundheit im Leben ihrer paläolithischen Vorfahren sucht. "Jäger und Sammler" oder "Paläos" nennen sie sich, ein eingeschworener Clan moderner Steinzeitmenschen. Ihr Glaubenssatz: Am besten ist der Körper an jenes Leben angepasst, das der Mensch vor mehreren zehntausend Jahren führte.
Viel Fleisch gehört zum Speiseplan der Wildbeuter des 21. Jahrhunderts. Sie üben sich im Klettern, trainieren Sprints und Sprünge, als wären sie noch immer auf der Hut vor marodierenden Mammuts. Manche betrachten sogar das Blutspenden als Teil ihres Urzeitdaseins: Schließlich hätten auch die Altvordern viel Blut im Kampf mit dem Säbelzahntiger vergossen.
Jagen und Sammeln im Rhythmus der Jahreszeiten
"Was haben die Menschen damals gegessen? Wie haben sie sich bewegt? Und was heißt das für uns heute?", fragt Durant. Die Antworten, so findet er, lägen auf der Hand. Die menschlichen Gene seien für ein Dasein auf Wanderschaft optimiert, für ein Leben des Jagens und Sammelns im Rhythmus der Jahreszeiten.
"Das Leben unserer Vorfahren war ein immerwährender Campingtrip", bestätigt Arthur De Vany, "nur eben ohne Campingkocher und Energieriegel." Der emeritierte Wirtschaftsprofessor ist eine Art Vordenker der Bewegung. "Es geht nicht darum, die Steinzeitmenschen zu verklären", sagt er. Doch lasse die Evolution Rückschlüsse zu, die ein gesünderes und glücklicheres Leben versprächen.
De Vany wohnt mit seiner Frau Carmela in einem kleinen Flecken namens Washington in der Wüste Utahs. Aus seinem Wohnzimmer geht der Blick hinaus auf das Grün eines Golfplatzes. "Morgens sprinte ich dort häufig ein bisschen hin und her", sagt der 72-Jährige. Seit 25 Jahren folgt er seinem Programm. Sein Körper ist der eines durchtrainierten Mittvierzigers, 185 Zentimeter groß und 95 Kilo schwer, "mit einem Körperfettanteil von acht Prozent". De Vany schlägt einen Golfball über 250 Meter weit. Und um seine Muskeln so richtig zu fordern, zerrt er schon mal seinen Geländewagen am Seil über seine Auffahrt.
Nur zweimal pro Woche trainiert der Steinzeitfan, jeweils für kaum eine Stunde. Dauerstress wie etwa beim Joggen hält er für schädlich. "Können Sie sich vorstellen, wie schwer es ist, ein Mammut mit einem Stein zu zerlegen?", fragt der Fitnessguru. Der Schlüssel zum Glück liege in kurzer aber harter Körperarbeit.
Auch die Ernährung folgt strikten Regeln: Paläo-Kost darf nur heißen, was schon dem Urahn unter das Steinmesser kam. Müsli? Für die Fred Feuersteins der Gegenwart ein Grauen. Spaghetti? "Ein Teller voll Zucker", sagt De Vany. Kohlenhydrate in jeglicher Form gelten ihm als Teufelszeug. Kartoffeln, Schokolade, Pizza, Brot, aber auch Milch, Käse und raffinierte Öle verschmähen die EF-Fans. Stattdessen gibt es viel Wildfleisch und Fisch, frisches Gemüse, Samen und Früchte.
Eiskalte Nächte - ohne Kleidung
"Wir versuchen, nur das zu essen, was es schon vor Erfindung der Landwirtschaft gab", erläutert De Vany. Variation ist ihm dabei Gesetz: Mal kredenzt Carmela gebratenen Truthahn mit Speck zum Frühstück, mal gibt es eine halbe Avocado.
Vom Leben der Urahnen hat der Professor eine erstaunlich genaue Vorstellung. "Ich bewundere ihre Fähigkeiten und ihre Härte", staunt er. "Sie konnten eiskalte Nächte ohne Kleidung überstehen."
De Vany ist Romantiker. Und doch bestätigen Forscher manch eine seiner Thesen. Die Medizinerin Lynda Frassetto von der University of California in San Francisco etwa setzte gesunden Probanden für nur zehn Tage eine Paläo-Diät aus magerem Fleisch, Früchten, Gemüse und Nüssen vor. Alles andere war verboten. Der Blutdruck der Testpersonen verbesserte sich, der Insulinspiegel sank.
