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Ausgabe 6/2010
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Lateinamerika Sterbende Generation

Ein Massaker und Dutzende Tote an einem einzigen Wochenende - den Drogenkrieg in Mexiko droht der Staat zu verlieren. Überall auf dem Kontinent ist die Rauschgiftmafia auf dem Vormarsch. Jetzt fordern Politiker die Freigabe von Drogen und damit eine politische Wende.


Die Killer kamen in vier oder fünf Geländewagen. Sie sperrten die Straße im Arbeiterviertel Salvárcar ab. Dort, in Ciudad Juárez, feierten 60 Schüler gerade eine Geburtstagsparty.

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Die Eindringlinge eröffneten aus automatischen Waffen das Feuer auf die Feiernden. 16 von ihnen starben in dem Kugelhagel am vorvergangenen Wochenende, die meisten waren Jugendliche, zwischen 15 und 19 Jahre alt, viele waren Sportler, sie gehörten zu einem Baseball-Team. Einer von ihnen, José Adrián Encina, war vor kurzem als bester Schüler seines Jahrgangs ausgezeichnet worden.

Es war das bislang blutigste Wochenende dieses Jahres in der berüchtigten mexikanischen Grenzstadt: 43 Menschen starben eines gewaltsamen Todes. Das Massaker, so sagt die Regierung, habe mit einer Fehde im Drogenmilieu zu tun; die meisten Opfer waren unschuldige Schüler, halten die betroffenen Familien dagegen.

Auch in anderen Städten Mexikos wütete in den vergangenen Tagen der Terror: In Iguala, im Südwesten, wurden sieben Leichen gefunden; die Opfer waren erstickt, die Mörder hatten ihnen Paketband auf Mund und Nase geklebt. In Quiroga wurden der Polizeichef und zwei weitere Beamte erschossen, und in Zitácuaro fanden sich mehrere Plastiktüten mit Leichenteilen.

Mexikos Drogenkrieg wird immer brutaler. 45.000 Soldaten und Bundespolizisten hat Präsident Felipe Calderón in den Kampf gegen die Rauschgiftmafia geschickt. 5000 von ihnen patrouillieren allein in den Straßen von Ciudad Juárez.

Dennoch steigt der Blutzoll unaufhörlich: Bis zu Calderóns Amtsantritt im Dezember 2006 starben in der Grenzstadt täglich zwei Menschen eines gewaltsamen Todes, 2008 waren es schon fünf, im vergangenen Jahr stieg die Mordrate auf sieben Tote pro Tag. Insgesamt kamen in Mexiko seit 2007 mehr als 15.000 Menschen im Drogenkrieg um.

Aber das Geschäft mit dem Rauschgift boomt: 2009 stieg Mexiko zum zweitgrößten Marihuana-Produzenten der Welt auf, arme Kleinbauern pflanzen inzwischen Cannabis statt Mais und Bohnen. Frustrierte Regierungsbeamte halten den Drogenkrieg schon für verloren.

Es ist eine Niederlage, die ganz Lateinamerika betrifft: Überall zwischen Feuerland und Rio Grande ist die Rauschgiftmafia auf dem Vormarsch. In der einstigen kolumbianischen Kokain-Metropole Medellín, die vor sieben Jahren nach einem blutigen Einsatz des Militärs als "befriedet" galt, wurden vergangenes Jahr wieder über 1800 Menschen ermordet. Die meisten seien Opfer im Krieg zwischen "Mini-Kartellen", sagt die Regierung. Im benachbarten Peru betreibt die Terrororganisation "Leuchtender Pfad" ihr Comeback, nachdem sie in großem Stil in den Kokainhandel eingestiegen ist.

In Bolivien haben sich die Anbauflächen für Koka unter dem Indio-Präsidenten Evo Morales bis Ende 2008 um fast elf Prozent erhöht. Und in Argentinien tragen Dealer-Banden ihre Vendetta in den Vororten von Buenos Aires aus. Immer dreister und immer brutaler werden die Gangster: In der Olympiastadt Rio de Janeiro schossen sie jüngst einen Polizeihubschrauber ab, über 300 Elendsviertel sind dort in der Hand der Kriminellen.

Eine ganze Generation junger Lateinamerikaner stirbt auf den Killing Fields des Drogenkriegs. Viele sind noch halbe Kinder, die meisten arm und dunkelhäutig. Wer überlebt, endet in der Regel in überfüllten Gefängnissen - und die werden ebenfalls von der Drogenmafia kontrolliert.

"Das sind Schulen des Verbrechens", warnt Rubem César Fernandes, Leiter der angesehenen Hilfsorganisation Viva Rio in Brasilien: "Mit Repression ist der Kampf gegen die Drogen nicht mehr zu gewinnen."

