Von Jens Glüsing
Es war das bislang blutigste Wochenende dieses Jahres in der berüchtigten mexikanischen Grenzstadt: 43 Menschen starben eines gewaltsamen Todes. Das Massaker, so sagt die Regierung, habe mit einer Fehde im Drogenmilieu zu tun; die meisten Opfer waren unschuldige Schüler, halten die betroffenen Familien dagegen.
Auch in anderen Städten Mexikos wütete in den vergangenen Tagen der Terror: In Iguala, im Südwesten, wurden sieben Leichen gefunden; die Opfer waren erstickt, die Mörder hatten ihnen Paketband auf Mund und Nase geklebt. In Quiroga wurden der Polizeichef und zwei weitere Beamte erschossen, und in Zitácuaro fanden sich mehrere Plastiktüten mit Leichenteilen.
Mexikos Drogenkrieg wird immer brutaler. 45.000 Soldaten und Bundespolizisten hat Präsident Felipe Calderón in den Kampf gegen die Rauschgiftmafia geschickt. 5000 von ihnen patrouillieren allein in den Straßen von Ciudad Juárez.
Dennoch steigt der Blutzoll unaufhörlich: Bis zu Calderóns Amtsantritt im Dezember 2006 starben in der Grenzstadt täglich zwei Menschen eines gewaltsamen Todes, 2008 waren es schon fünf, im vergangenen Jahr stieg die Mordrate auf sieben Tote pro Tag. Insgesamt kamen in Mexiko seit 2007 mehr als 15.000 Menschen im Drogenkrieg um.
Aber das Geschäft mit dem Rauschgift boomt: 2009 stieg Mexiko zum zweitgrößten Marihuana-Produzenten der Welt auf, arme Kleinbauern pflanzen inzwischen Cannabis statt Mais und Bohnen. Frustrierte Regierungsbeamte halten den Drogenkrieg schon für verloren.
Es ist eine Niederlage, die ganz Lateinamerika betrifft: Überall zwischen Feuerland und Rio Grande ist die Rauschgiftmafia auf dem Vormarsch. In der einstigen kolumbianischen Kokain-Metropole Medellín, die vor sieben Jahren nach einem blutigen Einsatz des Militärs als "befriedet" galt, wurden vergangenes Jahr wieder über 1800 Menschen ermordet. Die meisten seien Opfer im Krieg zwischen "Mini-Kartellen", sagt die Regierung. Im benachbarten Peru betreibt die Terrororganisation "Leuchtender Pfad" ihr Comeback, nachdem sie in großem Stil in den Kokainhandel eingestiegen ist.
In Bolivien haben sich die Anbauflächen für Koka unter dem Indio-Präsidenten Evo Morales bis Ende 2008 um fast elf Prozent erhöht. Und in Argentinien tragen Dealer-Banden ihre Vendetta in den Vororten von Buenos Aires aus. Immer dreister und immer brutaler werden die Gangster: In der Olympiastadt Rio de Janeiro schossen sie jüngst einen Polizeihubschrauber ab, über 300 Elendsviertel sind dort in der Hand der Kriminellen.
Eine ganze Generation junger Lateinamerikaner stirbt auf den Killing Fields des Drogenkriegs. Viele sind noch halbe Kinder, die meisten arm und dunkelhäutig. Wer überlebt, endet in der Regel in überfüllten Gefängnissen - und die werden ebenfalls von der Drogenmafia kontrolliert.
"Das sind Schulen des Verbrechens", warnt Rubem César Fernandes, Leiter der angesehenen Hilfsorganisation Viva Rio in Brasilien: "Mit Repression ist der Kampf gegen die Drogen nicht mehr zu gewinnen."
Etliche Milliarden Dollar geben Lateinamerikas Regierungen jährlich für den Kampf gegen die Rauschgiftkartelle aus. In Mexiko und Kolumbien haben sie die Streitkräfte in den Drogenkrieg geschickt, zusätzlich leisten die USA seit Jahrzehnten üppige Militärhilfe für den Süden des Kontinents. Doch die wirtschaftliche Macht der Kartelle ist ungebrochen: Sie korrumpierten Polizisten und Soldaten, sie kauften Politiker und Richter, sie unterwandern komplette Staaten - wie Guatemala, Kolumbien und Mexiko.
Deshalb haben drei angesehene Ex-Präsidenten den von Washington unterstützten Drogenkrieg für gescheitert erklärt. Der Brasilianer Fernando Henrique Cardoso, der Mexikaner Ernesto Zedillo und der Kolumbianer César Gaviria plädieren dafür, Rauschgift kontrolliert freizugeben (siehe SPIEGEL-Interview im E-Paper).
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© DER SPIEGEL 6/2010
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