Auch der US-Forscher Loren Cordain fordert "artgerechte Ernährung". Bei "durchschnittlicher Steinzeitkost", errechnete er, liege der Fett- und Eiweißanteil zwischen 60 und 80 Prozent. Die heutige kohlenhydratreiche Kost passe nicht zur genetischen Ausstattung des Menschen und sei Grund für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck.
"Gesunde Steinzeitmenschen waren weit stärker und fitter, als wir es heute sind", bestätigt der US-Anthropologe John Shea. Aus winzigen Rissen in den Knochen längst verblichener Jäger und Sammler kann der Forscher ablesen, wie es um die Urahnen stand: "Ihre Aktivität war sehr variabel; auf der Nahrungssuche sind sie viel gelaufen; gejagt haben sie wohl nur einmal pro Woche."
Zwar sei die durchschnittliche Lebenserwartung gering gewesen. Doch dies sei nicht Siechtum, sondern Infektionen, Unfällen und einer hohen Säuglingssterblichkeit geschuldet.
Das Leben in der Wildnis macht schlank
Ist es also wirklich sinnvoll, sich der animalischen Vergangenheit hinzugeben? Richard Nikoley aus dem kalifornischen San Jose ist davon überzeugt. "Free The Animal" heißt seine Webpage. Sein eigenes inneres Tier hat er bereits von der Leine gelassen. Vor drei Jahren wog er noch über 100 Kilogramm. Heute sind es fast 30 weniger. "So stark wie noch nie in meinem Leben" fühle sich der 49-Jährige.
Besonders gern zeigt sich Nikoley nun barbrüstig. Vor Qualen schreckt er nicht zurück. "Tiere jagen nicht mit vollem Magen", befindet er. 30 Stunden lang hat der Geschäftsmann daher schon bis zum folgenden Training gefastet. Erst danach aß er wieder. Sein Befund: "Ich hatte noch nie einen so klaren Kopf."
Oder der New Yorker Durant: Er schloss kürzlich Freundschaft mit einem Vorturner der Bewegung. Erwan Le Corre, 38, ist eine Art Steinzeit-Wiedergänger. Zwar trägt der Franzose Sporthosen statt eines Lendenschurzes. Seinem Körper jedoch traut man den Kampf mit dem Wollnashorn durchaus zu.
Le Corres Fitnessclub ist die Wildnis. In seinen Kursen kriecht die Klientel auf allen vieren durchs Unterholz, spielt Abwerfen mit Steinen, groß wie Bowlingkugeln, oder rennt - weitgehend entblößt - durch den Urwald. "Es war großartig", berichtet Durant über einen kürzlichen Besuch im Trainingscamp des Meisters in Mexiko, "wir sind auf Bäume geklettert, wir haben gelernt, wie man richtig springt, und wir haben Baumstämme geschleppt."
Wie eintönig erscheint dagegen das Dasein des durchschnittlichen Weicheis der Neuzeit. "Wir leben wie Laborratten; ohne Gefahren, vollklimatisiert und mit vorhersagbarer Nahrungsversorgung", klagt De Vany. Der Käfignager lebe zwar dreimal so lange wie der Durchschnitt seiner wilden Artgenossen. Aber zu welchem Preis!
"Es gibt einen Versuch, bei dem man eine Ratte an einen Draht hängt und schaut, wie lange sie sich festhalten kann", sagt De Vany. "Die Laborratte plumpst nach kurzer Zeit zu Boden."
Und die wilde Ratte? "Die zieht sich hoch und verschwindet."
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Den Artikel kann ich nur unterstreichen. Wissenschaftlich betrachtet macht das absolut sinn, die Quellen dazu finden sich in so umfangreich und solide recherchierten Büchern wie "Good Calories, Bad Calories". Davon mal [...] mehr...
klar ist das nicht unbedingt die ultima ratio, nur: jetzt geht es allen Beteiligten besser. Männer und Frauen müßen sich neu finden (wollen), wenn sie erstmal ihr Rollenverständnis für sich herausgefunden haben. Erst dann kann's [...] mehr...
Quellenangabe hab ich leider keine mehr, hab dazu ein Buch während meines Studiums gelesen. Aber sprach ja auch nicht von den Schwarzfuss, sondern von den Nördlichen Schwarzfuss. Es gab Gruppen die bis 1920er Jahre keinen [...] mehr...
:-))) Ja gut, beim heutigen Beziehungs- und Wirtschaftsmodell ist das sicherlich ein Hauptstressor... mehr...
mein Gewinn an Lebensqualität und Leichtigkeit (182/72, vor einem Jahr 182/83 incl. Hypertonie) hatte mehrere Ursachen. Eine wesentliche und psychische war die mir im familiären Bereich dadurch entstandene Erleichterung, daß [...] mehr...
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