Etliche Milliarden Dollar geben Lateinamerikas Regierungen jährlich für den Kampf gegen die Rauschgiftkartelle aus. In Mexiko und Kolumbien haben sie die Streitkräfte in den Drogenkrieg geschickt, zusätzlich leisten die USA seit Jahrzehnten üppige Militärhilfe für den Süden des Kontinents. Doch die wirtschaftliche Macht der Kartelle ist ungebrochen: Sie korrumpierten Polizisten und Soldaten, sie kauften Politiker und Richter, sie unterwandern komplette Staaten - wie Guatemala, Kolumbien und Mexiko.

Deshalb haben drei angesehene Ex-Präsidenten den von Washington unterstützten Drogenkrieg für gescheitert erklärt. Der Brasilianer Fernando Henrique Cardoso, der Mexikaner Ernesto Zedillo und der Kolumbianer César Gaviria plädieren dafür, Rauschgift kontrolliert freizugeben (siehe SPIEGEL-Interview im E-Paper).

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insgesamt 52 Beiträge
Berta 12.02.2010
Das ist kein Drogenkrieg das ist Bürgerkrieg Arm gegen Reich.
Zitat von sysopEin Massaker und Dutzende Tote an einem einzigen Wochenende - den Drogenkrieg in Mexiko droht der Staat zu verlieren. Überall auf dem Kontinent ist die Rauschgiftmafia auf dem Vormarsch. Jetzt fordern Politiker die Freigabe von Drogen und damit eine politische Wende. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,676560,00.html
Das ist kein Drogenkrieg das ist Bürgerkrieg Arm gegen Reich.
na, zum Glück nicht so arm, dass sie sich nicht die neuesten Waffen aus den USA beschaffen könnten /Sarkasmus Ende
Zitat von BertaDas ist kein Drogenkrieg das ist Bürgerkrieg Arm gegen Reich.
na, zum Glück nicht so arm, dass sie sich nicht die neuesten Waffen aus den USA beschaffen könnten /Sarkasmus Ende
-janbo- 12.02.2010
Mal davon abgesehen das beim Umgang mit Alkohol,Nikotin und anderen BTM schon viel zu lange mit zweierlei Maß gemessen wird, belegen einige Studien schon seit Jahren, dass die Entkriminalisierung von Cannabis nicht zu einem [...]
Mal davon abgesehen das beim Umgang mit Alkohol,Nikotin und anderen BTM schon viel zu lange mit zweierlei Maß gemessen wird, belegen einige Studien schon seit Jahren, dass die Entkriminalisierung von Cannabis nicht zu einem massiven Konsumanstieg führt, sondern ganz im Gegenteil, ihn sogar reduziert. Man holt den Konsumenten aus dem Umfeld der Illegalität und nimmt dem kriminellen Drogenhändler die Grundlage. Dies wird vielerorts ja allein schon deswegen gefordert, weil dadurch die "Sauberkeit" des Stoffes besser zu kontrollieren ist. Bestes Beispiel sind da die Niederlande denke ich. Viele Gelder die für die Bekämpfung, welche faktisch kaum etwas bingt, könnten viel besser angelegt werden, von möglichen Steuereinnahmen mal abgesehen. Ob die Entkriminalisierung von weitaus gefährlicheren Drogen, welche wie Alkohol und Nikotin, körperlich abhängig machen, dagegen so sinnvoll ist weiß ich nicht.
onkel hape 12.02.2010
Trauriger, deprimierender Artikel, der die grausame Realität und die Hilflosigkeit der jeweiligen Regierungen und ihrer Exekutive zutreffend beschreibt. Die Legalisierung/Freigabe von Drogenhandel und -verbrauch wäre einerseits [...]
Trauriger, deprimierender Artikel, der die grausame Realität und die Hilflosigkeit der jeweiligen Regierungen und ihrer Exekutive zutreffend beschreibt. Die Legalisierung/Freigabe von Drogenhandel und -verbrauch wäre einerseits die bedauerliche Kapitulation vor dem organisierten Verbrechen, andererseits ist sie vielleicht der einzige noch verbliebene Weg, diesem unfassbaren Geschehen und seinen grauenhaften Folgen ein Ende zu bereiten.
Berta 12.02.2010
Das ist aber auch blöd,das die anderen jetzt auch Waffen haben. /Sarkasmus Ende
Zitat von gelegentlicher Leserna, zum Glück nicht so arm, dass sie sich nicht die neuesten Waffen aus den USA beschaffen könnten /Sarkasmus Ende
Das ist aber auch blöd,das die anderen jetzt auch Waffen haben. /Sarkasmus Ende
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Mexikos Kartelle
Das Sinaloa-Kartell ist eine der mächtigsten Organisationen in Mexiko und Lateinamerika. Sie kämpft erbittert gegen das Juárez-Kartell, um die Kontrolle über die Grenzstadt Ciudad Juárez zu den USA zu übernehmen. Legendäre Führungsfigur ist Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", dem 2001 die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelang und der es vergangenes Jahr mit seinem Milliardenvermögen auf Platz 41 der 67 "mächtigsten Menschen der Welt" des US-Magazins "Forbes" schaffte. Die Regierung in Mexiko-Stadt hat eine Belohnung von fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt.





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